Meine Zeit in Bosnien & Herzegovina kommt mir jetzt, mehrere Monate nach der Rückkehr, in einer Bibliothek im verregneten Berlin sitzend, wie ein kleines Paralleluniversum vor, einerseits sehr nah und voller intensiver Erinnerungen, andererseits sehr fern und wenig präsent im Alltag hier.
Als ich an einem Sonntag Mitte August in Sarajevo aus dem Bus stieg und zu meiner Unterkunft kam, war ich sofort geflashed von der intensiven Ausstrahlung dieser Stadt, mit ihren verschiedenen historischen Einflüssen und der auch heute sehr diversen Bevölkerung. Das Sarajevo Film Festival lief gerade, das größte Event des Jahres. Es war viel los auf den Straßen, überall wurde getanzt und getrunken und gequatscht, eine großartige Atmosphäre zum Ankommen.
Schnell spürte ich auch die Konflikte, die dreißig Jahre nach dem Bosnienkrieg noch immer sehr präsent sind. Das Sarajevo Film Festival fand während des Krieges das erste Mal statt und ist zeigt auch heute noch viele Filme zu bosnischen Geschichten und der ethnischen Dreigeteiltheit des Landes. In Sarajevo kann man sich ohne Probleme einen Monat nur mit der Geschichte der Stadt auseinandersetzen, Museen und historische Orte besuchen oder die riesigen Friedhöfe. Es gibt aber auch süße Bars und Cafés und vor allem so viele Möglichkeiten zum Spazieren oder Wandern, um den Kopf zwischendurch freizubekommen. Zum Sonnenuntergang auf einem der Hügel der Stadt zu sitzen, wenn der Gebetsruf losgeht, war für mich immer wieder magisch.
Meine Famulatur habe ich in der Gynäkologie der Uniklinik gemacht. Eine sehr coole Assistenzärztin hat sich die gesamte Zeit um mich gekümmert, was ich in Deutschland noch nie so erlebt hatte und sehr hilfreich fand. Sie hat mir die verschiedenen OPs, Stationen und Ambulanzen gezeigt und sich immer Mühe gegeben, mir spannende Einblicke zu bieten. Da selbst die Assistenzärt:innen nur unter Aufsicht eines:r Oberärzt:in arbeiten, konnte ich ausschließlich zuschauen, hatte aber auch als Praktikantin mit mangelnden Sprachkenntnissen nichts anderes erwartet. Die Arbeitszeiten waren sehr selbstbestimmt und wenn es nichts mehr zu sehen gab konnte ich auch gehen. Insgesamt habe ich vor allem den Einblick in ein anderes Gesundheitssystem als sehr bereichernd empfunden und konnte auch medizinisch einiges lernen.
An den Wochenenden habe ich viele Ausflüge gemacht, zum Beispiel an die 22km breite Küste Bosniens in Neum und nach Mostar, der touristischsten Stadt des Landes. Mit Zügen und Bussen ist alles sehr einfach und günstig, und die Natur auf den Strecken ist wunderschön.
So verging der Monat in Sarajevo super schnell und der erste Abschied fiel mir gar nicht so leicht, als ich im drei Stunden verspäteten Bus nach Tuzla saß.
Tuzla hatte ich mir anders vorgestellt, irgendwie studentischer und hübscher. Aber nach anfänglicher Skepsis fühlte ich mich sehr wohl in dem Städtchen mit seinen einzigartigen Salzseen und der Mischung aus sozialistischer Architektur und riesigen Bazaren. Ich verbrachte hier sehr viel Zeit mit spazieren oder joggen durch die Stadt, und auch mal genießen, dass nicht jeden Abend irgendwelche Events sind, sondern ich auch einfach um 20 Uhr auf der Couch sitzen und Musik hören konnte.
Diese Auszeiten taten mir neben dem Praktikum bei Snaga Žene auch sehr gut. Snaga Žene ist ein Verein, der sich nach dem Krieg aus der medizinischen Arbeit in den Kollektivzentren gegründet hat, und heute verschiedenste Projekte für Frauen, Mädchen und Kinder anbietet. Die Kollektivzentren sind provisorisch errichtete Dörfer, in denen im Krieg aus serbisch-bosnisch besetzten Gebieten geflüchtete untergebracht wurden und zum großen Teil noch heute unter prekären Umständen leben. Ich war mehrmals mit in den Kollektivzentren, wo Snaga Žene hauptsächlich mit den Kindern arbeitet, aber auch mit den Frauen gemeinsam Gewächshäuser für Gemüseanbau gebaut hat.
Besonders eindrücklich war auch die Arbeit in Srebrenica, wo 1995 das Massaker als Teil des Genozids stattgefunden hat. Die Geschichten der Frauen hier werden mich noch lange beschäftigen. In Tuzla betreibt Snaga Žene einen Gemeinschaftsgarten, wo wir alle gemeinsam geerntet, umgepflanzt oder Tee aus den selbstangebauten Heilkräutern getrunken haben. Die Arbeit von Snaga Žene ist sehr vielfältig und ich habe nach vier Wochen nur einen kleinen Eindruck davon bekommen.
Auch von Tuzla aus kann man sehr schöne Ausflüge in die Natur machen, und auch Belgrad ist nicht weit, wo ich nochmal einen anderen Blick auf den Krieg aber vor allem die aktuelle politische Situation kennengelernt habe.
In den zwei Monaten habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, mich mit der Geschichte und der Politik Bosniens & Herzegovinas und der Region auseinanderzusetzen, und hatte am Ende dennoch kaum einen Überblick über die ganzen Verstrickungen und Perspektiven. Und als ich dann am 07. Oktober Bosnien verließ, wurden wieder andere Regionen der Welt präsenter und schnell gerieten die Themen in Bosnien in den Hintergrund. Dennoch bin ich sehr dankbar über den Eindruck und den Bezug zu diesem Ort, von dem ich vorher so wenig Vorstellung hatte.
Im Nachhinein gewünscht hätte ich mir mehr Sprachkenntnisse. Ein paar Basics konnte ich nach ein paar Wochen, aber ich fühlte mich oft unwohl und invasiv in meiner Rolle, vor allem bei den intensiven Gesprächsrunden bei Snaga Žene.
Es gäbe noch so viel mehr zu berichten zu Bosnien und dem Balkan, zum Beispiel dazu, was an den EU-Außengrenzen abgeht oder dem absurden Ausmaß des Balkan-Backpacking/Vanlife-Tourismus. Wenn euch das interessiert, fahrt hin und macht euch selbst ein Bild.
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