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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Endlagersuche in Deutschland

Was bleibt

Lange Version des Artikels aus dem forum121

Jahrelang wurden die Warnungen von Bürgerinitiativen und Wissenschaftlern ignoriert, bis Laugenzuflüsse in der Kaligrube Asse II bei Wolfenbüttel für Schlagzeilen sorgten. Anfang Januar legte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nach der Übernahme der illegalen Atommülldeponie von der Helmholtz-Gesellschaft einen Optionenvergleich vor: Der Müll soll raus, bevor die Deponie zusammenbricht.  

1965 kauft die Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF), die Vorläuferin des heutigen Betreibers, des Helmholtz-Zentrums, im Auftrag des Bundes das Kalibergwerk für 800.000 DM. Vom 4.4.1967 bis Ende 1978 wurden 124.494 Fässer mit schwachradioaktiven Abfällen gestapelt oder verstürzt. Aus der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe kamen 1.293 Fässer mit mittelradioaktivem Abfall hinzu. Lecke und korrodierte Fässer wurden angeliefert, flüssige Abfälle eingelagert. Inzwischen wird auch zugegeben, dass zwischen 1973 und 1976 mindestens 94 Fässer mit kugelförmigen Brennelementen aus einem Versuchsreaktor im Kernforschungszentrum Jülich in die Asse II gebracht wurden.

Auf ein atomrechtliches Genehmigungsverfahren wurde seitens der GSF bewusst verzichtet, eine Bergung der Fässer war nie vorgesehen. Von Anfang an wussten die Betreiber von der Gefahr eines Wasserzuflusses. Doch Gefälligkeitsgutachter deckelten das riskante Unternehmen. Seit 1988 werden 12 Kubikmeter Wasser aufgefangen und abgepumpt. Die Lauge umspült zumindest eine Einlagerungskammer. Die Asse II säuft ab, der radioaktive Müll liegt drin. Ob die angestrebte Evakuierung der Abfälle noch möglich ist, soll bis zum Jahresende entscheiden werden. Dazu müssen die Kammern geöffnet werden, der Müll muss in Augenschein genommen und konditioniert werden. Der Zeittakt einer ferngesteuerten Evakuierung ist eng veranschlagt, denn das Bergwerk kann auch instabil werden. Der Notfall kann eintreten, dann bliebe nur die Flutung. 3,7 Mrd. Euro sind nach Angaben des Bundesumweltministers Norbert Röttgen (CDU) für die Auslagerung veranschlagt.

Schacht Konrad

Die Zuständigkeit wechselte, die Probleme bleiben. Denn wohin mit dem Müll, wenn er geborgen wird? Schon werden Stimmen laut, der Müll solle in den Schacht Konrad, ein ausgedientes Erzbergwerk bei Salzgitter, das ein atomrechtliches Genehmigungsverfahren durchlief. Es ist "gerichtsfest", weil die Gegner mit Klagen scheiterten, aber sicher? Das Erzbergwerk ist eben auch schon vorher genutzt worden, ist also verritzt. Was sagte unlängst die Bundesforschungsministerin Anette Schavan vor dem Asse-Untersuchungsausschuss? Nach heutigem Stand von Wissenschaft und Technik sei klar, "dass man ein ausgedientes Bergwerk nicht zur Einlagerung von Atommüll nutzen kann". Auch hier wie anderswo fand kein vergleichendes Verfahren statt. Um Akzeptanz zu schaffen, wurde im Planfeststellungsbeschluss die Müllmenge von 650.000 auf ein Abfallvolumen von 303.000 Kubikmeter reduziert. Allein aus der Asse II würden aber rd. 200.000 Kubikmeter kommen, außerdem kann der Müll aus der Asse II ohnehin nicht 1:1 im Schacht Konrad eingelagert werden, weil die Radiotoxizität der Asse-Abfälle zu groß ist…

Morsleben

Das zweite havarierte Endlager – Morsleben – wird in der aktuellen Debatte viel seltener erwähnt. Zu Unrecht. Nicht die Asse II, sondern Morsleben war das erste genehmigte Endlager in Deutschland, das zur Zeit eilig geschlossen und teilweise mit Beton verfüllt wird, um das Einstürzen zu verhindern. 1970 erwarben die Atomkraftbetreiber der DDR die Salzgrube. Schon ein Jahr später beginnt das Endlager für radioaktive Abfälle (ERAM) den Betrieb. Parallelität der Ereignisse in Ost und West: Da keine Sicherheitsnachweise vorlagen, erfolgte die Einlagerung des Atommülls bis 1981 unter dem Titel „Einlagerungsversuchsphase“. Wissenschaftler des Deutschen Brennstoffinstituts in Freiberg (Sachsen) merkten schon 1969 an: „Die Grube ist trotz gegenwärtig geringer Zuflüsse einer großen hydrologischen Gefährdung ausgesetzt.“ Zu DDR-Zeiten wurden 14.430 Kubikmeter Abfälle eingelagert. Die Abfälle wurden versprüht, verstürzt und teilweise gestapelt. Zwischen 1994 und 1998 kamen 22.320 Kubikmeter Atommüll hinzu – in erster Linie „Westmüll“. Angela Merkel, die sich heute als Kanzlerin in der schwarz-gelben Koalition für die Verlängerung von Laufzeiten der Atomkraftwerke und die Aufhebung des Gorleben-Moratoriums stark macht, stellte der Atommüllkippe noch 1997 als Bundesumweltministerin einen Blankoscheck aus: „Die Standsicherheit des Endlagers und der betroffenen Versturzkammern, aber auch der Hohlräume darüber und darunter, ist für die nächsten Jahrzehnte gegeben“. Das atomrechtliche Genehmigungsverfahren zur Schließung der Anlage hinkt den Sicherungsmaßnahmen hinterher. Über 11.000 Einwendungen gab es immerhin. Ein wichtiger Einwand: am Beispiel Morsleben wird demonstriert, wie man ein havariertes Endlager in den Griff bekommt, ohne den Müll zu evakuieren, eine Option, auf die man sich in einem Genehmigungsverfahren in Gorleben berufen könnte. Die Kosten für die Schließung – nach Schätzungen des BfS etwa 2,57 Mrd. Euro - tragen ebenfalls die Steuerzahler.

Jahrelang galt die Asse als Pilotprojekt für Gorleben. Die Einlagerung von wärmeentwickelnden radioaktiven Abfällen wurde dort simuliert. Wärmequellen sollten Aufschluss geben, wie sich das Salzgestein verhält. Zum Glück konnte Anfang der 90er Jahre verhindert werden, dass hochradioaktiver Müll aus der Plutoniumfabrik und Waffenschmiede Hanford (USA) eingelagert wurde.

Gorleben

Die Wahl Gorlebens war ein Fehler von Anfang an: Über 30 Jahre hat es gedauert, bis Akten kursierten, die belegen: Gorleben ist in den 70er Jahren nicht wegen seiner geologischen Qualitäten als Endlagerstandort benannt worden. Gesucht wurde ein Areal zur Errichtung eines Nuklearen Entsorgungszentrums (NEZ), groß genug, um eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA), eine Brennelementfabrik, oberirdische Pufferläger und eine Anlage zur Behandlung und Verpackung von Atommüll auf rund 12 Quadratkilometern zu konzentrieren. Irgendwie darunter sollte auch das Endlager für die hochradioaktiven Abfälle als Bergwerk aufgefahren werden.
Kabinettsprotokolle der Regierung Albrecht (CDU) sowie Unterlagen einer interministeriellen Arbeitsgruppe kursieren, die aus 140 niedersächsischen Salzstöcken den angeblich geeignetsten für eine Atommülldeponie auswählen sollte. Mit Hilfe einer Punktetabelle wurde der Standort des NEZ festgelegt, der in erster Linie auf die Wiederaufarbeitungsanlage zugeschnitten war: "Nur maximal 32 von 266 erreichbaren Punkten entfielen auf die Geologie des Salzstocks", schreibt die TAZ.

Weitere Punkte habe es für die Wasserversorgung, Verkehrsanbindung, geringe Gebietsnutzung, geringes Einkommen, hohe Arbeitslosenquote, die Ferne des Luftverkehrs oder für die Erdbebensicherheit gegeben. Die beiden geologischen Kriterien "Salzstockteufenlage" und "Zentralität", die lediglich 12,8 Prozent der Gesamtpunktzahl ausmachten, seien sehr allgemein gefasst gewesen: Der Salzstock durfte nicht zu tief und das WAA-Gelände musste zentral über ihm liegen. Mithilfe der Punktebewertung identifizierten die Beamten sieben mögliche Standorte. Ironie der Suchgeschichte: Bis auf Gorleben fanden laut den Dokumenten alle Standorte die Zustimmung des Bundes. Ernst-Albrecht bestand aber im Clinch mit der SPD-geführten Bundesregierung am Ende auf Gorleben.
Parallelen zwischen der Asse und Gorleben liegen auf der Hand: Wasserkontakt, Gefälligkeitsgutachten, die Anwendung des Berg - statt des Atomrechts, was die Öffentlichkeit bei  der „Erkundung“ faktisch ausschließt. Die Befürworter Gorlebens sollten unbedingt in den Unterlagen des Innenausschusses des Deutschen Bundestages vom 20.Juni 1984 blättern. Der „Bericht der Bunderegierung zur Entsorgung der Kernkraftwerke und anderer kerntechnischen Einrichtungen“ dokumentiert, dass von 9 angehörten Experten 5 sich für einen Abbruch der Erkundung in Gorleben aus geologischen Gründen aussprachen.

Das Gorleben-Moratorium des Jahres 2000 war Ergebnis eines politischen Kompromisses, zustande gekommen ist das Moratorium aber nur, weil Geologen an der Eignung Gorlebens zweifeln. Auf 300 Seiten legte Prof. Dr. Klaus Duphorn bereits 1982 fundiert und akribisch dar, welche Risiken der Salzstock Gorleben als Folge der komplizierten geologischen Struktur und der Wasserkontakte für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle birgt. Auftraggeber war die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), also die Vorgängerbehörde des BfS. Im Mai 1983 hatte der Amtsleiter Professor Helmut Röthemeyer in Hannover gegenüber Journalisten eine Zusammenfassung der bis dahin vorliegenden Untersuchungsergebnisse mit einer „internen Gesamtbewertung“ verbunden, die zu der Empfehlung gelangte, „das Erkundungsrisiko breiter zu streuen.“ Ziel der PTB war es, auch andere Salzstöcke zu erkunden. Für eine Behörde war das ein unerhört mutiger Schritt, konsequenter wäre gewesen, ganz auf die Einbahnstraße Gorleben zu verzichten. Erst zwei Jahre später erfuhr die Presse, dass die Bundesregierung der PTB per Weisung untersagt hatte, derartige Überlegungen anzustellen (FR 25.7.85 „Maulkorb für kritische Äußerung über Gorleben“).
Stück für Stück setzt sich jetzt die historische Wahrheit durch. Nach den Enthüllungen des vergangenen Jahres, dass die Befunde von Tiefbohrungen im Salzstock Gorleben auf Weisung der Kohl-Regierung von der federführenden Fachbehörde 1983 geschönt wurden, um den Bau der unterirdischen Deponie starten zu können, und dass Gorleben in Teilen bereits als Atommülldeponie ausgelegt wurde, schlagen jetzt die zweifelhaften Auswahlkriterien auf die Gorleben-Befürworter zurück.

Endlagersuche – zurück auf Null!

Wie unberührt von diesen Vorgängen plädieren die Unionsparteien und die FDP für die weitere Nutzung der Atomkraft, die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke und die Wiederaufnahme der Bauarbeiten in Gorleben. Bundeskanzlerin Angela Merkel entfuhr die Klage, dass in Gorleben bereits 1,51 Mrd. Euro verbaut wurden. Geld statt Sicherheit? Das ist übrigens die einzige Summe, die von den Atomstromproduzenten aufgebracht werden musste. Ein Witz angesichts der 30 Mrd. Euro, die die Atomstromkonzerne steuerfrei an Rücklagen für die nukleare Entsorgung angehäuft haben. Allein aus den Zinsen ließen sich Alternativen zu Gorleben erkunden. Doch der Wind dreht sich. Argumente zählen und die Schönung der Gorleben-Akten wird ein parlamentarisches Nachspiel haben, ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss (PUA Gorleben) wird versuchen, den Gorleben-Schwindel aufzuklären. Es ist eine gute Zeit, für Weichenstellungen. Das Asse – Desaster lenkt den Blick auf das Gorleben- Desaster. Und das Atommülldesaster verbietet den Weiterbetrieb oder gar die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerke.Blick über den TellerrandEs drängt sich eher die Frage auf, warum allein in Deutschland die nukleare Community auf Salz als Endlagergestein setzt. Es gibt gleich zwei Einbahnstraßen: Gorleben und Salz. In der Schweiz bewegt die Endlagerung von Atommüll die Gemüter nicht weniger als in Deutschland. Doch in einem wesentlichen Punkt hat es ein Umdenken bei der Endlagersuche gegeben, die als vorbildlich angesehen wird: Es gibt ein vergleichendes Suchverfahren, unterschiedliche Lagerformationen stehen zur Wahl und der Bevölkerung werden Mitspracherechte eingeräumt. Dazu musste es erst einmal ein klares Nein in einem Volksentscheid gegeben haben. Bürgerinnen und Bürger des Kantons Nidwalden sagten nein zum Endlagerstandort Wellenberg.Diese Schlappe hat ein Umdenken in der Politik bewirkt. Tatsächlich hat die Schweiz inzwischen mehrere potenzielle Standortgebiete für ein Atommüll-Endlager definiert. Seit November 2008 wissen die Schweizer, dass insgesamt sechs Orte (Sündranden, Wellenberg, Jura Südfuß, Züricher Weinland (Benken), Bözberg und Nördlich Lägern) für die Entsorgung von radioaktivem Abfall in Frage kommen und weiter untersucht werden. Während in Deutschland Standorte festgelegt wurden und dann Eignungskriterien prozesshaft den gegebenen geologischen Befunden angepasst wurden, geht die Schweiz einen umgekehrten Weg.Die Suche nach dem endgültigen Standort erfolgt in drei Etappen und wird rund zehn Jahre dauern. Jede Etappe wird von einem breiten Anhörungsverfahren begleitet, in dem Kantone, Parteien, Organisationen, Bevölkerung und auch Nachbarstaaten mit einbezogen werden", erklärte der zuständige Schweizer Bundesrat Moritz Leuenberger vor dem Bundestag 2009.(swissinfo, 27.5.09) Natürlich formiert sich an den Standorten sehr wohl auch der Bürgerwiderstand. In die Schlagzeilen geriet immer wieder der grenznahe Endlagerstandort Benken, deutschen Gemeinden soll nur in einem Radius von 5 Kilometern eine Mitsprache eingeräumt werden. Voraussichtlich 2011 wird der Schweizer Bundesrat entscheiden, welche der sechs Standorte vertieft untersucht werden. Spätestens 2018 soll der sicherste Standort definiert sein; dann kommt mit großer Wahrscheinlichkeit das Schweizer Stimmvolk zum Zug, um via Referendum über das Endlager abzustimmen.
Wolfgang Ehmke


16./17.April Fachtagung in Dannenberg zur Endlagerproblematik. Anmeldungen und Programm über www.bi-luechow-dannenberg.de oder telefonisch 05841 4684
4. Juni Räumungstag der „Freien Republik Wenland“ vor 30 Jahre. Ausstellung, Konzert, Umzingelun