Nach der Zusage, dass ich für Japan ausgewählt wurde, ging die Organisation des Aufenthalt auch gleich los. Ich wurde gleich mit der japanischen IPPNW Koordinatorin Fumiko und der Koordinatorin für internationale Studierende der Hiroshima Universität Ms. Watari in Verbindung gesetzt und beide haben mir das Leben echt einfach gemacht. In nur ein paar Wochen, war schon mein ganzer Aufenthalt durchgeplant und ich konnte super früh und beruhigt Flüge buchen.
Ich wurde am Tag der Anreise auch gleich vom Bahnhof abgeholt und habe die erste Nacht im Hotel verbracht. Am zweiten Tag konnte ich dann in meiner kleinen 1-Zimmer Wohnung auf dem Krankenhaus Gelände «einchecken». Die Wohnung war sehr gut ausgestattet: eigene Waschmaschine, Badezimmer, eine Mikrowelle, eine kleine Küche und natürlich ein Bett. Die Unterkunftskosten wurden vollständig von der Uni bzw. der IPPNW Japan übernommen. 3 Minuten entfernt waren dann alle Krankenhausgebäude, das Büro von Ms. Watari und die Mensa, die preislich den Berliner Mensen ähnelt, so dass es sich immer gelohnt hat, dort zu essen. Der einzige Nachteil an der Wohnung war das fehlende W-Lan, ich hatte nur ein Lan-Kabel für mein Laptop… so dass ich mir dann gleich eine kleine Internet Box zum gekauft habe.
Während den ersten Tage in Hiroshima habe mich intensiv mit der Geschichte von Hiroshima und den Folgen der Atombombe auseinandergesetzt. Mit Fumiko habe ich die Radiation Effects Research Foundation besucht, die ursprünglich ein Forschungszentrum der amerikanischen Regierung war aber seit Mitte der 70er Jahren zur Hälfte auch von der japanischen Regierung verwaltet wird. Dort haben wir eine kleine Führung bekommen und uns wurden die Forschungsergebnisse zur Ausbreitung von radioaktiver Strahlung vom Explosionsepizentrum und zum Einfluss von Strahlung auf die Krebsinzidenz präsentiert. Am ersten Wochenende fing dann für mich meine Summer School zum Thema: Smart cities an. Da man in Japan nicht so richtig Projekte hat, sondern eher an Workshops/ Summer school teilnimmt, fand ich es sehr cool Mal ausserhalb vom medizinischen Fach neues Wissen zu sammeln. Mit anderen Studis aus Japan, Indien, England und Australien haben wir dann zu den Themen Mobilität, digitale Transformation und CO2-Neutralität Vorträge gehört und selber Ideen und Projekte präsentiert. Ich fand es sehr angenehm gleich am Anfang meines Aufenthalt diese Summer School zu machen, weil ich so andere Studierende aus der ganzen Welt und vor allem aus Japan kennenlernen konnte. Am ersten Wochenende fand auch die jährliche Gedenkfeier zum Atombombenabwurfs statt, wo wir dann als Gäste dabei sein durften. Gemeinsam mit den anderen Studis sind wir dann ins Peace Memorial Museum gegangen und hatten dann die Chance Keiko Ogura, eine Hibakusha (=Überlebende der Atombombe) kennenzulernen, die mit uns dann ihre Erinnerungen von 6. August 1945 geteilt hat.
Mitte August habe ich dann meine Famulatur in der Viszeral- und Transplantationschirurgie am Hiroshima University Hospital angefangen. Ich wurde einer Gruppe von 9. Semestlern zugeteilt und habe dann mit denen alle Kurse besucht. Mein Stundenplan war nicht sehr voll, so dass ich viel Zeit hatte selber Sachen nachzulesen oder mich mit anderen Chirurginnen und Forschende über ihre Arbeit und Forschungsprojekte zu unterhalten. Alle klinischen Kurse waren leider auf Japanisch, aber die Folien wurden für mich auf Englisch übersetzt, so dass ich immerhin wusste worüber die Gruppe gesprochen hat. Bei den praktischen Kursen konnte ich dann wieder mehr mitnehmen, da haben wir das Nähen mit Pinzetten und mit Laparoskop geübt. Zwei Mal die Woche waren wir dann im OP und haben zugeschaut: ich habe viele Lebersegmentresektionen, Resektionen von kolorektalen Tumoren, Magenbypass-Operationen gesehen. Highlight für mich waren die zwei Nierenentnahmen und Transplantationen. Allgemein dürfen die japanischen Studis fast nichts im Krankenhaus machen, so dass ich im Voraus schon wusste, dass ich anders als bei Famulaturen in Deutschland nur zuschauen werde. Nichtdestotrotz waren alle Ärztinnen super hilfsbereit und haben immer versucht mir die OPs zu erklären und meine Fragen zu beantworten.
Vorort hat der lokale IPPNW-Verein auch viel mit mir gemacht. Mit dem Dr. Yoshikuni und andere IPPNW- Studis sind wir nach Okunoshima Island gefahren, eine im zweiten Weltkrieg geheime Insel, die zur Produktion von Giftgasen genutzt wurde. Neben den vielen niedlichen Kaninchen, die dort leben, gibt die Insel Einblicke in die Verbrechen des japanischen Kaiserreichs während des Zweiten Weltkriegs. Neben den zahlreichen Zivilisten die an diesen Giftgasen verstorben sind oder verletzt wurden, haben auch viele lokale Arbeiter*innen durch die schlechten Arbeitsbedingungen und das Einatmen von Giftdämpfen schwere Erkrankungen entwickelt. Masato Yukitake, die Tochter eines Arztes, der viele von den ehemaligen Arbeiter*innen behandelt hat, hat uns durch das Museum und die Insel geführt. Es war sehr inspirierend sie kennenzulernen, weil sie mit ihrem Vater viel Arbeit geleistet hat, damit die Geschichte dieser Arbeiter*innen anerkannt wird und in der Öffentlichkeit seinen Stellenwert bekommt. Zusätzlich bin ich auch mit Medizin-Studis aus Hiroshima für ein Wochenende nach Nagasaki gefahren, wo wir ein Stück Schule, was die Atombombe standgehalten hat, besichtigt haben, die Zeugenaussage eines Hibakusha gehört haben und uns mit anderen Studis aus Nagasaki, die viel Peace Work machen, getroffen haben.
Neben dem vielfältigem Programm hatte ich auch viel Zeit zum Reisen. Ich bin zuerst eine Woche lang vor Famulatur-Beginn in den Süden von Japan gereist und habe mir viele Städte auf der Insel Kyushu angeschaut. Während meiner Famulatur hatte ich an den Wochenende auch genug Zeit mir andere Orte in der Nähe von Hiroshima anzuschauen und nach der Famulatur bin ich zwei Wochen lang Richtung Kyoto, Osaka und Tokyo gereist. Ich fand das Solo-Reisen in Japan erstaunlich toll, alles lief problemlos, ich kam mit Apple/Google Maps super gut zurecht, das Essen war immer lecker, und ich fand die landschaftliche Vielfalt und die vielen kulturellen Angebote grandios. Ich kann den Japan Rail Pass sehr empfehlen, wenn man sehr spontan Züge nehmen möchte ohne gross im Voraus alles planen zu wollen.
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