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Freitag, 25. Mai 2012
Der palästinensische Versöhnungsprozess und die nationale Herausforderung
von Raif Hussein
Fatah und Hamas haben sich plötzlich und unerwartet in Kairo getroffen und einen Versöhnungsabsichtsvertrag unterzeichnet. Es sieht so aus, als ob die Palästinenser nun ihre Grabenkämpfe hinter sich gelassen hätten und die wichtigsten nationalen Herausforderungen, wie den Antrag auf die Mitgliedschaft in der UNO und den Aufbau von staatlichen Institutionen, endlich vorantreiben wollen. Hamas und Fatah wählten diesen Weg nicht aus der Überzeugung heraus, dass die vierjährige politische und geographische Spaltung der Palästinasache mehr geschadet hat als alles andere, und dass beide Bewegungen ihre eigenen Interessen vor die nationalen Interessen stellten, nein sie haben diesen Weg gewählt, weil die politische Umwälzung in der arabischen Welt und die Anzeichen des heranwachsenden Unmuts in der palästinensischen Bevölkerung, sie zu diesem Schritt gezwungen haben. Beide, sowohl die Hamas, als auch die Fatah haben in den letzten zwei Jahren viel an Vertrauen eingebüßt. Sie haben ihre Legitimität auf der Straße schlicht weg verloren. Sogar die eigene Gefolgschaft zeigte deutlich ihren Unmut über die Spaltung und die dadurch hervorgerufene miserable politische und wirtschaftliche Situation. Die palästinensische Bevölkerung war es leid, sich immer wieder die gegenseitigen niveaulosen medialen Attacken der Hamas und der Fatah Anhänger anzuhören. Die Frage: wer ist eigentlich der Gegner? Haben sich die Menschen täglich gestellt. Es sah so aus, als ob die Fatah und die Hamas vergaßen, dass Palästina noch besetzt ist und dass das Land von der Besatzungsmacht unter den Füßen der Bevölkerung weggerissen wird. Der Feind war immer nur die andere politische Kraft. Ein fatales Kapitel der palästinensischen Geschichte. Beide Bewegungen werden die politische Verantwortung dafür noch lange tragen müssen.
Sowohl die Hamas als auch die Fatah sind keine politischen Parteien im engeren Sinne. Sie sind politische Bewegungen mit verschiedenen Strömungen und undurchsichtigen Strukturen und nichts desto trotz unterscheiden sie sich in wesentlichen Punkten. Die Fatah hat nach dem Tod des ehemaligen Präsidenten und der Integrationsfigur Arafat, viel unter den Flügelkämpfen von machtgierigen Funktionären gelitten. Seit der Machtübernahme durch den Präsidenten Abbas hat die Fatah nie mit einer Stimme gesprochen. Die Fatah verkam zu einer politischen Kraft nach dem Model „Shop in Shop“, jeder Funktionär hat seine eigenen Leute um sich, deren Loyalität nicht selten mit Geld bezahlt wurde und wird. Jede Gruppe kochte ihre eigene Suppe und scherte sich gar nicht darum, was oben in den Führungsebenen entschieden wurde. So waren und sind einige Gruppierungen innerhalb der Fatah froh über die Spaltung, sie haben davon profitiert. Ein Versöhnungsprozess macht ihnen nun einen Strich durch die Rechnung. Dass diese Funktionäre mit aller Macht eine nationale Versöhnung verhindern wollen, beobachtet man täglich.
Die Hamas wiederrum ist etwas homogener. Von einer geschlossenen Front innerhalb der Hamas kann aber keine Rede sein. Mindestens zwei Flügel sind innerhalb der Hamas zu beobachten. Einen Hardliner Flügel, mit dem ehemaligen Außenminister Alzahar, als schillernde Figur, und einem gemäßigten Flügel mit Haniya, dem abgesetzten Ministerpräsidenten. Khaled Mishal, der Chef des Politbüros der Hamas, mit noch Sitz in Damaskus, agiert und manövriert genau in der Mitte. Nicht zuletzt aus einem Machterhaltungstrieb heraus. Für die Hardliner war und ist die Spaltung eine logische Folge, die nicht zu vermeiden war, um den Machtanspruch der Bewegung zu manifestieren. Sie sind der Überzeugung, dass die Hamas und nur die Hamas mit ihrem religiös politischen Programm das palästinensische Volk zu seinem Glück von Staatlichkeit und Selbstbestimmung nach ihren Vorstellungen führen könne. Die PLO ist für die Hardliner eine machtlose, strukturlose Organisation, die von Ungläubigen beherrscht wird. Sie lehnen jeden Gedanken zur Beitritt der Hamas in die PLO kategorisch ab. Eine Versöhnung mit der verhassten laizistischen Fatah kommt den Hardlinern innerhalb der Hamas einer Kapitulation gleich. Die gemäßigten Pragmatiker sind anders. Sie spüren den Druck der Straße und registrieren den Unmut in der Bevölkerung und wissen, dass Sie ein entscheidendes Ventil öffnen sollen, damit der Zorn der Straße nicht in Demonstrationen wie in Tunis und Kairo ausartet. Sie wissen, dass eine Demonstrationswelle in Gaza ihnen nicht nur die Macht kosten könnte, sondern sie auch in ihrer Entwicklung Jahre zurückwirft. Dasselbe gilt übrigens auch für die Fatah in Ramallah. Dort haben die Machthaber um den Präsidenten Abbas mit Gewalt Demonstrationen für die Unterstützung des arabischen Frühlings und für die Überwindung der Spaltung in Palästina, aufgelöst.
Für die Hamas wurde es an einer ganz anderen Stelle sehr brenzlig. Die Hamas gewann die Wahlen 2006 mit zwei entscheidenden Themen; sie präsentierte sich als die wahre und einzige unermüdlichen Kämpferin gegen die Besatzungsmacht. Für sie gab es keinen anderen Weg zur Befreiung Palästinas, außer dem bewaffneten Kampf. Das zweite Thema war: ihr Wille für eine gerechte Gesellschaft, ohne Seilschaften und ohne Korruption. Sie stand für ein transparentes Regieren. Genau diese beiden Themen hat die Hamas in den vier Jahren Spaltung geopfert. Von Anfang an, nach der gewaltsamen Machtübernahme, wurden Anhänger der Hamas bei Stellenvergaben und Machtverteilung von Ämtern bevorzugt. Schnell verschwand die Trennlinie zwischen Partei und Regierung. Genau derselbe Effekt, den die Hamas jahrelang der Fatah mit Recht vorgeworfen hat, ist nun im Land der Hamas eingetreten. Die Zugehörigkeit zur Hamas war und ist eine Eintrittskarte für Ämter, Studienplätze, Reiseerleichterungen und vieles mehr. Wer die Gunst der Funktionäre der Hamas in Gaza nicht auf seiner Seite hat, hat das Nachsehen. Mit der einseitigen Hudna (islamischer arabischer Ausdruck für Waffenstillstand) nach dem Gazakrieg von 2006 hat die Hamas die letzte Basion ihrer politischen Macht und Zauberkraft endgültig verloren. Von der „einzigen wahren Kämpferin“ gegen die Besatzung, ist nun eine „Beschützerin“ des Feindes geworden. Mit diesem Vorwurf, der immer mehr und stärker werdenden radikalen Kräften und islamistischen Zellen im Gazastreifen, muss die Hamas nun leben. Sie muss sich den Vorwurf gefallen lassen: ihre eigenen Prinzipien verraten zu haben. Sie verfolgt Kämpfer anderer Gruppierungen, die versuchen Raketen auf Israels Süden abzuschießen und sorgt für „Ruhe“ im heißen Kessel des Nahen Ostens. Die Hamas hat ihre Position auf dem rechten Flügel des palästinensischen politischen Spektrums an andere islamistische Organisationen verloren. Mit der Realpolitik ist sie überfordert und für die Alltagsprobleme der Menschen hat sie nur die lapidaren islamischen Lösungen parat. Lösungen, die bis jetzt keinen Ausweg für die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Massen zeigen. Die Hamas ist auf dem Boden der Realität gelandet und die Versöhnung mit der Fatah ist das Ventil, das für zeitweilige Entspannung sorgen soll.
Für beide Bewegungen, die Hamas und die Fatah, ist die Unterzeichnung des Vertrages im Mai in Kairo keine langfristige politische Strategie von nationaler Tragweite. Es ist eine politische Floskel, ein Valium zur Beruhigung der Gemüter im besetzten Palästina und ein Zeitgewinn, um die andere Seite doch unter Druck zu setzen und zu hoffen, dass die Massen die Propagandaslogans glauben. Allen Beteuerungen zum Trotz, die vergangenen zweieinhalb Monate nach der Unterzeichnung und der vermeintliche Kampf um den Namen des Übergangsregierungschefs, zeigt wie „ernst“ es beide mit der Versöhnung meinen. Die Hardliner und die Nutznießer der Spaltung reiben sich die Hände und hegen im Geheimen ihre Pläne, wenn das hochgesteckte Vorhaben misslingen sollte.
Aber genau das brauchen die Palästinenser nicht. Die Spaltung schwächt nicht nur die Position der Regierenden, sondern wirkt sich sehr negativ auf die elementaren, nationalen Interessen des palästinensischen Volkes aus. Die Überwindung der Spaltung und das Installieren einer funktionierenden Regierung des Staates Palästina sind wichtige Voraussetzungen für den Antrag auf die volle Mitgliedschaft in der UNO. Ein Vorhaben, welches im September dieses Jahres realisiert werden soll und immens wichtig für das Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes und die Manifestierung seiner Staatlichkeit in sicheren, international anerkannten Grenzen ist.
Der Weg, den der Präsident Abbas eingeschlagen hat, und hoffentlich bis zum Ende durchziehen wird, ist ein Meilenstein in der politischen Entwicklung Palästinas und ein längst erforderlicher Schritt um die sinnlosen, uferlosen Verhandlungen mit der Besatzungsmacht in die richtigen Bahnen zu lenken. Unabhängig davon, ob der Sicherheitsrat der UNO die Empfehlung ausspricht oder nicht, ( laut den Statuten der UNO muss der Sicherheitsrat bei einem Antrag auf eine Mitgliedschaft erst einmal eine Empfehlung an die Vollversammlung aussprechen, dann darf die Vollversammlung der UNO über den Antrag abstimmen) der Schritt ist längst überfällig. Der palästinensische Nationalrat hat den Staat Palästina in den Grenzen vom 4. Juni 1967 schon am 15.11.1988 ausgerufen. Dieser Staat wurde von über 100 Staaten der Welt anerkannt. Der Antrag auf volle Mitgliedschaft in der UNO zeigt, dass Palästina ein friedliches Leben mit seinen Nachbarn sucht und Kompromisse eingehen will, um diesem Frieden eine stabile Basis zu verleihen. Auch wenn der Sicherheitsrat seine Empfehlung verweigert, endet der Weg des Staates Palästina nicht in der UNO. Eine Anerkennung als Staat mit Beobachterstatus ist viel wert für das Selbstbewusstsein des jungen Staates. Mit dem Beobachterstatus ist verbunden, dass der Staat Palästina im internationalen Recht als juristische Person betrachtet und wahrgenommen wird. Von da an werden die besetzten palästinensischen Gebiete nicht mehr als „umstrittene Gebiete“ bezeichnet werden müssen, wie im Osloer Friedensvertrag festgelegt, sondern nun hat ein UNO Mitgliedsstaat das Land eines anderen UNO-Mitgliedstaates besetzt. Hier greift eindeutig Artikel 51 der UNO Charta, und rückt die Besatzungssituation in eindeutig in den Vordergrund. Aus dieser Tatsache heraus sind alle Solidaritätsgruppen weltweit motiviert und aktiv , ihre Nationalstaaten dazu zu bewegen, den Staat Palästina anzuerkennen und sich positiv bei der Abstimmung in der UNO Vollversammlung zu verhalten.
Lost in Radiation?
Auswirkungen des großen Tōhoku-Erdbebens auf das Leben in Tōkyō
Seit dem Anfang der Katastrophe, die am 11. März dieses Jahres von einem verheerenden Erdbeben in Japan ausgelöst wurde, ist inzwischen viel Zeit vergangen. Um die richtigen Lehren aus dieser Erfahrung zu ziehen, ist es aber erforderlich, zum Beginn des Schicksalsschlags zurückzugehen – vielmehr sogar noch vor dem Ereignis als solchem anzusetzen.
Die Berichterstattung während der „heißen“ Phase der Katastrophe war gerade in den ausländischen, namentlich den deutschen Medien gekennzeichnet von haarsträubender Verzerrung und unverantwortlicher Panikmache – gepaart mit einem meist nicht einmal bemäntelten Zynismus. Folglich hat sich in den Köpfen vieler Deutscher ein Zerrbild dessen, was sich in Japan abgespielt hat, festgesetzt, das z. B. auch der unverzichtbaren Diskussion über den Umgang mit der Energiegewinnung durch Kernspaltung nicht in der eigentlich wünschenswerten Weise zuträglich ist.
Japan ist als ein Land bekannt – und sieht sich gern auch selbst so – das dem technischen Fortschritt (oder was man dafür halten mag) grundsätzlich offen gegenüber steht. Das wird im Ausland oft als „blindes Vertrauen in die Technik“ fehlgedeutet. Dabei hat man im Land vielmehr den Eindruck, dass man sich zwar freudig der Segnungen moderner Technik bedient, wenn diese eine Steigerung des Lebensgefühls versprechen, dies aber basierend auf dem grundsätzlichen Anspruch auf Einwandfreiheit tut. Diese ist schon deswegen Grundvoraussetzung jeglichen Handelns, da die japanische Gesellschaft extrem intolerant gegenüber Fehlern ist. Arbeitsabläufe werden oft bis an den Rand der Übertreibung durchorganisiert. Was in unseren Augen zu großen Redundanzen führt, dient hier der Sicherstellung der Fehlerlosigkeit oder doch zumindest zur Schaffung eines Gefühls der Sicherheit (natürlich mit all den Folgen, die daraus erwachsen – und oft nur zu mehr Aufwand, aber nicht zwangsläufig zu mehr Sicherheit führen). Diese Fehlerintoleranz ist gesellschaftlicher Konsens.
Gleichzeitig ist Japan ein Land, das wie kaum ein Zweites Spielball der Naturgewalten ist – und schon immer war. Die im Grunde von Generation zu Generation weitergereichte Erfahrung im Umgang mit Naturgewalten ist integraler Bestandteil der Gesellschaftsordnung und für uns Außenstehende nur zu begreifen, wenn wir uns die Hintergründe bewusst machen. Japaner können nur im Auge des Unbedarften als von Katastrophen „ungerührt“ und „überraschend“ diszipliniert erscheinen.
Die Spielregeln, die ein Leben auf engem Raum möglich machen, kommen genauso wenig von ungefähr, sondern haben sich gerade in den letzten 150 Jahren des rasanten Aufstiegs Japans als unverzichtbar erwiesen. Was in westlichen Augen bisweilen als „dümmlicher Herdentrieb“ disqualifiziert wird, ist nichts anderes als Ausdruck des Respekts vor dem Anderen und der Unverzichtbarkeit des Einbringens in die Gemeinschaft.
Und vor diesen grob angerissenen Hintergründen ist auch die Frage zu beleuchten, wie Japaner die dramatischen Erlebnisse am 11. März und danach bewältigt haben bzw. bewältigen. Alle Welt hat von der großen Ruhe und dem mustergültig zivilisierten Verhalten der Japaner in der Krise berichtet – und dieser Eindruck hat sich auch mir besonders in den ersten Stunden nach dem großen Beben förmlich aufgedrängt. Aber wer in Japan (und anderen fernöstlichen Ländern) ein fröhliches Lachen als Beweis der Unbekümmertheit ansieht, hat wenig von dem verstanden, wie andere Völker mit ihren Emotionen umgehen. Denn natürlich waren auch die Einheimischen durch das Erlebnis des Bebens verängstigt – schließlich hat wahrscheinlich kaum einer der heute Lebenden vorher Ähnliches erlebt. Aber die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, die auch außerhalb von Krisenzeiten eine hohe Priorität hat, wirkt natürlich auch in der Krise Wunder – die Menschen „wissen“ ganz einfach, wie sie sich verhalten müssen – teilweise weil das richtige Verhalten im Katastrophenfall mehr oder weniger ständig geübt wird, teilweise weil dem Menschen die natürlichen Instinkte eben doch noch nicht vollkommen abhandengekommen sind (was im Übrigen keine japanische Besonderheit ist – in Zeiten kollektiver Bedrohung halten Gemeinschaften fast immer instinktiv zusammen).
Meiner Erfahrung nach gehen die meisten Japaner überaus souverän, umfassend informiert und sehr nüchtern mit den Bedrohungen um, die sich durch die nukleare Katastrophe in Fukushima ergeben haben. Den bisweilen ganz offen unterstellten Informationsmangel, der ja nicht selten auch als naive Gutgläubigkeit angeprangert wurde, konnte ich zu keinem Zeitpunkt feststellen. Im Gegenteil! In meinen Augen ist es eher bewundernswert, dass die meisten Menschen durchaus zwischen sensationslüsterner Panikmache und den tatsächlichen Fakten unterscheiden können. Das geht auch damit einher, dass zwischen einem übersteigerten Sicherheitsanspruch und ganz praktischen Notwendigkeiten abgewogen wird. Ein vorsichtiges Informationsmanagement durch die offiziellen Stellen (übrigens nicht nur im Ausland als „Verschweigen der Wahrheit“ wahrgenommen), war schließlich nicht die ausschließliche Grundlage für das Abschätzen der Situation, hat aber immerhin dazu beigetragen, dass die Gefahr von Massenpanik gering gehalten wurde.
Die über lange Zeit gänzlich imponderable Situation an den Atommeilern in der Präfektur Fukushima hat in der Bevölkerung Tōkyōs ganz unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Während viele Ausländer in blinden Aktionismus verfallen sind und das Land verlassen haben, sind andere lediglich für kurze Zeit in die westlichen Landesteile ausgewichen. Auch Einheimische – besonders die mit kleinen Kindern – haben versucht, sich der Bedrohung aus der Luft, dem Wasser und durch Nahrungsmittel zumindest vorübergehend durch einen Aufenthalt im Westen des Landes zu entziehen. Hierbei hat die individuelle Wahrnehmung und Bewertung der Bedrohung natürlich eine entscheidende Rolle gespielt. Die große Mehrheit hat aber wohl in der Überzeugung, dass dem Land am besten gedient ist, indem man „weitermacht wie bisher“, versucht, den bisherigen Lebensstil – soweit möglich – beizubehalten. Für nicht wenige wird der Mangel an praktischen Alternativen einen Verbleib in Tōkyō natürlich ebenso begünstigt haben.
Für die Bevölkerung Tōkyōs gab und gibt es ja auch lediglich Einschränkungen in der Bequemlichkeit. Die Stromeinsparungserfordernisse haben dazu geführt, dass zumindest die äußeren Teile der Präfektur Tōkyō reihum für drei Stunden am Tag ohne Strom auskommen mussten. Inzwischen gibt es einen neuen „Trend“ in der Stadt der bisher meist völlig übertriebenen Beleuchtung: Der Charme von Abendessen bei Kerzenlicht wird neu entdeckt.
Die Fahrpläne der Bahnen des öffentlichen Nahverkehrs wurden vorübergehend zusammengestrichen (wobei der Service auf noch immer vergleichsweise hohem Niveau blieb – die Zugfrequenz blieb auffallend höher als in jeder deutschen Großstadt). Im Zuge der Dringlichkeit der Versorgung der Menschen in den verwüsteten Landesteilen und aufgrund (allerdings nur geringfügiger) Einschränkungen durch radioaktiv verstrahlte Lebensmittel kam es zu gewissen Engpässen bei der Versorgung der Großstadt (zumindest verglichen mit dem allzeitigen Überfluss, der vor der Katastrophe herrschte). Wirkliche Einschränkungen mussten aber nur dort hingenommen werden, wo verunsicherte oder nur schlecht informierte Menschen ihre Zuflucht in Hamsterkäufen suchten. Da der beengte und kostspielige Wohnraum in Tōkyō niemandem den Raum und die Möglichkeit bietet, „echte“ Vorräte anzulegen und aufgrund kaum verbreiteter Erfahrung mit der Lagerhaltung, erstreckten sich die Hamsterkäufe auch oft auf auffallend verderbliche Waren (Brot in erster Linie). Und natürlich ist verständlich, dass die meisten Verbraucher nach den Geschehnissen verunsichert sind – selbst einwandfreie Lebensmittel verrotten auch schon mal in den Regalen, weil nur wenige den Versicherungen der offiziellen Stellen uneingeschränkten Glauben schenken. In dieser Situation ist es für alle Betroffenen schwer, wirklich sachgerecht zu entscheiden – im Zweifelsfalle entscheidet man sich eben für den Verzicht.
Während auch in dieser Phase Ausländer noch immer die Ruhe und Beherrschtheit der japanischen Bevölkerung priesen, hat selbstverständlich ein Großteil der Bevölkerung die Ungewissheit um die weitere Entwicklung in den Atomanlagen mit Angst und Schrecken erfüllt.
Ausländische Medien fragen nun, ob sich die Einstellung der Japaner gegenüber der Atomenergie verändert habe – sie verkennen dabei, dass es auch in Japan schon seit vielen Jahren eine überaus lebendige Anti-Atomkraft-Bewegung gibt, diese Art der Energiegewinnung also auch vor der Katastrophe von Fukushima nicht unkritisiert geblieben ist. In der Krise hat sich aber die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung als überaus pragmatisch erwiesen: Es ging zunächst darum, die Krise zu überwinden, die in Not Geratenen zu unterstützen und die Aufrechterhaltung des Lebens zu gewährleisten. Trotzdem war der Unmut über die Schlampereien des Kraftwerksbetreibers ebenso ausgeprägt wie die Erkenntnis, dass jeder Einzelne eine Mitschuld an dem Geschehen trägt, weil eine menschenverachtende Technologie hingenommen worden ist. Immerhin gibt es seitens der Anteilseigentümer Bestrebungen, den Betreiber der havarierten Atomanlagen in Fukushima dazu zu bewegen, künftig komplett aus der Stromgewinnung durch Kernspaltung auszusteigen. Welche Entwicklung die Anti-Atom-Bewegung in Japan künftig nehmen wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilt werden. Die kritischen Berichte im Fernsehen und in den Printmedien des Landes – meist allerdings nicht reißerisch zur „Sensation“ aufgeblasen – haben schon seit der ersten Offenlegung der Atomkatastrophe für eine veränderte Wahrnehmung in der Bevölkerung gesorgt.
Dass es zumindest bisher nicht zu einem Sturmlauf gegen die Atomkraft gekommen ist, mag zwei Fakten zu „verdanken“ sein: Der Erkenntnis, dass es in dem (mit Deutschland verglichen) von der Atomkraft wesentlich abhängigeren Japan keinen schnellen Weg aus der Atomkraft gibt, da die Energieversorgung auf einer Insel nun mal an andere Rahmenbedingungen geknüpft ist, als in einem Binnenland. Außerdem erscheint es zumindest mir so, dass Massenproteste in Japan einer anderen Dynamik unterliegen als in Deutschland – das Aufdrängen der eigenen Überzeugung anderen gegenüber wird grundsätzlich nicht als Tugend angesehen, folglich auch vermieden.
Für mich persönlich ist die vielleicht überraschendste Erfahrung die, dass wirklich ein ganz wesentlicher Teil des täglichen Energiebedarfs eingespart werden kann, ohne dass dies notwendigerweise eine spürbare Einschränkung des persönlichen Komforts mit sich bringen muss. Auf diesem Gebiet hat Japan ein ungeheures Einsparungspotenzial. Es wäre zu wünschen, dass diese Erkenntnis ein neues Verhältnis jedes Einzelnen zum Umgang mit den Ressourcen nach sich zieht.
Autor:
Thomas Gittel ist selbständiger Unternehmensberater und lebt in Japan. Die Auswirkungen des großen Erdbebens hat er in Tokio miterlebt.
Die Geschichte von Tschernobyl nicht wiederholen
Die japanische IPPNW-Ärztin Katsumi Furitsu warnt davor, die Gefahren durch die Havarie zu unterschätzen
Es war ein bewegender Moment, als die japanische IPPNW-Ärztin Katsumi Furitsu auf der Auftaktveranstaltung des IPPNW-Tschernobyl-Kongresses Ende April in Berlin sprach. Die Katastrophe von Fukushima war plötzlich nicht mehr nur eine Nachricht – unfassbar, erschreckend, verstörend, aber weit weg in Japan. Sie war mit einem Mal ganz nah und hatte ein menschliches Gesicht, das vor rund 500 Kongressgästen um Fassung rang.
Als Ärztin und Wissenschaftlerin hat Katsumi Furitsu über die genetischen Folgen von Tschernobyl geforscht. Sie war im Rahmen ihrer Forschung selbst mehrfach in die kontaminierten Gebiete Weißrusslands gereist. Anlässlich des 25. Jahrestags jener atomaren Katastrophe, die sich vor einem Vierteljahrhundert ereignete und deren Folgen noch heute für Tausende Menschen bittere Realität sind, war sie nach Berlin gekommen – um zu diesem traurigen Jahrestag über eine neue Katastrophe zu berichten, von der nur sechs Wochen vorher niemand etwas ahnte.
Als Medizinstudentin in den 80er Jahren las Katsumi Furitsu zum ersten Mal von Arbeitern in Atomkraftwerken, die durch die Strahlenbelastung krank wurden, ohne irgendeine Art von Wiedergutmachung zu erhalten. Sie war schockiert. „Ich wollte nicht erst warten, bis Menschen ins Krankenhaus kamen, verletzt durch eine unbeherrschbare Technologie.“ Sie begann, sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung zu engagieren.
Nach und nach lernte sie das ganze Ausmaß des Leids kennen, das die Atomindustrie hervorbrachte – von den Arbeitern in Uranminen über die Opfer von Atomtests, Atombomben und Uranmunition, Arbeitern in AKWs bis hin zu den Liquidatoren von Tschernobyl. 2004 engagierte sie sich für eine internationale Kampagne gegen die Nutzung von Uranwaffen und entschied sich, Mitglied der japanischen IPPNW zu werden, um dort ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen. „In Japan sind fast alle Menschen aufgrund der Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki gegen Atomwaffen. Doch alle Probleme, die sich aus der Atomenergie ergeben, sind verbunden“, erklärt sie.
Im April reiste sie in die Präfektur Fukushima. Sie besuchte dort auch die 25-45 km nordwestlich des havarierten AKW liegende Gemeinde Iitate, die – obwohl außerhalb der offiziellen Evakuierungszone gelegen – besonders hohe Kontaminierungswerte aufweist. Es wird angenommen, dass am 15. März, nach der Zerstörung des zweiten Reaktor-Containments und einem Feuer im vierten Abklingbecken, eine Wolke mit radioaktivem Material in Richtung Nordwesten zog und über der Region niederging. In Gebäuden wurden Strahlenwerte von 2-3, draußen von 5-8 Mikrosievert pro Stunde und einen Meter über dem Boden teilweise Werte über 10 Mikrosievert pro Stunde gemessen (zum Vergleich: Die natürliche Erd-Strahlung beträgt rund 0,1 Mikrosievert pro Stunde). Vor der Katastrophe lebten hier 6.000 Menschen. Ein Teil der örtlichen Bevölkerung hatte die Gemeinde bereits freiwillig verlassen. Doch noch im April traf sie dort viele Menschen, darunter auch Schwangere und Kleinkinder.
Katsumi Furitsu sprach mit dem Bürgermeister der Gemeinde, Mitarbeitern und Einwohnergruppen, gab ihnen konkreten medizinischen Rat und klärte sie darüber auf, wie dringlich eine Evakuierung sei. Sie hörte die Geschichten vieler betroffener Menschen. „Es ist wirklich eine sensible Situation in vielerlei Hinsicht. Politisch, sozial und psychologisch“, beschreibt sie. Viele Menschen wollen ihre Heimat und ihr Leben nicht einfach für immer hinter sich lassen. „Es war wirklich traurig und schrecklich für mich, dass noch so viele Menschen, und besonders auch Kleinkinder, in einem Gebiet lebten, in dem sie einem so hohen Strahlungslevel ausgesetzt waren.“
Hilfe erhielten die Menschen vor Ort v.a. von NGOs und engagierten Einzelpersonen, die ihnen zumindest unkontaminierte, frische Nahrung zu Verfügung stellten, während die Regierung an ihren Evakuierungsplänen arbeitete. Die von der japanischen Regierung initiierte vollständige Evakuierung der Gemeinde Iitate zog sich noch bis Ende Mai hin.
Im Mai war Katsumi Furitsu erneut in der Präfektur Fukushima. Auch außerhalb der evakuierten Zone sind viele Menschen erhöhten Strahlungswerten ausgesetzt und leben in „leicht“ kontaminierten Gebieten. „Auch wenn die Verseuchung noch geringer ist, als in vielen Gebieten nach Tschernobyl, ist die Situation doch vergleichbar“, berichtet Katsumi Furitsu. Die Menschen haben Angst und sind verunsichert. Können sie ihre Wäsche draußen aufhängen, die Fenster öffnen? Was können sie essen? Können sie noch Nahrung anbauen? Ihre Kinder draußen spielen lassen? Sie brauchen bei allen Dingen des täglichen Lebens Hilfe und Rat.
Nicht alle, so meint sie, hätten den Ernst der Lage erkannt – auch wegen der unzureichenden Informationspolitik der Regierung und der Einstellung vieler Wissenschaftler, auch von Ärzten, die immer noch der Meinung sind, dass Niedrigstrahlung nicht gefährlich sei. Immerhin hat die JMA (Japanese Medical Association) kürzlich ein Statement veröffentlicht, das die Heraufsetzung der Strahlengrenzwerte für Schulkinder durch die japanische Regierung kritisiert und eine Senkung fordert. Das Ministerium für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technik hatte die maximale Strahlenbelastung für Schulkinder in den kontaminierten Gebieten auf 20 Millisievert pro Jahr heraufgesetzt, was der durchschnittlichen jährlichen Strahlenexposition von erwachsenen Arbeitern in AKWs entspricht. Damit folgt es den Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission (International Commission on Radiological Protection, ICRP) von 2007, erklärt Katsumi Furitsu. Diese hat in ihren Richtlinien für atomare Notfallsituationen Strahlengrenzwerte von 20-100 Millisievert pro Jahr festgelegt – allerdings ohne gesondert auf Richtwerte für Kinder einzugehen, die um ein Vielfaches strahlensensibler als Erwachsene sind. „Ich denke, dass es wichtig ist, die Empfehlungen der ICRP im Rahmen einer internationalen Kampagne zu kritisieren. Die IPPNW als internationale Autorität in Gesundheitsfragen könnte und sollte hierbei eine führende Rolle übernehmen.“
Doch jetzt heißt es für Katsumi Furitsu und ihre Kollegen zunächst den Menschen vor Ort zu helfen. Die japanische IPPNW unterstützt die Betroffenen auf verschiedenen Wegen durch ihre Ärzte und deren zugehörige Einrichtungen. Einige – wie Katsumi Furitsu – fahren in die kontaminierten Gebiete, informieren die Menschen dort über die gesundheitlichen Auswirkungen von Strahlung und erklären ihnen, wie sie sich bestmöglich schützen können. Andere beraten die Evakuierten zu allen Fragen der Strahlenbelastung und möglichen gesundheitlichen Folgen.
„Ich bin Ärztin und als Ärztin sage ich: Wir dürfen die Geschichte von Tschernobyl nicht wiederholen. Was bedeutet das? Dass man nicht zu spät reagiert. Dass man die Gefahr nicht unterschätzt. Wir sollten handeln, besonders in Bezug auf die Kinder. Warnen, versuchen, Gefahren schon jetzt zu minimieren. Wichtig ist auch, dass die Gesundheit der Betroffenen langfristig beobachtet wird und dass sie umfassend medizinisch betreut werden, um gesundheitliche Schäden wenigstens so gering wie möglich zu halten. Ich halte es für wichtig, dass die Menschen die Situation verstehen und einschätzen können – auch um ihren Forderungen nach einer adäquaten Unterstützung Gewicht zu verleihen, und die Regierung aufzufordern, ihre Pro-Atom-Politik endlich zu beenden.“
Tausende Menschen in Japan sind Opfer dieser Politik geworden. Sie mussten ihr bisheriges Leben für immer aufgeben, haben ihre Existenzgrundlage mit einem Schlag verloren, oder müssen auf Dauer mit der Kontamination leben. Notfallarbeiter setzen im havarierten Atomkraftwerk noch immer ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel, so wie einst die Liquidatoren von Tschernobyl. Sie alle werden noch lange unter den gesundheitlichen, sozialen und psychologischen Spätfolgen leiden. Und die Situation im AKW Fukushima ist noch längst nicht stabil – während hier das Medieninteresse langsam nachlässt, geht die Katastrophe in Japan weiter. Für Jahrzehnte. Engagierte Menschen, wie Katsumi Furitsu und ihre Kollegen, werden weiterhin versuchen, den Betroffenen so gut wie eben möglich zu helfen.
In diesem Fall ist das tatsächlich alles, was Ärzte noch tun können. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Katastrophe endlich das längst überfällige Ende des Atomzeitalters einleitet. Nicht nur in Japan – weltweit.
Autorin: Samantha Staudte, Redakteurin beim IPPNWforum