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Die arabische Familienidentität als therapeutische Ressource

Vortrag von Angelika Claußen 2005 in Frankfurt


„Krieg ist für mich Angst“ – das war das Hauptergebnis einer psychologischen Studie des International Study Teams (IST), Kanada, das im Januar 2003 Interviews mit 85 Kindern und Jugendlichen im Alter von 4 bis 18 Jahren durchführte, in Bagdad und Basra. Die Kinder wurden von der Studiengruppe danach gefragt, welche der drei Gefühle am stärksten sei: Wut, Traurigkeit oder Angst. Die meisten Kinder gaben „Angst“ zur Antwort. Bei der Auswertung der Fragebögen ergab sich, dass die Hälfte der Kinder an Schlafstörungen und Alpträumen, und 40 % der Ansicht waren, das Leben sei nicht mehr lebenswert. Fast die Hälfte der Kinder fühlte sich sehr einsam.

Wie würde wohl heute eine solche Studie ausfallen?
Während meiner Kontakte habe ich verschiedenen Ärzten aus dem Irak diese Frage gestellt. Die Antwort war einmütig: die Kinder haben immer noch viele Ängste, oft leiden sie unter Schlafstörungen, wachen schreckhaft nachts auf. Die Ursachen sind klar: Den Bombardements der Krieg führenden Koalition folgten Überfälle auf den Strassen, die Bombenanschläge von Selbstmordattentäter und schließlich wieder das erneute Bombardement der Besatzungskräfte in Fallujah und zur in Al-Quaim. Es ist eine nicht endende Spirale der Gewalt. Der Krieg geht weiter.

An den Anfang meines Beitrags habe ich zwei aktuelle Nachrichtenmeldungen der Nachrichten-Agentur IRIN gestellt, die uns in das Thema führen:
BAGHDAD, 15.03. 2005 (IRIN) – Jeden Morgen verlässt Mahmut, 13 Jahre alt, das Haus seines Onkels in Bagdad und geht zu einem besonderen Unterricht: Er lernt, wie er die USTruppen bekämpfen kann. Er ist Waise, seitdem sein Vater von den US-Truppen getötet wurde. Seitdem ist der junge Mahmut absorbiert von seinen Hassgefühlen. Sein Onkel hat sich bereits den Aufständischen angeschlossen. Jetzt ist Mahmut bereit, mitzukämpfen.....” AL-QUAIM, 17.05.05 (IRIN) Ca. 6000 Zivilisten flohen aus der Stadt Al Qaim nahe der syrischen Grenze in die umliegende Wüste. Im Gebiet der Stadt gab es schwere Gefechte zwischen der Besatzungsarmee und Widerstandskräften. Steven Boylan, der US-Offizier der amerikanischen Koalitionskräfte gab dazu gegenüber Reportern an, dass man 39 Menschen festgenommen hätte, die für den Geheimdienst von Interesse wären, 125 Aufständische seien getötet worden, neun Marines seien auf amerikanischer Seite gestorben.... Der Krieg geht weiter. Es gibt keine Sicherheit.
Angesichts des andauernden Krieges im Irak mag es vermessen klingen, wenn wir heute über Projekte und Unterstützungsarbeit für kriegstraumatisierte Kinder im Irak sprechen.
Wenn ich aktuelle Nachrichten aus Kriegsgebieten höre und sehe, fühle ich mich immer wieder aufs Neue erschüttert und hilflos angesichts der Brutalität und der Übermacht von Militärs und der Kräfte, die solche Kriege planen und durchführen helfen. Und ebenso erschüttert es mich auf Neue zu sehen, wie Krieg, Zerstörung und Unterdrückung eine Kultur des fortwährenden Traumas erzeugt, angefangen bei den Kindern, während die Mineschen im Irak doch endlich eine Kultur des Friedens herbeisehnen.
Als bikulturelle, türkischsprachige Psychotherapeutin und Nervenärztin sind mir die Nöte und Leiden der Menschen aus Kriegsgebieten und nach Folter besonders vertraut.

Mein Vortrag gliedert sich in drei Teile:

1. Das psychosoziale Trauma der Gesellschaft im Irak:
Was heißt das? Einer Gesellschaft, die unter Krieg und Besatzung leben muss, medizinische und psychologische Unterstützung zu geben? Einer Gesellschaft, deren soziales Gewebe und soziale Strukturen aufgrund der über 30 Jahren anhaltenden Traumas von Diktatur und Repression zutiefst zerstört sind?
Ich werde mich hierbei auf das Konzept des psychosozialen Traumas nach Martin BARO (1989) beziehen, das die Auswirkungen des andauernden Bürgerkrieges in El Salvador auf die gesamte Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung der Kinder beschreibt.

2.Stabilisierung:                                                                                                     Der medizinische –psychologische Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen, das bedeutet die Arbeit mit Ressourcen. Die Arabische bzw. orientalische Familienidentität als Ressource
Was könnte helfen? Wie kann dieses Wissen genutzt werden, um dabei zu unterstützen, dass sich Verbundenheitsgefühl ebenso wie das Selbstwertgefühl in einer sozialen Identität bei den traumatisierten Menschen und insbesondere den Kindern wieder herstellen?

3. Zwei Seiten einer Medaille -
Die Überwindung von Trauma und Gewalt einerseits, die politische Arbeit für den Frieden andererseits
Welche Haltung ist hilfreich, wenn Sie als ZuhörerInnen und ich als Vortragende uns nun doch auf den Weg machen, über Hilfe für kriegstraumatisierte Kinder im Irak zu sprechen? Ich denke, es ist Neugierde im Sinne von Offenheit und Bescheidenheit, interkulturelle Kompetenz und damit eine selbstkritische Bewertung unseres westlichen Blicks auf Traumata und ihre Behandlung

Zu 1)
Die psychosoziale Zerstörung der Gesellschaft im Irak
Der Begriff Psychosoziale Zerstörung stammt von Martin Baro (1) Psychosoziale Zerstörung meint, dass die gesamte Gesellschaft von diesem Prozess betroffen ist im Gegensatz zum individuellen Trauma. Die Traumatisierung von Kindern wurzelt damit in den Strukturen der gesamten Gesellschaft, sie ist ein Resultat von sozial und politisch repressiven Regierungen in vielen Ländern der Erde.
Die psychosoziale Zerstörung beinhaltet mindestens folgende drei dauerhaft wirksame, auf fast allen Ebenen der Gesellschaft verankerte, negative Strukturen: Gewalt, soziale Polarisation und institutionelles Lügen. Die gesellschaftlich traumatisierenden Lebensbedingungen reproduzieren immer wieder entmenschlichende Beziehungen, Kreise des Schweigens, des Misstrauens und der Ablehnung, die in der Trauma-Gesellschaft zur Überlebensgrundlage werden. Diesen extrem negativen Bedingungen müssen sich Kinder anpassen, es gibt keine Alternative.
Vor Hintergrund dieser Beobachtungen und Überlegungen erscheint die Wahl von dem 13- jährigen Mahmut, der lieber in die „Schule für den Krieg“ anstatt in die Schule für den Frieden“ gehen will, um gegen die US-Amerikaner zu kämpfen, sehr nachvollziehbar.

Vier basale Fähigkeiten, das klare Denken, die wahrheitsgetreue Kommunikation, die Sensibilität gegenüber dem Leiden von Mitmenschen und die Fähigkeit zu hoffen, gehen verloren, wenn eine Gesellschaft dauerhaft Trauma - Strukturen erzeugt. Unser therapeutisches Ziel ist die Stärkung bzw. Wiedergewinnung dieser vier Fähigkeiten.
Wir wählen dabei einen transkulturellen Ansatz, der auf Großgruppen fokussiert und eine kultursensible Antwort im Sinne von Public Health auf die schweren psychosozialen „Probleme“, wie sie bei Kriegstraumatisierten, Überlebenden von organisierter Gewalt und Flüchtlingen regelhaft angefunden werden, darstellt.(3)
Die Wiedergewinnung der o.g. basalen menschlichen Fähigkeiten bedeutet sowohl Stärkung/Empowerment der gesamten Gruppe und psychisch-individuelle Stabilisierung.

Zu 2)
Die arabisch-orientalische Familienidentität als Ressource:
In den meisten Ländern der Erde wachsen Menschen nicht wie bei uns im Westen in einer Klein- oder Kernfamilie auf, sondern in einer je nach Kultur unterschiedlich strukturierten Großfamilie.
Das bedeutet, dass Verbundenheit und Zugehörigkeit zur Familie, zu einer bestimmten religiösen, politischen und oder ethnischen Gruppe eine wichtige Halt gebende und Ichstabilisierende Funktion innehat. In den Gesellschaften des Nahen Ostens wachsen trotz wachsender Verstädterung immer noch viele Menschen in einer Großfamilie auf. Und selbst wenn der Übergang zur Kleinfamilie vollzogen wurde, so können in den Köpfen der Menschen die mit der Großfamilienstruktur verknüpften inneren Bilder als Ideal noch eine große Rolle spielen. Dies trifft auch für den Irak zu, besonders jetzt, wo infolge des Repressionsregimes durch Saddam, infolge der Sanktionen und die letzten drei Kriege (Iran- Irak, erster und zweiter Golfkrieg) die Gesellschaft atomisiert wurde und der Rückgriff auf die Großfamilie bzw. den Clan und /oder die religiöse Gemeinschaft blieb, um etwas an innerem Halt zu bewahren. .

Vor allem in Agrar- und Nomadengesellschaften führt die Sozialisation in der Großfamilie regelhaft zur Herausbildung eines Wir-Ichs, während in den westlichen (Industrie-) Gesellschaften zum Individual-Ich sozialisiert wird.
Vamik Volkan (4,5), ein bekannter Psychoanalytiker türkisch-zypriotischer Abstammung, hat zusammen mit A. Özbek das „Unternehmen Großfamilie“ in der Türkei analysiert. Viele Erkenntnisse daraus lassen sich meines Erachtens auf andere islamisch strukturierte Gesellschaften übertragen. Die Großfamilie ist patriarchalisch strukturiert, wobei dem Vater die Vertretung in die Gesellschaft nach außen zukommt, während die Mutter die Macht nach innen vertritt. „Himmel und Hölle liegen am Fuße der Mutter.“ Sagt ein islamisches Sprichwort.

Das individuelle Familienmitglied innerhalb des Familie wird von ihnen mit dem Status eines Satelliten verglichen, der zeitlebens an den Hauptplaneten, an „Fixstern“ Familie gebunden, das kann je nach dem Vater oder Mutter sein. Die Zerstörung dieser Familie durch Tod wird daher nicht nur als sehr schmerzhaft empfunden, sondern bedeutet auch den drohenden psychischen Tod für das Individuum.
Da es in der Großfamilie viele „Mütter“ statt einer Mutter gibt, die Fürsorge für das Kind leisten, wird das Ertragen von Frustrationen in der Regel in einem späteren Alter als in den westlichen Gesellschaften gelernt, etwa bei Schuleintritt oder erst in der Pubertät. Negative Erfahrungen, Regeln, Normen werden stärker durch äußere, außerhalb der Familie liegende Autoritäten vermittelt. Die Familie bleibt als gutes inneres Objekt erhalten.

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Erziehung sind erheblich. Mädchen werden insbesondere den städtischen Familien häufig sehr früh, zwischen dem 3 – 4. Lebensjahr, in ihrem Spiel- und Lebensraum eingeengt. Ideal ist das kleine Mädchen, das schamhaft und eifrig die Rolle der fürsorglichen Mutter nachahmt und im Hause bleibt. Das bedeutet eine besser ausgeprägte Fähigkeit der Mädchen beim Umgang mit Frustration, was für die Schulkarriere sich eher positiv in der Lernfähigkeit bemerkbar macht.
Jungen werden wenig eingeengt, eine große Expansivität wird als normal angesehen. Die Beschränkung kommt entweder in der Schulzeit oder in der Pubertät. Fähigkeiten, wie man mit Frustrationen umgeht, werden also relativ spät vermittelt. Das Ritual der Beschneidung vermittelt dem Jungen im Alter zwischen 9 - 10 Jahren Kraft und Stärke und dessen Eintritt in die Gemeinschaft der Männergesellschaft.
Männern wird der Verantwortungsbereich der Außenvertretung in der Gesellschaft  ugeordnet. Wenn der Vater stirbt, übernimmt ein Bruder des Vaters, der Vater des Vaters und/oder der älteste Sohn, den Verantwortungsbereich des Verstorbenen.
Einen weiteren Unterschied finden wir in der Bewertung von Scham und Schuld:
Dem regulierenden Gefühl der Scham kommt in orientalischen Gesellschaften eine höhere Bedeutung als das Gefühl der Schuld, wie in den jüdisch-christlichen Gesellschaften.

Die Frage „wie wird mein Verhalten von der Umgebungsgesellschaft gewertet“ ist wesentlicher für das tatsächliche Verhalten des Individuums als internalisierte Instanzen.
Die Auseinandersetzung mit dem sozialen Über-Ich hat somit eine wichtige Identitätsprägende Wirkung.

Welche Ressourcen sind unmittelbar zu nutzen bzw. werden schon eingesetzt?
Die Tatsache, dass „viele Mütter“ normalerweise an der Erziehung der Kinder beteiligt sind, die selbstverständliche Verantwortung älterer männlicher und weiblicher Verwandten für das Wohl der gesamten Familie und besonders für die Kinder und ebenso für kranke Mitglieder der Familie, die besonders hoch ausgeprägte Fähigkeit, Frustrationen zu ertragen, bei den weiblichen Mitgliedern der irakischen Gesellschaft, die zudem im heutigen Irak die Mehrheit darstellen (55 %) , wegen der vielen Kriegstoten unter den Männern nach jetzt insgesamt drei Kriegen, die Tatsache, dass trotz extremer Repressionen unter dem Saddam-Regime eine verglichen mit den Anrainer-Staaten hohe Frauenbildungsquote existiert und dadurch der Anteil von relativ selbstbewussten starken Frauen nicht zu unterschätzen ist.

Auf dem Hintergrund dieses Wissens wollen wir für unser psychosoziales Hilfsprojekt, die Etablierung einer kinder- und jugendpsychotherapeutischen Ambulanz an der psychiatrischen Klinik der Universität Al-Mustansariya in Bagdad, zusätzlich zu Ärzten und Psychologen nach lokale Multiplikatoren suchen, die eine psychosoziale Gemeinwesenarbeit in Bagdader Stadtvierteln aufbauen können.
Unser transkultureller Ansatz geht davon aus, dass nur in enger Zusammenarbeit mit unseren irakischen PartnerInnen, von der Wertschätzung her „auf gleicher Augenhöhe“, die spezifische Ausformung unseres Projekts gelingen kann. Es ist also so etwas wie eine gemeinsame Suche nach den richtigen Lösungen, auf die wir uns begeben.
Dazu ist unbedingt eine hohe Bescheidenheit erforderlich, gerade weil wir als Westlerinnen von unseren Partnerinnen immer als Angehörige der weltweit herrschenden amerikanisch- europäischen Dominanz-Kultur wahrgenommen werden oder religiös ausgedrückt: als Angehörige des dominierenden jüdisch-christlichen Kulturkreises.


Lösungsansätze, möglichen Formen der Traumaintegration:
1. Gemeinschaftsorientierte, Familien- und Gruppen-Orientierte Formen der Integration von Trauma haben Vorrang vor Individuums-Zentrierten Formen.
Suche nach Multiplikatorinnen:
Mit welchen Großgruppen auf welcher sozialen Ebene (z.B. Schule, Krankenhaus, Eltern, Nachbarschaft, politische Gruppe, religiöse Gruppe) eine gemeinsame Arbeit denkbar und machbar ist. Aufklärung über Trauma und Stärkung geben nach dem Motto: Kinder gedeihen dann am besten, wenn die betreuenden Erwachsenen sich positiv/stark fühlen und achtsam sein können
2. den salautogenetischen Ansatz –Gesundheit- fördern:
a.
Information geben:
Welche Reaktionen werden durch Erlebnisse von Trauma, chronischem Stress, Angst Trauerreaktionen hervorgerufen?
Welche Formen des Umgangs mit Angst, Trauer, chronischem Stress machen krank, mit welchen Reaktionsformen können Menschen/Gruppen ihre Gesundheit erhalten?
Reaktionen des Vermeidung/des Verschweigens/Verdrängens vs. Reaktionen des Teilens von Emotionen, Geschichten erzählen über den Umgang mit Angst
Traumatische Erfahrungen machen den Kopf wirr, wir versuchen ihn wieder klar zu machen!
(Klares Denken)
b.
Gemeinsames Verstehen der schrecklichen Vergangenheit und Gegenwart in geeigneten Klein-Gruppen, Trauerrituale
Dabei ist den Frauen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, sie sind diejenigen, die die Kinder großziehen und den Alltag ordnen, die am meisten Leben, Gesundheit und Wohlbefinden unter den Bedingungen der Besatzung sorgen.
Diskussion folgender Fragen und Teilen von Gefühle in den Gruppen:
Was bedrückt uns? Was macht uns Angst?
Welche Ursachen haben unsere gemeinsamen Probleme, welche die des Einzelnen oder der Familie? Wie können wir uns gegenseitig helfen?
Gefühle/Reaktionen über Geschichten erzählen bis hin zu gemeinsamen kulturspezifischen Ritualen der Angstbewältigung des Umgangs mit Trauer.
Wichtig wäre es Raum für das Schweigen bzw. den vorübergehenden Rückzug als auch das mutige Erzählen zu geben, so dass jede Teilnehmerin ihr Schweigen dann brechen kann, wenn es Zeit ist
c.
Das gemeinsame analysieren und Entlarven von institutionellen Lügen, unter Saddam und jetzt unter der Besatzung (für Erwachsenen und ältere Kinder), DiskussionViele kleine Geschichten des Muts und des Widerstandes mit den Betroffenen sammeln, Diese Geschichten aufschreiben und oder malen lassen von Kindern, auch andere Ausdruckselemente wären möglich wie Tanzen, Puppenspiel, Puppen basteln eine gemeinsame Zeitung daraus machen, die in der Umgebung verteilt wird.
d.
Speziell für Kinder (2):
Die Uhr (Übung zur Veränderung von Gefühlen in der Zeit:
Dabei handelt es sich um ein Konzept, in welcher die Zeit und die Verschiedenheit von Gefühlszuständen als Ausdruck von Emotionen eingeführt werden. Auf jeder Uhrzeit wird der aktuelle Gefühlszustand eines Kindes in Form von lachendem, weinendem, wütendem, traurigem Gesicht usw. eingezeichnet.
Die Collage
Collage über tröstliche und positive Erinnerungen ebenso wie schwierige Erinnerungen an Krieg und Zerstörung, Zukunftsträume/- Wünsche
e.
Die Sinnfrage
Wie kann das, was die irakischen Menschen erlitten haben, dabei helfen, eine andere, bessere Gesellschaft aufzubauen?
Viele Kriegstraumatisierte bzw. Gefolterte durch alle Kulturen der Welt haben ihrem Leiden dadurch einen Sinn gegeben, dass sie veränderte Haltungen einnehmen und sich z.B. für Menschenrechte einsetzen. Dies ist in der Regel allerdings erst dann möglich, wenn der Krieg vorbei ist.

Zu 3)
Zwei Seiten einer Medaille: die Überwindung von Gewalt und die Arbeit für den Frieden
Der in der Traumatherapie wichtigste Grundsatz lautet:
Ohne äußere Sicherheit ist keine Arbeit an der inneren Sicherheit, in der Psyche des Menschen möglich. Mit einem Flüchtling, der in seinem Heimatland gefoltert wurde, kann ich keine aktive Traumakonfrontation machen, solange die Gefahr besteht, dass er oder sie morgen an den Ort des Geschehens wieder abgeschoben wird.
Wir müssen unsere ärztlich-psychotherapeutische Arbeit immer auf dem realpolitischen Hintergrund verstehen. Daher arbeitet die IPPNW sowohl direkt in der Unterstützung von kriegstraumatisierten Kindern als auch friedenspolitisch, um die Ursachen von Krieg und psychosozialer Zerstörung anzugehen.
Ohne äußere Sicherheit, d.h. Frieden im Gegensatz zu Besatzung als Teil einer Befriedungsstrategie, kann sich keine innere Sicherheit im Irak, unter den Menschen, Bevölkerungsgruppen, usw. entstehen.

Die von den USA angeführten Besatzungsmächte halten ihre Herrschaft nach ihrem Angriffskrieg 2003 weiter aufrecht, sie führen einen Krieg mit geringerer Intensität, um die Gewinninteressen großer transnationaler Firmen, sog. Global Players wie Halliburton, Bechtel, Northrop Grumman u.a. abzusichern und die neoliberale Weltordnung durchzusetzen, eine Weltordnung, die nur noch die Verantwortung gegen dem Shareholder- Value von anonymen Aktionären zulässt, und Menschenrechte, individuelle wie soziale völlig außer acht lässt.
Die Dekrete des amerikanischen Vizekonsuls im Irak, Paul Bremer, bedeuteten eine nahezu vollständige Liberalisierung und Privatisierung der irakischen Wirtschaft, quasi die Übergabe des irakischen Reichtums an ausländische Unternehmen (6). Durch diese Dekrete wurde eine riesige Massenarbeitslosigkeit geschaffen. Die Aufträge der amerikanischen Besatzungsbehörde zum Wiederaufbau des Irak (Elektrizität, Telefon, Wasseraufbereitung etc.) ging ausschließlich an Firmen aus den Ländern der „Koalition der Willigen“. Irakische Unternehmen wurden allenfalls als Subunternehmer berücksichtigt.

Vor diesem Hintergrund bekommen die brutalen Selbstmordanschläge von Terror- und/oder Widerstandsgruppen, eine andere Dimension. Gleichwohl ist diese Form des Widerstands zu scharf zu verurteilen, auch für den Widerstand gelten die Gesetze der Genfer Konventionen, dass Zivilisten geschützt werden müssen, ohne Ausnahme. Der irakische Widerstand ist zwar „aktiv, aber blind“ (7), eine politische Perspektive für das irakische Volk wird nicht aufgezeigt.

Unser Engagement als Ärzte für die Menschen im Irak hat daher immer zwei Seiten: eine fachlich-medizinische Seite und eine politisch-soziale Seite. Unser medizinischer Einsatz und unsere Hilfsprojekte im Irak werden erst dann Erfolg zeitigen können, wenn der Krieg im Irak vorbei ist, d.h. wenn die sog. Koalitionskräfte das Land verlassen haben und das irakische Volk über seine Reichtum, das Öl, selbst verfügen kann.
Solange dies nicht der Fall ist, können wir Ärzte allenfalls „Stabilisierungs-Arbeit“ machen, wie bei den traumatisierten Flüchtlingen bei uns, denen wir Psychotherapeuten erst dann wirklich helfen können, wenn sie einen sichereren Aufenthaltsstatus in unserem Lande erhalten haben, ohne die Gefahr in das Land der Folter und des Krieges zwangsweise zurücktransportiert zu werden.

Ich befürchte, dass die USA ihre Besatzungsherrschaft im Irak noch Jahre ausüben werden. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich sowohl die innerirakischen Kräfte sich trotz allem in zivilen und koordinierten Widerstand zusammenfinden. Die neuen Veränderungen im Libanon und in Syrien machen mir zumindest ein wenig Hoffnung.

So wie wir Ärzte gerade die traumatisierten Flüchtlinge in den schwersten Zeiten voller Hoffnungslosigkeit nicht allein lassen, so werden wir auch unsere irakischen Kolleginnen nicht allein lassen und unser Projekt für die Installierung ein Kinder- und Jugendpsychiatrie im Irak und im Nahen Osten weiter fortführen.

Literaturliste:
1) Baro, M. (1989) Political Violence and war as causes of psychosocial Trauma in El Salvador, International J. of Mental Health 18,3 – 20
2) Andrade, Yaya de : Psychosoziales Trauma, Dialoge mit Flüchtlingskindern in der Schule, In: Gisela Perren-Klingler (Hrsg.), Hauptverlag 1995, Trauma: Vom Schrecken des Einzelnen zu den Ressourcen der Gruppe
3) Eisenbruch, M., de Jong,J., van de Put,W. : Bringing Order out of Chaos: a culturally compentent Approach to managing the Problems of Refugees and Victims of Organized Violence, J. of Tramatic Stress, vol 17, 2.4.2004, S.123 -131
4) Özbek, A. und Volkan, V.D. 1976. Psychiatric problems within the satellite extended families in Turkey, Am.J.Psychotherapy 30: 576 –582
5) Volkan, V.D.: Cyprus – War and Adaption, University Press of Virginia, 1979
6) Klein, Naomi. Bagdad im Jahr Null – Das Scheitern der neokonservbativen Utopie In: Blätter für Deutsche und Internationale Politik 1’05
7) Baran, D. und Guidere,M., Der irakische Untergrund – aktiv und blind“ In: LeMonde diplomatique, deutsche Ausgabe Mai 2005
Dr. med. Angelika Claußen
Ärztin für Psychotherapie und Psychiatrie
Vorsitzende der deutschen Sektion der IPPNW

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