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Griechenland

von Anna

Im Sommer 2023 hatte ich die Möglichkeit mit f&e für einige Wochen nach Griechenland zu reisen und wertvolle Erfahrungen in meiner Rolle als Medizinstudentin aus Deutschland zu sammeln. Viele Fragen haben mich im Vorfeld stark beschäftigt und nicht losgelassen: Wie werde ich mich in einem fremden Land zurechtfinden ohne die Sprache sprechen, verstehen oder gar die Buchstaben lesen zu können? Was ist meine eigene Rolle im Projekt, das ich begleiten werde? Werde ich mich wohlfühlen? All das ging mir durch den Kopf bis ich mit dem Bus in der kleinen Stadt Oropos an einem warmen Sommerabend im August angekommen bin und an der Strandpromenade darauf gewartet habe, das Team von ROSA kennenzulernen, mit dem ich über vier Wochen verbringen werden würde.

 

Auch wenn mich anfänglich die Gefühle der Einsamkeit und des lost-seins etwas verunsichert haben, blicke ich mit so viel Wärme und positiven Emotionen auf die Zeit bei ROSA zurück. Es war oft herausfordernd, emotional aufregend, nicht einfach und stressig. Aber im Gegensatz dazu stehen die Erfahrungen, die absolut bereichernd waren. ROSA e.V. ist eine mobile Anlaufstelle für Frauen auf der Flucht und fährt drei verschiedene Geflüchtetencamps in Attika, der Nordhalbinsel in der Nähe von Athen an. ROSA e.V. versucht, einen Safer Space für Frauen auf der Flucht aufzubauen und gemeinsam zu gestalten – einen Ort zum gemeinsamen Reden, zur Ruhe kommen, um sich über medizinische Themen wie Verhütung oder verschiedene Gesundheitsthemen spezifisch für Frauen auszutauschen oder um einfach nur Tee zu trinken, Kekse zu essen und Freundschaftsbänder zu knüpfen. Daneben gibt es auch medizinische Basishilfe, jedoch ohne Medikamentenausgabe und eher mit der Funktion zur Weitervermittlung an andere medizinische Institutionen. Neben dem Womenspace bietet ROSA auch immer einen Kidsspace an, da die Frauen meist für viele Kinder verantwortlich sind und die Kinderbetreuung somit ein wichtiger Teil von ROSA ist. Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir dabei die Fahrradworkshops, bei denen wir mit gespendeten Fahrrädern aus Deutschland mit den Frauen Fahrradfahren gelernt haben oder auch die energiereicheren Tage an denen wir zusammen getanzt, gesungen und gelacht haben. Auch ein Teil von ROSA sind die Translators aus den Camps. Das sind tolle Frauen mit sehr unterschiedlichen Hintergrundgeschichten, welche sehr gut Deutsch und/oder Englisch sprechen können und damit sehr oft als Vermittlerinnen und Sprachrohr fungiert haben, um mit allen Frauen, die ROSA besucht haben zu kommunizieren. Bei unseren Translator-Dinners alle zwei bis drei Wochen haben wir uns mit einem gemeinsamen Abendessen abseits von dem Campalltag bedankt.

Ich war dabei Teil des Womenspace Teams und habe mich darin auch sehr wohlgefühlt. Trotz der Unsicherheiten in der eigenen Rolle und Position haben wir versucht, das Beste daraus zu machen und für die Frauen in den Camps für ein paar Stunden einen Rückzugsort in unserem großen gelben Zelt zu kreieren. Besonders schön fand ich, dass ich durch meine Arabischkenntnisse mit vielen arabischsprechenden Frauen auf eine andere Art und Weise Beziehungen aufbauen und auch für das ganze ROSA Team übersetzen konnte. Dadurch hatte ich auch einige Male die Möglichkeit den Medispace zu unterstützen, wenn gerade keine andere Übersetzungsperson in der Nähe war. Diese Momente und Gespräche sind mir sehr stark in Erinnerung geblieben, da man in dieser intimeren Umgebung noch viel mehr auf die einzelnen Frauen und ihre bemerkenswerten Geschichten eingehen konnte. Die teilweise sehr traurigen Schicksale von Familien, die fünf oder sieben Jahre in den Camps schon leben und die entsetzlich schlechte Krankenversorgung von Asylsuchenden in Griechenland sind schockierend und ein Armutszeugnis für Europa.

Vier Wochen lang habe ich mit einer wechselnden Crew von zwölf bis neun Frauen und inzwischen drei Hunden in der sengenden Hochsommerhitze Griechenlands gewohnt, zusammen gearbeitet, Lösungen gefunden, diskutiert, uns aufgeregt über die Politik Griechenlands und der westlichen Welt. Das Besondere an ROSA ist, dass man mit der gleichen FLINTA-Crew, mit der man auch arbeitet, zusammen in einem großen Haus lebt, sich organisiert und auch die Freizeit verbringen kann. Neben der sehr sehr vollen und stark durchstrukturierten Woche – welche von Sonntag bis Donnerstag ging – hatte man das Wochenende für sich und konnte an den Strand fahren, gemeinsame Ausflüge planen und vieles mehr. Gerade diese Momente der Ruhe und des Zusammenseins bei ROSA machen diese Erfahrung so besonders, da man alles zusammen durchstehen konnte. Ich fand es dabei besonders schön eine weitere Person von f&e an meiner Seite zu haben, mit der man sich noch einmal auf einer anderen Basis austauschen konnte. Viel Zeit und Raum zum Verarbeiten blieb neben den zweiwöchigen Supervisionen leider nicht, da es auch kaum Rückzugsorte in dem Haus gibt und ist daher im großen Maße erst nach der Zeit vor Ort passiert. Trotzdem habe ich mich nie alleine gelassen gefühlt und konnte dadurch umso mehr die Gastfreundschaft und Wärme der Griech*innen genießen, die uns regelmäßig Feigen, Oliven und andere sonnengereifte Früchte geschenkt haben.

Ein wenig negativ wurde der ROSA-Aufenthalt durch die Auswirkungen des Klimawandels überschattet, welchen wir in Teilen auch gespürt haben und der die Crew emotional sehr mitgenommen hat. Neben Waldbränden, die an den besonders heißen Tagen mehrere Orte in unserer Nähe getroffen haben, mussten wir auch mit einem starken Sturm und Starkregen, der uns in unserer Arbeit an den Camps sehr stark eingeschränkt hat, zurechtkommen. Zum Glück hatten wir nicht mit verheerenden Überflutungen zu kämpfen wie in anderen Orten in Griechenland, aber das sich ständig wechselnde Wetter und die Extremsituationen haben die Crew das eine oder andere mal auch an ihre Grenzen gebracht.

Besonders faszinierend empfand ich die Herzlichkeit der griechischen Mentalität auch im Anschluss zu meiner Zeit in ROSA in Athen. Dort habe ich eine zweiwöchige Famulatur im Kinderkrankenhaus des Universitätsklinikum „Nosokomeio Agia Sofia“ auf einer pädiatrischen Normalstation absolviert. Der Kontrast vom griechischem Dörfchen, in dem man nie alleine ist und ständig Menschen um sich herum hat, zum Alleinleben und Arbeiten im anonymen Großstadttrubel war enorm. Aber in diesem Moment war es genau das, was ich gebraucht habe. Ich hatte plötzlich wieder extrem viel Freizeit bei den großzügigen Arbeitszeiten meiner Famulatur und schwelgte anfangs noch nostalgisch in Erinnerungen an das emotionale Campleben. Aber schnell hatte ich mich an meine Freiheit gewöhnt und konnte Athen von vielen verschiedenen Seiten erleben. Sowohl von der historischen und touristischen Seite, die wirklich sehr schön ist als auch von der politisch aufgeladenen und teilweise auch kriminellen Seite. Die Stadt ist wirklich toll zum Erkunden und Entdecken und hat mit Strand, Altstadt, historischen Orten, süßen Einkaufsläden, Flohmärkten, tollen Restaurants und entspannten Bars echt wirklich für jede Person was zu bieten.

Für meinen Famulaturplatz musste ich viel Arbeit reinstecken, da auf E-Mails in Griechenland niemand antwortet. Erst nach mehreren Versuchen im Sekretariat der Klinikleitung anzurufen, habe ich eine Zusage erhalten. Die Kommunikation im Vorfeld war aber leider trotzdem sehr diskontinuierlich und nicht transparent. Auf Station waren wirklich ausnahmslos alle Ärzt*innen sehr zuvorkommend, bemüht und freundlich, aber auch nicht an deutsche Praktikant*innen gewöhnt. Ich durfte zwar bei der Übergabe anwesend sein, bei der Visite mitlaufen und auch einmal mit in die Kindernotaufnahme und Allergiesprechstunde kommen, aber meistens wusste das Team nicht viel mit mir anzufangen. Deswegen durfte ich auch schon immer nach zwei bis drei Stunden gehen. Die größte Hürde war wie zu erwarten die Sprachbarriere, da man alleine sehr aufgeschmissen und auf die Übersetzungen der Ärzt*innen angewiesen war. Aber wenn man sich dessen bewusst ist, kann man trotzdem einiges mitnehmen. Zwei Wochen im September waren für diesen Einblick aber absolut ausreichend – es war auch nicht mehr so super heiß wie im August. Die Fälle waren sehr abwechslungsreich und spannend und einige Male durfte ich auch die Kinder untersuchen. Besonders spannend waren die regionalen Besonderheiten, die sich auch auf das Gesundheitssystem auswirkten. Versorgung von Geflüchteten, die Auswirkungen der Überflutungen und die Versorgung der Menschen auf den griechischen Inseln spielten in dem Krankenhaus eine große Rolle.Griechenland wird für immer ein Abschnitt in meinem Leben sein, auf den ich gerne zurückblicke. Innerhalb eines kurzen Zeitraums habe ich so viel gesehen, gelernt, Menschen aus den verschiedensten Hintergründen kennengelernt und Spannendes erlebt. Bis heute stimmt es mich noch sehr nachdenklich und es lässt mich nicht los, wie akut die Lage an unseren europäischen Außengrenzen bis heute noch ist – auch wenn die Medienpräsenz dahingehend abgeschwächt ist. Es wird schwer für mich wieder nach Griechenland zu reisen und diese Bilder und Eindrücke zu verdrängen. Und trotzdem bin ich dankbar dafür, diese Erfahrungen gemacht haben zu dürfen.

 

 

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