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Aus IPPNW-Forum 108/07

Kinder im Krieg

Aspekte von Trauma und Versöhnung

Ein Flüchtlingskind ist nach unserem Verständnis ein Kind bis 18 Jahre, das selbst oder mit seinen Eltern Krieg, Bürgerkrieg oder andere Formen von "organisierter Gewalt" erlebt hat und aufgrund dessen die angestammte Heimat verlassen hat. Auch ein im Exil geborenes Kind geflohener Eltern gilt als Flüchtlingskind. Flucht ist ein demütigender Zwang zum Ortswechsel und hat den ungewollten Abbruch von Beziehungen zur Folge. Flüchtlingskinder sind vor diesem Hintergrund ungewollt in einen lebenslangen Prozess eingebunden. Sie sind häufig psychischen Belastungen außerhalb des "normalerweise-zu-Erwartenden" ausgesetzt gewesen und müssen sich über Jahrzehnte hinweg, auch im späteren Erwachsenenalter mit der Frage der "Bilanz der Flucht" und eventuellen Rückkehrwünschen auseinander setzen.

In der Entwicklung eines jeden Kindes entsteht unabhängig von der Kultur, in der es lebt, vor und nach der Geburt ein äußerst komplexes Beziehungsgeflecht zwischen dem Kind, seinen primären Bezugspersonen und seiner direkten Umwelt. Dieses äußerst komplexe Beziehungsgeflecht wird von außen durch Krise, Krieg und Exil beeinflusst. Ferner wird es bedingt durch das Reifestadium des Kindes. Eine eventuelle Symptomatik des Kindes sollte also vor den vielfältigen Entwicklungsaufgaben der jeweiligen Entwicklungsebene und den biographischen Einflüssen verstanden werden. Ein Säugling wird auf Schreckensszenarien anders reagieren, als ein Kleinkind, ein Schulkind oder ein Adoleszenter.

Wenn durch eine traumatische Situation - wie sie die Kinder im Krieg oder auf der Flucht immer wieder erleben - das Signalangst- und Bewältigungssystem eines Kindes überrollt und das Kind in extrem bedrohliche Hilflosigkeit gebracht wird und eigene bisher erlernte Bewältigungsstrategien versagen, entstehen Alarmreaktionen, die zum Teil in den Symptomen der posttraumatischen Belastungsreaktion (PTSD) beschrieben worden sind. Diese Symptome sind nicht primär als krankhaft, sondern zunächst als psychobiologisch sinnvolle Alarmreaktionen und Bewältigungsversuche anzusehen. Es sind teilweise komplexe Gegenmaßnahmen, die das Kind entwickelt, um die traumatisierende Erfahrung zu bewältigen und eine Wiederholung zu verhindern. Die spezifischen PTSD-Symptome (Übererregung, intrusives Wiedererleben sowie Abstumpfung) entwickeln nach internationalen Studien circa 25 bis 30 Prozent der Betroffenen. Häufig treten aber andere Symptome wie Störungen im Spiel und im Verhalten der Kinder, schwere Depressionen, das plötzliche Verstummen (Mutismus) oder andere emotionale oder soziale Störungen auf. Flüchtlingskinder und ihre Familien können alle bekannten kinder- und jugendpsychiatrischen Störungsbilder aufweisen, auch wenn diese Symptome manchmal nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit Krieg, Flucht oder Exil zu stehen scheinen und daher oft schwerer zu erkennen und zu behandeln sind. Andererseits können auch Flüchtlingskinder Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, die nicht unmittelbar mit der Flucht oder dem Exil in Verbindung stehen, häufig aber nur durch diese "Brille" gesehen werden, so dass ein Verständnis erschwert wird.

Es scheint auch Kinder zu geben, die offenbar eine Fähigkeit entwickelt haben, trotz aller Belastungen immer wieder ihren ursprünglichen Zustand zu erreichen. In einigen Fällen kann sogar die Belastung als Herausforderung genutzt werden und wesentlich zur persönlichen Reife beitragen. Gerade bei Flüchtlingskindern ist es wichtig, die Stärken zu erfassen, Bewältigungsmechanismen differenziert zu betrachten und zu erkennen, inwieweit diese funktional, also hilfreich für die zukünftige Entwicklung sein können oder inwieweit sie dysfunktional werden. Ob ein Ereignis traumatisierend wird oder nicht, hängt also neben den bereits angesprochenen Faktoren auch entscheidend von der kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung des Kindes ab. Von zentraler Bedeutung ist somit die Gesamtkonstellation, in der äußere Faktoren auf ein Kind in einer bestimmten Entwicklungssituation treffen und von diesem entwicklungsbedingt mit einer ganz spezifischen Bedeutung versehen werden.

Trauma und Versöhnung
Wir wissen durch langjährige Forschungen mit Kindern von Überlebenden des Holocaust und deren Kindern von der Notwendigkeit, sich der erforderlichen psychischen Arbeit auf intrapsychischer und intrafamiliärer Ebene zu stellen. Ansonsten kann es zu transgenerationaler Weitergabe von erlebten Traumata kommen. Auch die Kinder, die erst im Exil geboren wurden, haben sich mit den Fluchterlebnissen der Eltern auseinander zu setzen. Unterschiedliche Bewältigungsstile der Eltern mit den Erfahrungen der psychischen Belastung in der Vergangenheit umzugehen, prägen das kindliche Erleben und nehmen Einfluss auf ihr Verhalten. Die intrapsychisch nicht bewältigten Konflikte von realen oder projizierten Opferaspekten, aber auch von tatsächlich erlebten oder vermuteten Täteranteilen, können dann dazu führen, dass Eltern und Kinder darüber nicht reden und eine "Mauer des Schweigens" entsteht. Das intrafamiliäre Beziehungsgeflecht in der zweiten und dritten Generation kann durch diese unterschwellig vorhandenen, nie ausgesprochenen Konflikte enorm belastet werden.

Dort, wo gute frühkindliche Erfahrungen nicht im erforderlichen Maß vorhanden waren, ist es unbedingt erforderlich, psychotherapeutisch mit Kindern und Familien in großem Umfang zu arbeiten, um auf intrapsychischer Ebene überhaupt eine Versöhnungsbereitschaft erarbeiten zu können. Erst dann sind Gespräche innerhalb der Familie möglich, die letztendlich auch "runde Tische" in einer Großfamilie oder in einem Clan ermöglichen, um auch hier unterschiedliche Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen, Gefühle von Trauer und Wut und Schuld besprechen zu können. Derartig angelegte "Psychostrategien" könnten dazu führen, dass auch runde Tische innerhalb von Dörfern und Regionen über ethnische Grenzen hinweg entstehen können, die letztendlich in der Lage sein könnten, den politischen und ökonomischen Wiederaufbauhilfen mehr zum Erfolg zu verhelfen.

Es ist aus unserer Sicht unbedingt notwendig, will man keinen "politischen Kunstfehler" verursachen, in sogenannten "Post-Conflict-Areas" neben friedenspolitischen Maßnahmen und wirtschaftlichen Anstrengungen auch seelische Wiederaufbauhilfe für Kinder und Familien zu installieren, um Wege von der individuellen Traumatisierung hin zur gesellschaftlichen Rekonstruktion aufzuzeigen. Die Politik ist hierbei aufgerufen, die entsprechenden Wege mitzubereiten. Die Ökonomie muss im Sinne einer funktionierenden Versöhnung auch hierfür die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellen, die Kinderpsychologie liefert das Fachwissen und die Experten. Experten nicht nur aus den industrialisierten Ländern, auch Kolleginnen und Kollegen, die therapeutische Erfahrung mit Opfern des Holocaust gesammelt haben, und diejenigen, die in stark belasteten Regionen wie Lateinamerika, dem Nahen Osten und in Afrika arbeiten oder gearbeitet haben, sollten hinzugezogen werden.

Therapeutische Aspekte

Sind Kinder auf der Flucht, mit Familie oder auch ohne jede Begleitung als sogenannte minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, so sind selbstverständlich als erstes politische Maßnahmen und soziale Sicherungssysteme gefragt. Flüchtlingskinder und Familien bedürfen eines besonderen Schutzes. Entsprechende Maßnahmen sollten sowohl auf makro- wie auf mikropolitischer Ebene getroffen, bereits vorhandene Konventionen umgesetzt werden. Auch auf sozialpädagogischer Ebene ist es erforderlich, dass Flüchtlinge in Deutschland den ethischen und moralischen Ansprüchen unserer Gesellschaft entsprechend behandelt und bezüglich der medizinischen Versorgung, der Unterkunft, der sozialrechtlichen und arbeitsrechtlichen Aspekte nicht marginalisiert werden, wie dies derzeit der Fall ist.

Schon vor der Flucht bestehende oder "kriegsunabhängige" seelische Probleme von Kindern können im Exil erst behandlungsbedürftig werden beziehungsweise neu hinzutretende Belastungen oder Belastungen, die auf der Flucht erlebt wurden, können in einer "Ausruhphase" nach der Flucht zu massiven seelischen Problemen führen. Dies stellt insbesondere die Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie die Psychotherapie vor eine große Herausforderung. Auch wenn zurzeit längst nicht die Kapazitäten vorhanden sind, wäre es wünschenswert, wenn Flüchtlingskindern und ihren Familien regelmäßig ein orientierendes Gespräch mit einem Kinderpsychotherapeuten angeboten werden könnte.

Bezogen auf die sozialrechtliche Situation von Flüchtlingen in Deutschland ist hinsichtlich psychotherapeutischer Überlegungen die häufig unheilvolle Kollision von sozialrechtlichen und medizinisch-psychotherapeutischen Aspekten zu berücksichtigen. Wie bereits erwähnt, suchen auch Flüchtlingskinder und Flüchtlingsfamilien häufig die sozio-legalen Themen als Einstiegspforte zur psychotherapeutischen Behandlung. In der Hoffnung, ein gesicherter Aufenthaltsstatus würde die größten Probleme der Kinder auf der Flucht lösen, sind viele Betreuerinnen und Betreuer bemüht, über medizinische Bescheinigungen eine Verschlechterung der sozialrechtlichen Lage ihrer Schützlinge zu verhindern. Aus psychotherapeutischer Sicht entsteht so häufig eine Doppelfalle: Einerseits ist selbstverständlich das psychische Wohlergehen auch von sozialrechtlichen Rahmenbedingungen, der sogenannten realen Lebenswelt abhängig.

Andererseits geht es in therapeutischen Gesprächen häufig um Aspekte von Wut und Trauer, Scham und Schuld und anderen sich häufig widersprechenden Gefühlen, zum Beispiel bezüglich eines Rückkehrwunsches. Durch eine Einflussnahme auf der realen Ebene, im Sinne eines Attestes oder einer derartigen Bescheinigung, kann ein Psychotherapeut aber nicht mehr als sogenannte Projektionsfläche zur Verfügung stehen. Durch die "gute Tat", nämlich das Ausstellen eines Attestes besteht die Gefahr, dass das Kind oder der Jugendliche den Eindruck gewinnen könnte, der Therapeut oder die Therapeutin müsse als "Beschützer" beschützt werden. Ein potenzieller Beschützer, ein potenziell Attestierender darf natürlich nicht durch Horrorgeschichten aus den Kriegs- oder Bürgerkriegsgebieten erschüttert werden. Im kindlichen Erleben entsteht häufig der Wunsch, der Therapeut möge "gut und stark" bleiben und dürfe mit eigenen, sehr belastenden Erfahrungen nicht konfrontiert werden. Eigentliche Konfliktpunkte sind dann nur noch schwer bearbeitbar.

Aus psychotherapeutischer Sicht muss demnach im Erstkontakt mit dem Kind beziehungsweise der Familie geklärt werden, wie der diagnostische oder therapeutische Auftrag genau lautet. Dabei ist zu bedenken, dass Begutachtungen und Atteste einen therapeutischen Auftrag nahezu unmöglich machen und daher in einer anderen Institution stattfinden sollten. Dies hat für Psychodiagnostik und Psychotherapie weitere Implikationen. Es ist im Umgang mit Flüchtlingskindern und Flüchtlingsfamilien praktisch nicht möglich, langfristig zu planen und längerfristige therapeutische Prozesse, ob diese nun gewünscht sind oder nicht, von vornherein zu besprechen. Patienten werden, trotz bestehender kinderpsychiatrischer oder psychotherapeutischer Kontraindikation, abgeschoben. Andererseits werden Kinder und Jugendliche vor dem Hintergrund einer Abschiebungsandrohung psychisch labil und können suizidal werden. Es ist daher von Bedeutung, schon bei Therapiebeginn festzuhalten, dass jedes therapeutische Gespräch das letzte sein könnte. Bei akuten psychiatrischen Störungsbildern wie schwerer Suizidalität oder einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis, die insbesondere vor dem Hintergrund einer drohenden Abschiebung eine akute Notfallbehandlung erforderlich machen, ist eine dementsprechende kinderpsychiatrische Versorgung, zum Beispiel durch eine stationäre Aufnahme, geboten, ohne Rücksicht auf versicherungsrechtliche oder aufenthaltsrechtliche Rahmenbedingungen.

Kinder, die Krieg und Verfolgung erlebt haben, haben dies nie als ein einziges ausgestanztes und begrenztes Ereignis erfahren. Meist gibt es eine Vielzahl von pathogenen Faktoren, die sich zu mehreren traumatischen Situationen summieren und potenzieren können. Kinder im Krieg sind zum Teil selbst verletzt worden oder waren Zeugen von Gewaltakten an Familienangehörigen oder Bekannten. Sie haben erlebt, wie die Eltern sie nicht haben schützen können vor der zerstörerischen Kraft von Bomben oder Panzern. Bei diesen Kindern fand eine fundamentale Erschütterung der Hoffnung und des Bedürfnisses statt, bei den Eltern Sicherheit, Schutz, kognitive und emotionale Orientierung zu finden. Der Glaube und die Hoffnung an die elterliche Omnipotenz wurden zerstört und dies kann oft zu Gefühlen von Trauer und Wut, häufig auch zu Schuld- und Schamgefühlen führen. Auch durch die vorher eventuell erfolgten Verhaftungen der Eltern oder der Kinder und Jugendlichen selbst sowie die Erlebnisse auf der Flucht kann es zu unvorhergesehenen Trennungen von zentralen Bezugspersonen und zur traumatisierenden Entwurzelung gekommen sein.

Traumatisierung bedeutet für Kinder eine Beschädigung oder gar Zerstörung der Symbolisierungsfähigkeit, des äußeren und inneren Spielraumes. Wenn die Realität zerstörerisch ist, gibt es keinen spielerischen Raum des "als ob", in dem Fantasien auch aggressiver oder destruktiver oder sexueller Art in der Fantasie oder im Spiel zugelassen werden können. Es sollte im psychotherapeutischen Prozess angestrebt werden, dass das Kind sich der Erinnerung an die traumatisierende Situation und seiner Komponenten in individuell erträglicher Dosis in einer sicheren Umgebung wieder stellen kann, und zwar in einer Form, die der kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklungsstufe entspricht. Bei Kindern wird häufig das posttraumatische "repetitive Spiel" beobachtet. Diese Spielsequenzen, in denen Kinder häufig bedrohliche Szenen immer wieder nachspielen, ohne dass die Spielsequenzen ein adäquates Ende finden können, sind als Versuche zu sehen, traumatisierende Erfahrungen in das Ich zu integrieren.

Im familientherapeutischen Prozess ist es erforderlich, sich den häufig bestehenden Tabuthemen innerhalb einer Familie langsam und vorsichtig zu nähern. Fragen der Rückkehrwünsche spielen dabei eine besondere Rolle. Häufig ist es für Familien schwierig, unterschiedliche Wünsche und Hoffnungen zu verbalisieren, die in die Flucht und das Exil gesetzt wurden. Manchmal widersprechen sich diesbezügliche Aspekte bei den Eltern oder auch bei den Kindern und Jugendlichen. Auch hier muss die Begrenztheit des therapeutischen Kontaktes besprochen werden, da die asyl- und ausländerpolitischen Realbedingungen zwanghafte Beendigungen derartiger therapeutischer Prozesse bedeuten können. Die Erarbeitung eines "Raumes" innerhalb einer ausgewiesenen Zone der Schweigepflicht, in der sehr deutlich gemacht wird, dass es keine Übermittlungen von Daten an andere Institutionen oder Personen geben wird, kann es aber möglich machen, über unterschiedliche Wünsche und Hoffnungen zu sprechen. Das Ansprechen einer differenten Betrachtung der "Flucht-Bilanz" innerhalb der Familie oder der Geschwisterreihe eröffnet unter Umständen enorme Spielräume. Es kann so möglich werden, eine "Mauer des Schweigens" innerhalb der Familie bezüglich bestimmter tabuisierter Themen zu überwinden und neue Lebensplanungen für die Kinder und Eltern zu besprechen. Kinder auf der Flucht erfordern das kompetente Fachwissen von Politikern, Pädagogen und Kinderpsychotherapeuten, um ihnen in ihrer neuen Umgebung, im Leben "danach", adäquate Entwicklungsmöglichkeiten zu geben und dadurch letztendlich auch einen Schritt dazu beizutragen, den Teufelskreis von Gewalt zu durchbrechen.

Dr. Hubertus Adam

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