Lieber Osman, liebe Freunde,
beginnen möchte ich meine Rede mit einem Zitat von Barbara Gladysch. Sie ist eine der 1000 Frauen, die für das Projekt "100 Frauen aus der ganzen Welt für den Friedensnobelpreis" ausgesucht wurden.
Barbara Gladysch sagte: „Meine Utopie ist, dass es uns Müttern, dass es uns Frauen gelingt, unsere Söhne vom Kriegsdienst fernzuhalten, egal in welchem Teil der Welt sie kämpfen sollten."
Ob die Mutter von Osman wohl ebenso gedacht hat und stolz auf ihren Sohn war, als dieser am 1. September 1995 vor Journalisten seinen Einberufungsbescheid vom Militär zeigte und das Papier vor aller Augen anzündete? Oder haben sie und ihr Ehemann sich geschämt, weil ihr Sohn des türkischen Staat und den Militarismus herausforderte?
Vielleicht haben sich die Eltern von Osman Murat Ülke nie in ihrem Leben mit dem Militarismus in der Türkei beschäftigt, vielleicht ist der Militarismus zu selbstverständlich in ihrem Leben, so wie es wahrscheinlich für viele Bürgerinnen und Bürger der Türkei gilt. Denn das Militär genießt unter der Bevölkerung der Türkei ein hohes Ansehen. Das ist nicht erstaunlich, schließlich ist die türkische Republik aus dem Osmanischen Reich hervor gegangen und setzt in vielen Bereichen deren Erbe fort. Um es einmal soziologisch zu charakterisieren: Das osmanische Reich stützte sich in seiner Geschichte auf eine extensive Kriegs- und Plünderungswirtschaft und schuf damit eine militarisierte, von ständigem Kriegszustand geprägte Staats- und Gesellschaftsformation. Der Held des Befreiungskampfes gegen die alliierten Kräfte während des 1. Weltkriegs und der Gründer der türkischen Republik 1923, Kemal Atatürk, war hoher Offizier und wird Atatürk, Vater der Türken genannt. Ich möchte noch eine weitere, vielleicht unscheinbare Beobachtung anfügen: Als türkisch lernende Deutsche fand ich bald heraus, dass der Name "Savas" Krieg bedeutet, ein Name, der in Deutschland undenkbar wäre. Aber ebenso undenkbar für uns Deutsche ist der Name "Baris" -" Frieden "diese Erkenntnis hat mir viel Hoffnung gegeben.
Warum zeichnet eine deutsche Ärzteorganisation, die IPPNW, einen Kriegsdienstverweigerer mit diesem Preis aus? Ein Preis, der an eine mutige Frau, an Clara Immerwahr, erinnert. Clara Immerwahr stellte sich im 1. Weltkrieg gegen ihren Mann Fritz Haber, der als Abteilungsleiter im deutschen Kriegsministerium die Entwicklung von Gaswaffen zu verantworten hat. Zur Erinnerung: Beim ersten Gaswaffeneinsatz der deutschen Armee 1915 in Belgien starben auf einen Schlag 5000 Soldaten.
Die IPPNW, die ich hier vertrete, und der Kriegsdienstverweigerer Osman Murat Ülke haben vieles gemeinsam:
Wir IPPNW-Ärzte sehen den Krieg als eine der größten Bedrohungen für Leib und Seele an. Er zerstört das, was Ärzte und medizinisches Personal später wieder zu heilen suchen.
Wir Ärzte kennen die unheilvolle materielle und psychische Wirkung militärischer Gewalt in der Geschichte. Gerade wir deutschen Ärzte kennen aus unserer Geschichte den historischen Nationalismus, der oft rassistische Gewalt schafft ebenso wie die Wehrpflicht.
Mittlerweile wurde militärische Gewalt konventionell sowie durch chemische, biologische und atomare Massenvernichtungswaffen potenziert. In wenigen Tagen können so Tausende und Hunderttausende von Menschen getötet und die Infrastruktur eines ganzen Landes zerstört werden. Das haben wir zuletzt in Hiroshima und Nagasaki gesehen. Das ist es, was wir befürchten, wenn es zu einem Angriff auf den Iran kommen würde.
Osman Murat Ülke hat sich dem Krieg und dem Kriegsdienst verweigert. Er steht damit nicht alleine. Schon zu Zeiten des Befreiungskampfes gegen die Alliierten waren viele junge Menschen kriegsmüde, etwa 5000 junge Deserteure sind damals von sogenannten "Freiheitsgerichten" wegen Desertion zum Tode verurteilt worden. Osman steht also in einer langjährigen Tradition.
Nicht wenige IPPNW-Mitglieder kennen Osman Murat Ülke bereits seit Jahren. Seit 1995 besucht eine IPPNW-Gruppe einmal jährlich die Türkei, um sich über die Lage der Menschenrechte und der Gesundheitsversorgung besonders in Kriegsgebieten zu informieren. Der Hintergrund ist, dass viele der teilnehmenden Ärzte durch die Behandlung von kurdischen Flüchtlingen in Deutschland auf die problematische Menschenrechtslage in der Türkei aufmerksam wurden. Über die Jahre entstanden daher viele Kontakte in die Türkei. Bei Besuchen in Izmir war Osman Murat Ülke als Dolmetscher tätig und ist uns IPPNW-Ärzten und -Studierenden ein guter Freund geworden.
Mit dieser Preisverleihung an Osman Murat Ülke wollen wir nicht die Situation in einem anderen Land kritisieren. Es geht vielmehr darum, dass das Recht auf Kriegsdienstverweigerung universales Menschenrecht ist. Osman Murat Ülke folgt ungeachtet massiver persönlicher Nachteile seinem Gewissen. Sein Einsatz fordert uns alle auf, sich niemals mit Kompromissen zufrieden zu geben, wenn es um Menschenrechte geht.
Zum Abschluss meiner Rede möchte ich den Widerstand von Osman noch mit einem aktuellen Beispiel, mit dem Widerstand des amerikanischen Soldaten Agustin Aguayo verbinden. Agustin gehört zu den amerikanischen Soldaten, die sich dem Einsatz im Irak verweigert haben. Er sitzt zur Zeit in Deutschland im Gefängnis und ist als Deserteur vor einem amerikanischen Militärgericht angeklagt. Natürlich wird er von der deutschen Friedensbewegung und insbesondere Connection e.V., einem Verein zur Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern, und ebenfalls hier unter uns, unterstützt.
"Leben heißt Widerstehen", sagt Osman. Unser gemeinsamer Kampf für das recht auf Kriegsdienstverweigerung geht weiter. Noch viele Verweigerer brauchen unsere Unterstützung in unserem Kampf gegen die Kultur der Gewalt!
Angelika Claußen, Vorsitzende der deutschen Sektion der IPPNW
Izmir, der 10.3.2007
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