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Unfallszenarien sind kein zu akzeptierendes "Restrisiko"

Redebeitrag von Winfrid Eisenberg auf der PK am 9.9.2005

Sehr geehrte Damen und Herren,
Für uns Ärzte gilt der Grundsatz »Vorsorgen ist besser als Heilen«. Das betrifft mein Fachgebiet, die Kinderheilkunde, in besonderem Maß; im Berufs- Alltag beschäftigen sich Kinderärztinnen und Kinderärzte zu einem großen Teil mit Präventivmedizin - denken Sie nur an die Impfungen, die Vorsorge-Untersuchungen, die Suchtests nach Stoffwechselkrankheiten in der Neonatologie.

In manchen Situationen gibt es gar nichts zu heilen, das Vorsorgen stellt die einzige Möglichkeit ärztlichen Handelns dar: Nach den Atomunfällen von Windscale, Harrisburg, Tschernobyl - um nur drei Beispiele zu nennen - muss jedem klar sein, dass Schutz vor einmal frei gewordenen radioaktiven Teilchen praktisch nicht möglich ist. Gegen Strahlen und Strahlenfolgen gibt es keine Medikamente. Auch hier haben wir in meinem Fach, im Umgang mit Kindern und allgemein den nachfolgenden Generationen eine besondere Verantwortung. (Nicht zuletzt deshalb sind Pädiater in der IPPNW überproportional vertreten.)

Kaum taugliche Vorsorgemaßnahmen hinsichtlich der Atomkraftwerke bestehen in Evakuierungsplänen für die Umgebungsbevölkerung, im Austeilen von Jodtabletten oder im Einnebeln der Meiler bei Annäherung verdächtiger Flugzeuge. Wirkliche Vorsorge wäre, die Gefahrenquellen im buchstäblichen Wortsinn auszuschalten. Jedes stillgelegte AKW vermindert das Gesamtrisiko.

Stichwort Risiko:
Ich habe es übernommen, hier etwas zum sogenannten Restrisiko zu sagen. Nach Tschernobyl, als überall Bürgerinitiativen insbesondere von Müttern und Vätern gegründet wurden, gab es ein geflügeltes Wort: Das Restrisiko ist das Risiko, das uns den Rest gibt. Aber eigentlich ist das Thema zu ernst, um damit zu spaßen.
Der Begriff »Restrisiko« entstammt nicht der Antiatombewegung, auch nicht der politischen Diskussion, er gehört ursprünglich auch nicht zum Vokabular der AKW-Betreiber, sondern es ist ein Wort aus dem Atomrecht.
Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Kalkar-Urteil von 1978 entschieden, dass die Bevölkerung im Zusammenhang mit der Nutzung der Atomenergie ein Restrisiko als sozialadäquate Last zu tragen habe. Dieses Restrisiko wird als ein Bereich von Ungewissheiten definiert, die jenseits der Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens liegen. Die Grenze zwischen konkret vorstell- und beschreibbaren Risiken einerseits und dem Restrisiko andererseits wird im Kalkar-Urteil als Schwelle praktischer Vernunft bezeichnet.
Es geht also um hypothetische Risiken, die nach dem Stand der Wissenschaft unbekannt, aber nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen sind.

Das bedeutet umgekehrt, dass klar erkannte Ereignisabläufe, die zu einem Atomunfall führen können, die also nicht jenseits der Grenze des menschlichen Erkenntnisvermögens liegen, auf keinen Fall dem Restrisiko zugeordnet werden können.
Henrik Paulitz hat in einer ausführlichen Recherche zu Biblis B 49 voneinander unabhängige Sicherheitsdefizite dargestellt; danach ist in Biblis jederzeit ein Supergau möglich; was ein »Tschernobyl« im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet bedeuten würde, brauche ich Ihnen nicht vorzutragen - entsprechende Szenarien wurden mehrfach beschrieben und auch verfilmt.

Übrigens: die aktuelle Verlautbarung der IAEA und der von ihr »geknebelten« WHO, in Tschernobyl sei fast gar nichts Schlimmes geschehen, hat keinen anderen Zweck, als die Nutzung der Atomenergie zu fördern und auszuweiten, was ja die Aufgabe der IAEA ist.

Den Tod von allein ca. 15.000 jungen Männern, die damals als »Liquidatoren« eingesetzt wurden, einfach auszublenden, ist ebenso unglaublich wie empörend. Die Reihe der Ausblendungen durch von der Atomindustrie abhängige IAEA-Wissenschaftler könnte beliebig fortgesetzt werden. Wenn so eklatante Sicherheitslücken, wie für Biblis B beschrieben, vorhanden sind, liegt nach dem Kalkar-Urteil eine Grundrechtsverletzung für die Bevölkerung vor mit der Konsequenz, dass die Betriebsgenehmigung zu widerrufen ist.

Mit unserem Antrag fordern wir den hessischen Umweltminister dringend auf, Biblis B stillzulegen.

Dr. med. Winfrid Eisenberg, stellv. Vorsitzender der IPPNW

Geb. 1937 in Hanau/M. Medizinstudium 1957-1963; FA für Kinderheilkunde 1973. 1967-1970 ärztliche Tätigkeit in Tanzania; 1984-2002 Leiter der Kinder- und Jugendklinik am Klinikum Herford. Seit 2002 im sog. Ruhestand. Vier erwachsene Kinder. IPPNW-Mitglied seit 1982, im Vorstand seit 2003. Arbeits- Schwerpunkt z.Z.: Arbeitskreis Flüchtlinge/Asyl; Vertreter der IPPNW in der Bundesarbeitsgemeinschaft proAsyl. Weiterer Schwerpunkt: Gefahren durch Atomenergie. Persönlicher Bezug zur Atomkernspaltung: Nach Tschernobyl Gefühl der Ohnmacht, wenn Eltern und werdende Eltern nach den Radioaktivitätsrisiken für ihre Kinder fragten. Viele Vorträge und Diskussionsrunden. Zeichenhafter Protest gegen die Atomindustrie durch Teilnahme an einer Besetzung des Trockenkühlturms des inzwischen stillgelegten Thorium-Hochtemperatur-Reaktors (THTR) in Hamm-Uentrop, Juli 1986

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