Vor bald 22 Jahren, im Mai 1986, einige Tage nach der Tschernobyl-Katastrophe, wurden wir Kinderärzte tagein - tagaus von Schwangeren und Eltern junger Kinder gefragt, was man tun könne. Wir waren genauso hilflos wie alle anderen. Einmal freigesetzte Radioaktivität kann von keinem Politiker und von keinem Strahlenschutzbeauftragten zurückgerufen werden. Es war allgemeiner Konsens, dass Kinder besonders geschützt werden müssten, weil sie viel strahlenempfindlicher als Erwachsene sind.
Diese Kenntnis hat sich aber in den Strahlenschutzverordnungen und in den Bestimmungen über "erlaubte" Emissionen aus den Atomkraftwerken bisher nicht niedergeschlagen. Die üblichen "Grenzwerte" sind willkürlich und legen fest, welche Strahlendosen ein gesunder Erwachsener zu vertragen habe. Von der Berücksichtigung der Kinder, geschweige denn der Embryonen und Feten keine Spur. Das muss sich ändern!
Ich will nun versuchen, die Ursachen der besonderen Strahlensensibilität der Kinder zu beschreiben. Die Altmeisterin auf diesem Gebiet, die britische Epidemiologin Alice Stewart, hat schon lange vor Tschernobyl auf die besondere Vulnerabilität des kindlichen Organismus hingewiesen; sie hat z.B. die Verdopplungsdosis für Leukämie in Abhängigkeit vom Lebensalter dargestellt, d.h. die Strahlendosis, die eine Verdopplung der normalerweise auftretenden Leukämieerkrankungen bewirkt. Die entsprechende Kurve zeigt, dass Embryonen und Feten diese Verdopplung schon bei minimaler Bestrahlung erleiden, während die Verdopplungsdosis nach der Geburt kontinuierlich langsam ansteigt. Mit anderen Worten: ein Embryo ist um ein Vielfaches strahlensensibler als ein Fetus, dieser wieder hochgradig empfindlicher als ein neugeborenes Kind, dieses wiederum vulnerabler als ein älterer Säugling, usw.
Was sind nun die Gründe dafür?
1. Wachstum - und solange man wächst, ist man ein Kind - bedeutet eine hohe Zellteilungsrate aller Organe. Die Zellteilung ist die Gefahrenphase für Strahlentreffer; die ruhende Zelle ist dagegen vergleichsweise resistent. Ein Embryo wächst beinahe explosionsartig, seine Zellen sind ständig in Teilung, deshalb ist jede noch so geringe Strahlung für ihn so bedrohend.
2. Die von der Atomlobby viel beschworenen körpereigenen Reparatur-mechanismen greifen beim ganz auf Wachstum eingestellten jungen Kind nicht. Es gibt diese Mechanismen - unser Organismus ist in der Lage, veränderte Zellen zu identifizieren und zu eliminieren. Wenn wir diese Fähigkeit nicht hätten, könnten wir nicht leben, denn Zellteilungs-Unfälle gibt es oft, nicht nur als Strahlenfolge. Kinder aber, und Embryonen ganz besonders, haben diese Fähigkeit noch nicht bzw. nicht in ausreichendem Maß.
3. Kinder haben eine positive Stoffbilanz, d.h. sie müssen, um wachsen zu können, mehr Substanzen aufnehmen als abgeben, im Vergleich zu Erwachsenen, die ja nur ihren fertig aufgebauten Körper zu erhalten haben. Die positive Stoffbilanz der Kinder führt bei aufgenommenen radioaktiven Isotopen zu einer verlängerten "biologischen Halbwertszeit". Das ist die Zeit, die vergeht, bis ein aufgenommenes Isotop zur Hälfte wieder den Körper verlassen hat. Ein Beispiel: Der wachsende Organismus ist außerordentlich kalkhungrig, er braucht zum Aufbau der Knochen jede Menge Calcium. Nun können wir aber leider nicht zwischen Calcium und Strontium unterscheiden. Wenn Sr 90 in der Luft, im Wasser oder in Nahrungsmitteln vorhanden ist, wird es vom Kind begierig in die Knochen eingebaut und strahlt dann dort langfristig in die nächste Umgebung, z. B. ins Knochenmark hinein. Für die Entstehung kindlicher Leukämien sind Spuren von Sr 90 deshalb viel gefährlicher als größere Mengen des bei Strahlenmessungen üblicherweise aufgeführten Leitisotops Cs 137.
4. Letzter Punkt: manche bösartigen Erkrankungen haben eine lange Latenzzeit, d.h. die Zeitspanne zwischen Strahlenexposition und erkennbarem Ausbruch der Krankheit kann 5, 10 oder auch 20 Jahre dauern. Kinder haben ihr Leben noch vor sich, sie haben im Gegensatz zu älteren Menschen die zweifelhafte Chance, das Ende der Latenzzeit und damit den Beginn der Erkrankung zu erleben.
Lassen Sie mich zum Schluss noch etwas dazu sagen, wie es sich anfühlt, wenn man Eltern die Diagnose "Krebs" oder "Leukämie" mitteilen muss. Eine solche Nachricht löst eine Art Schock aus, das Leben des betroffenen Kindes, der Eltern und der Geschwister verändert sich schlagartig in einer dramatischen Weise. Wir Pädiater sind da nah dran, näher jedenfalls als Epidemiologen, die, wahrscheinlich aus politischen Gründen, ihre eigenen aufregenden Ergebnisse verleugnen. Prof. Blettner, Leiterin des Mainzer Instituts für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik (IMBEI), wurde kürzlich mit einer Äußerung zitiert, Leukämie bei Kindern sei doch inzwischen heilbar, wozu dann die ganze Aufregung. Vielleicht schwingt da ein schlechtes Gewissen darüber mit, die wahrscheinliche Ursache der nachgewiesenen zusätzlichen Leukämien kleinzureden. Aber auch in der Sache stimmt die zynische Äußerung nicht.
Keineswegs alle, sondern ca. 3 von 4 kindlichen Leukämien können heute einer sog. 5-Jahres-Heilung zugeführt werden, um den Preis einer sehr aggressiven Kombinationstherapie, die an die Leidensfähigkeit des betroffenen Kindes und seiner Familie höchste Anforderungen stellt: Chemoblöcke, Knochenmarks- und Lumbalpunktionen, Unmengen von Blutentnahmen, Haarausfall, Übelkeit, ... Als Kinderärzte verbitten wir uns unverantwortliche Verharmlosungen einer nach wie vor dramatischen Krankheit.
Dr. Winfrid Eisenberg
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