Haben Sie sich schon mal gefragt, ob Sie Ihren Pass dabei haben, wenn Sie aus dem Haus gehen, um kurz Milch zu kaufen und wie lange es dauern wird? Aber am besten von vorn: Dieses Jahr hat zum dritten Mal das Refugee Camp Project (ReCap) stattgefunden. Sieben TeilnehmerInnen aus England, Schweden und Deutschland reisten vom 14. August bis 10. September nach Bethlehem und machten sich vor Ort ein Bild von dem Leben der palästinensischen StudentInnen und Flüchtlingsfamilien. Die Idee zu diesem Projekt entstand vor drei Jahren auf dem europäischen Studierendentreffen in Irland. Seitdem wird ReCap von MedizinstudentInnen aus verschiedenen Ländern organisiert.
Den Auftakt zu dem diesjährigen Camp bildete ein einwöchiger Vorbereitungskurs an der Al-Quds Universität Jerusalem in Abu Dis. Dort fanden Vorlesungen und Seminare zu Themen wie Geschichte und Kultur Palästinas, Entstehung der Flüchtlingsproblematik, medizinische Versorgung und ein Crashkurs in Arabisch statt. Wir erhielten eine theoretische Einführung in die Lebensumstände der Flüchtlinge, und Mitarbeiter der UNRWA (United Nations Relief and Works Agency) erzählten uns über ihre Arbeit mit den Flüchtlingsfamilien. Während dieser Woche lebten und wohnten wir mit und bei den palästinensischen StudentInnen und bekamen so einen Einblick in ihren Alltag.
Wir sahen, unter welch spärlichen Bedingungen sie im Studentenwohnheim leben. Die Mauer, die Israel von Palästina trennt, steht nur einen Meter vom Fenster entfernt. Durch den Mauerbau sind viele Wohnungen von der Universität getrennt, auch liegen sämtliche Lehrkrankenhäuser auf der anderen Seite. Der Weg zur Universität wird so oft zu einem unüberwindbaren Hindernis. Die Studenten müssen häufig stundenlang an den Checkpoints warten, und an manchen Tagen kommt es vor, dass man sie überhaupt nicht passieren lässt. Vorlesungen fallen zum Teil aus, weil der Dozent nicht kommen kann. Ohne Sondergenehmigung dürfen Palästinenser nicht nach Westjerusalem, und so müssen sich die Studenten selber fast täglich illegal über die Mauergrenze begeben, nur um an das Lehrkrankenhaus zum Unterricht zu kommen, denn kaum einer von ihnen hat eine Genehmigung.
Auch lernten wir bereits in unserer ersten Woche in Abu Dis, dass man lieber nicht ohne Pass in der Tasche auf die Straße gehen sollte, denn jederzeit kann man angehalten und kontrolliert werden. Termine können oft nicht wahrgenommen oder nur mit genügend Pufferzeit eingeplant werden. Mann man weiß nie, wie lange man am Checkpoint aufgehalten wird. Eine Strecke, die früher eine halbe Stunde dauerte, kann sich nun über Stunden hinziehen (unser Ausflug nach Jericho dauerte über vier Stunden bei gerade mal 30 km Luftlinie). Manchmal muss man auch wieder umdrehen und es an einem anderen Tag versuchen.
Der zweite Abschnitt von ReCap fand in Bethlehem statt, wo wir die folgenden drei Wochen lebten. Dort besuchten wir morgens Krankenhäuser der UNRWA, die in den Camps liegen und sich speziell um die Flüchtlingsfamilien kümmern, und das Caritas Baby Hospital. Wir konnten in verschiedenen Fachgebieten wie Frauenheilkunde, Zahnheilkunde, Pädiatrie und Allgemeinmedizin Patienten mit untersuchen und an den Visiten teilnehmen. Vor allem aber nutzten wir die Zeit, um mit den Ärzten, Schwestern und Patienten zu reden. Wir hörten Geschichten von monatelangem Lohnausfall, Geburten an Checkpoints, weil der Krankenwagen nicht passieren durfte, Berichte über die schlechten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten aufgrund mangelnder und überalterter Geräte und lernten ein Gesundheitssystem kennen, das in erster Linie bemüht ist, eine Grundversorgung wie Impfungen zu gewährleisten.
An drei bis vier Nachmittagen in der Woche besuchten wir Kindergruppen in verschiedenen Flüchtlingscamps in Bethlehem. Anfangs waren wir alle nervös und fragten uns: Wie wird es? Wie werden wir uns mit den Kindern unterhalten können? Aber unsere Unsicherheit stellte sich als unbegründet heraus. Die Offenheit und das Interesse seitens der Kinder haben uns schnell unsere Angst genommen, und so versuchten wir, mit Hilfe sämtlicher Kommunikationsmittel miteinander ins Gespräch zu kommen. Konnte ein Kind nicht gut oder gar kein Englisch sprechen, war sofort ein Freund als Dolmetscher zur Stelle. Notfalls verständigten wir uns mit Hand, Fuß, Mimik oder Stift und Blatt Papier.
Unsere Arbeit bestand hauptsächlich darin, mit den Kindern zu spielen, zu malen und einfach Zeit mit Ihnen zu verbringen. Unsere Aktivitäten reichten von einer Miniolympiade im Flüchtlingscamp bis zum gemeinsamen Englischlernen auf einer dafür speziell eingerichteten Seite im Internet. Auch gelang es uns, eine Musikschule für ReCap zu gewinnen, die den Kindern Musikunterricht gab, was ihnen viel Freude bereitete. Jede Abwechslung und Chance, etwas Neues kennen zu lernen, hießen sie willkommen.
Das Leben der meisten Kinder und Jugendlichen spielt sich innerhalb der Camps ab: Hier leben ihre Familien und Freunde, hier spielen sie und gehen zur Schule. Ihre Familien sind seit Generationen in den Flüchtlingscamps und geben dieses Bewusstsein weiter. Es war auffällig, dass die Bilder, die die Kinder malten, meistens politischen Inhalt hatten. Anstatt die Familie oder ihre Freunde zu malen, wie wir es erwartet hatten, sahen wir Flaggen, das Camp, eine Landkarte von Palästina oder Soldaten und Stacheldrahtzaun. Fast jedes Kind hat ein Familienmitglied, das im Gefängnis ist, war oder gewaltsam umgekommen ist. Viele der Kinder haben in ihrem Alltag bereits Gewalt erfahren. In Gesprächen mit Eltern erfuhren wir, dass sie Angst im Dunkeln haben und an Schlafstörungen leiden. Mehr als einmal wurde uns auch erzählt, dass ein Kind wieder angefangen habe nachts einzunässen.
An den anderen Nachmittagen besuchten wir Flüchtlingscamps außerhalb Bethlehems und spielten dort mit Kindern oder lernten andere NGOs und ihre Arbeit kennen. Ein Verein in Jenin unterstützt z.B. allein erziehende Frauen, indem er Computerkurse anbietet und ihnen eine Arbeit und somit Geld zum Leben gibt. In Tulkarem trafen wir eine kleine Gruppe von Männern und Frauen, die eine Art Jugendhaus führen und den Kindern ein zweites Zuhause geben, weg von der Straße, ein Ort zum Treffen, Reden, Leben und eine Ansprechperson bei Problemen.
Aber auch die landschaftliche und historische Seite Palästinas kamen nicht zu kurz, so fuhren wir zum Beispiel ans Tote Meer, besichtigten den Hisham Palast in Jericho, schlenderten durch Ramallah und besuchten Akko und Haifa.
ReCap ist noch ein sehr junges Projekt. Organisiert und gestaltet wird es von den TeilnehmerInnen der letzen Jahre und den palästinensischen StudentInnen vor Ort. Mit jedem Jahr sammeln wir neue Erfahrung und versuchen, das Projekt weiter zu entwickeln. Auf dem europäischen Studierendentreffen dieses Jahr in Neapel und beim Weltkongress in Helsinki haben wir MedizinstudentInnen aus Israel kennen gelernt, mit denen wir seitdem in engem Kontakt stehen und hoffen, dass wir einen gemeinsamen Weg gehen können.
Im November werden sich 14 ehemalige TeilnehmerInnen aus ganz Europa für ein Wochenende in Berlin treffen. Gemeinsam wollen wir unsere Erfahrungen und Ideen austauschen und ReCap weiter ausbauen. Wir wollen die Auswirkungen der Gewalt und des Konflikts auf die Kinder verringern und sie stärken, indem wir ihnen einen gewaltlosen Umgang mit Problemen aufzeigen und dadurch einer Basis für mehr Frieden etwas näher kommen.
Mehr Informationen auf unserer Homepage:
www.ippnw-students.org/ReCap/index.html
Kontakt: Daniela Calvano
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