Unser Wirtschaftssystem wird jedes Jahr mehrfach von so genannten "Weisen" begutachtet. Die jeweils größte Befürchtung, die sie dabei äußern, ist ein zu geringes oder gar fehlendes Wirtschaftswachstum. Auch die herrschende Politik und die Börse fürchtet nichts mehr als das.
Das tatsächlich unglaubliche Ausmaß, in dem Produktion, Verkehr, Konsum und Export seit Mitte des 20ten Jahrhunderts gewachsen sind, wäre ohne die bislang grenzenlose Verfügbarkeit billiger Energie in Form von importiertem Erdöl nicht möglich gewesen.
Seit Monaten spüren die Verbraucher eine Verteuerung der Benzin- und Heizölpreise, reagieren der Ölmarkt und die Börse empfindlich auf jede Schwankung der Ölfördermengen. Zwar wird uns jeweils ein aktueller Grund für die Entwicklung genannt. Aber gibt es nicht tiefgreifendere Erklärungen für diesen unübersehbaren Trend?
Die Entdeckung neuer Ölfelder in den USA erreichte in den 30er Jahren ihr Maximum und nahm im weiteren Verlauf stetig ab. 1956 veröffentlichte der Geologe M. King Hubbart Berechnungen, denen zufolge die Erdölförderung der USA um 1970 einen vergleichbaren "peak" erreichen sollte. Kaum einer hatte es geglaubt, aber 1971 kam es zu genau diesem nun als "Hubbart-peak" bezeichneten Phänomen. Seitdem sind die USA auf stetig steigende Importe zur Deckung ihres wachsenden Bedarfs angewiesen.
Weltweit geht seit den 60er Jahren die Entdeckung neuer Vorkommen zurück. Die Methode Hubbarts wurde weiterentwickelt und auf die globale Entwicklung der Fördermengen angewandt. Einer der führenden Wissenschaftler hierbei ist der Erdöl-Geologe Colin Campbell, der früher u.a. bei Texaco, Fina und Amoco tätig war. Seinen Berechnungen zufolge wird der Höhepunkt an weltweiter Produktion - im englischen "peak oil" genannt - bereits im Jahr 2005 erreicht, andere kommen auf einen Zeitpunkt wenige Jahre später. Im Sinne eines negativen feed-back-Mechanismus könnte ein aufgrund des steigenden Ölpreises zurückgehender Verbrauch die Erdölförderraten drosseln und so zu einem "Plateau" führen, an dessen Ende ein dann um so steileres Absinken folgen könnte. Zu erwarten wäre ein Rückgang der Fördermengen um jeweils 2-3 % jährlich.
Unstrittig ist, dass die weltweiten Reserven an förderbarem Erdöl begrenzt sind und dass die Menschheit in etwa einem Jahrhundert etwa die Hälfte dieses unwiederbringlichen Stoffs verbraucht hat. Es geht nicht darum, dass in naher Zukunft kein Öl mehr vorhanden sein wird, sondern darum, dass die zurückgehende Förderleistung dem wachsenden Bedarf nicht genügen wird
Welche Folgen wird das haben? Vorausgesetzt, dass es zu keiner tiefgreifenden Veränderung des Weltwirtschaftssystems kommt, wäre bei einem bisherigen Zuwachs an Erdölbedarf von jährlich etwa 2-3 % nach einem Jahr die Versorgungslücke mit etwa 5 % zu beziffern, nach weiteren Jahren entsprechend mehr. Man muss kein Ökonom sein, um die Folgen für die Weltwirtschaft zu erahnen. Mit dem rapide steigenden Ölpreis - es gibt Prognosen von bis zu 180 $ pro Barrel in weniger Jahre - steigen die Kosten für Lebensmittel, Industrieprodukte, Transport etc. Weitere Folgen sind unabschätzbar und unausweichlich zugleich.
Abgesehen von den Konsequenzen, die dies für jeden von uns persönlich haben wird, gibt es mehrere Punkte, die für uns als Friedensorganisation von Bedeutung sind.
1. Friedenspolitische Konsequenzen
Insbesondere die politische Führung der USA ist sich der oben beschriebenen Entwicklung wohl bewusst. Es gibt zahlreiche Zitate von führenden US-Politikern, die dies bestätigen.
Bereits 1999 sagte der heutige Vizepräsident Dick Cheney: “...nach einigen Schätzungen wird es in den kommenden Jahren einen Zuwachs an weltweiter Öl-Nachfrage von jährlich 2 % geben. Gleichzeitig wird, konservativ gerechnet, die Produktion aus existierenden Reserven um 3 % sinken. Das heißt, dass bis 2010 um die 50 Millionen Barrel täglich zusätzlich benötigt werden. Das ist ein Vielfaches der Fördermenge Saudi Arabiens!”
Spencer Abraham, der Energieminister, sagte: “Amerika steht vor einer massiven Energieversorgungskrise innerhalb der nächsten 2 Dekaden. Dieser Herausforderung nicht zu begegnen, wird den wirtschaftlichen Wohlstand unserer Nation bedrohen, unsere nationale Sicherheit beeinträchtigen und buchstäblich die Art und Weise verändern, in der wir unser tägliches Leben führen.”
Das Motiv für das militärische Engagement der USA und ihrer "Allianz der Willigen" in der Golfregion ist an erster Stelle zweifellos das dort lagernde Öl. Es ist zu befürchten, dass dies erst der Anfang einer unheilvollen Entwicklung ist.
Im April 2001 erschien eine Studie mit dem Titel “Strategic Energy Policy: Challenges for the 21st Century”, die von Dick Cheney in Auftrag gegeben wurde und die u.a. vom "ames A. Baker III Institute for Public Policy" finanziert wurde (auf dessen Homepage unser Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher neben James A. Baker als Mitglied des "Board of Advisors" aufgeführt wird).
Hierin heißt es: “Die Vereinigten Staaten bleiben ein Gefangener ihres Energie-Dilemmas und eine der Konsequenzen sei die Notwendigkeit militärischer Intervention- um die Ölversorgung zu sichern.”
2. Energiepolitische Konsequenzen
Um die entstehende Energie-Versorgungslücke zu schließen wird zweifellos der Ausbau der Kernenergie als vorrätige Alternative genannt werden. Erste Forderungen in diese Richtung wurden auch in Deutschland bereits erhoben, z.B. von Guido Westerwelle. Die IPPNW wird sich diesem Argument stellen und ihre bereits vorhandenen Anstrengungen noch intensivieren müssen, um die zivilen und militärischen Risiken der so genannten friedlichen Nutzung der Kernenergie deutlich zu machen.
3. Gerechtigkeit
Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als würden die Menschen, die aufgrund ihres geringeren "Lebensstandards" weniger von der Verfügbarkeit billigen Erdöls abhängen als wir, unter einer Versorgungskrise weniger zu leiden haben. Ein Verweis auf die jüngere Geschichte zeigt aber, dass bestehende Armut im Zeitalter der globalen Märkte sich in der allgemeinen Krise weiter verschärft. Zumal ein Teil der vorhandenen Ölreserven in Ländern der sog. 3. Welt liegen (Venezuela, Nigeria, Namibia, um nur einige zu nennen), die damit rechnen müssen, dass wie im Fall des Irak mit kriegerischer Gewalt der Zugang hierzu kontrolliert werden wird. Die IPPNW sollte die hierdurch entstehenden Konflikte und Kriege zu ihrem Thema machen.
4. Entwicklung von Alternativen
Wenn auch über die Konsequenzen für unser aller Lebensbedingungen nur spekuliert werden kann - im Internet kann man einige Horrorvisionen dazu finden - ist absehbar, dass der Umgang mit Energie und Ressourcen gründlich überdacht werden muss. Der bloße Verweis auf die Verfügbarkeit alternativer Energiequellen wird nicht ausreichen. Die IPPNW sollte sich dieser Herausforderung stellen und in der Diskussion über den dringend notwendigen Wandel eine führende Rolle einnehmen.
Eine Gesellschaft, die ihren immensen Reichtum einerseits auf das Vorhandensein einer von vielen kontrollierten und insgesamt begrenzten Energie und andererseits auf ein Wirtschaftssystem stützt, in dem nur die Reichen diesen Ressourcen verschlingenden Lebensstiel pflegen können, ist auf Dauer nicht überlebensfähig.
Helmut Lohrer
Literatur:
THE END OF CHEAP OIL
Colin J. Campbell u. Jean H. Laherrère,
Scientific American, March 1998
THE PARTYS OVER
Richard Heinberg
New Ciciety Publishers, 2003
STRATEGIC ENERGY POLICY
CHALLENGES FOR THE 21ST CENTURY
by Edward L. Morse, Chair Amy Myers Jaffe
Task Force Report
April 2001
NATIONAL ENERGY POLICY
Reliable, Affordable, and Environmentally Sound Energy for Americas Future
Report of the National Energy Policy Development Group
Mai 2001
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