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Stadtgespräch, 06.09.2010

Keine Angst vor dem Atomausstieg

Gespräch mit Dr. Martin Sonnabend

Der Streit um Atomstrom ist so alt wie die Technologie selbst. Unversöhnlich tauschen Befürworter und Gegner ihre Argumente aus. Doch jetzt könnte Bewegung in die verhärteten Fronten kommen, denn die Energieriesen drohen mit dem Abschalten der deutschen Atomkraftwerke – angesichts einer möglichen Brennelementesteuer und weiterer Abgaben.
„Wenn die Atomlobby abschalten will, kann sie das machen“, sagt Martin Sonnabend aus Rödinghausen. „Man braucht keine Angst vor dem Ausstieg zu haben.“ Der Internist und Umweltmediziner ist Vorsitzender der nordrhein-westfälischen IPPNW; das ist eine internationale Ärzteorganisation gegen den Atomtod, die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. „Atomenergie ist eine nicht kontrollierbare Technologie mit einem sehr hohen, aktuellen Risiko für die Gesundheit und das Leben der Menschen“, erklärt er.

Keine Angst vor dem Atomausstieg
Im Gespräch mit Dr. Martin Sonnabend
Der Streit um Atomstrom ist so alt wie die Technologie selbst. Unversöhnlich tauschen Befürworter und Gegner ihre Argumente aus. Doch jetzt könnte Bewegung in die verhärteten Fronten kommen, denn die Energieriesen drohen mit dem Abschalten der deutschen Atomkraftwerke – angesichts einer möglichen Brennelementesteuer und weiterer Abgaben.
„Wenn die Atomlobby abschalten will, kann sie das machen“, sagt Martin Sonnabend aus Rödinghausen. „Man braucht keine Angst vor dem Ausstieg zu haben.“ Der Internist und Umweltmediziner ist Vorsitzender der nordrhein-westfälischen IPPNW; das ist eine internationale Ärzteorganisation gegen den Atomtod, die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. „Atomenergie ist eine nicht kontrollierbare Technologie mit einem sehr hohen, aktuellen Risiko für die Gesundheit und das Leben der Menschen“, erklärt er. Nach seiner Darstellung gebe es viele kleine und größere Unfälle sowie Todesfälle, die nicht bekannt würden. Bereits beim Uran-Abbau, das radioaktive Metall wird für die atomare Energiegewinnung benötigt, gebe es zahlreiche Erkrankungen und Tote.
Sonnabend traut den Verlautbarungen der Atomlobby nicht, sondern vermutet viele bewusste Lügen, Verharmlosungen und Verheimlichungen. Inzwischen sei jedoch bewiesen, dass AKWs Kinder krank machen, erklärt der vierfache Familienvater. Sie erkranken häufiger, umso näher sie an den Atomkraftwerken wohnen. Noch gefährlicher als der „normale“ Betrieb von AKWs sind die nicht zu vermeidenden Störfälle. Wenn dabei Menschen radioaktiv verstrahlt würden, könnten ihre Erkrankungsfolgen nicht Erfolg versprechend behandelt werden, warnt der Mediziner.
Selbst wenn große atomare Katastrophen extrem selten sind, der überraschende Super-Gau von Tschernobyl hat gezeigt, dass Kernkraftwerke plötzlich unbeherrschbar werden können– und das nicht nur im Ausland, sondern jederzeit auch mitten in Deutschland. Bereits die Folgen von Tschernobyl sind dramatisch: Eine sehr hohe, aber verschleierte Zahl an Erkrankungen und Todesfällen im verhältnismäßig dünnbesiedelten Weißrussland sowie langfristig verstrahlte Landschaften. Und zwar nicht nur dort, sondern über Landesgrenzen hinweg, selbst die Wildtiere und Pilze in Schweden und Oberbayern strahlen aufgrund der Katastrophe von 1986 bis heute und noch viele weitere Jahre.
Die IPPNW-Ärzteorganisation hat weitere Argumente, womit sie einen schnellen Atomausstieg begründen: Dazu gehören zum Beispiel die unzureichende Sicherung der AKWs gegen terroristische Angriffe und eine nach wie vor ungeklärte Atommüll-Entsorgung. „Das Geld für die Atomenergie ist besser und nachhaltiger angelegt beim Wechsel zu erneuerbaren und effizienteren Energien, denn 100 Prozent erneuerbare Energien – regional von den Bürgern oder Kommunen gewonnen – sind kurzfristig möglich!“, sagt Martin Sonnabend. Der 56-Jährige ist Mitbegründer der Bürgersolaranlage Rödinghausen. Er wünscht sich viele weitere dezentrale Bürger-Kraftwerke in Form von Solar-, Wind- und Biogasanlagen.
Nach Angaben von IPPNW könne bereits im Jahr 2040 die weltweite Energieversorgung komplett aus regenerativen Energien gedeckt werden. In Deutschland wäre ein Ausstieg aus Kohle- und Atomstrom sogar noch schneller möglich durch engagierte Investitionen in Solar-, Wind- und Biogasanlagen und in moderner Energiespartechnik. „Lasst uns weniger Energie verbrauchen“, empfiehlt Sonnabend „Jeder von uns kann auch mit einer kleineren Energiemenge gut leben.“
Ein wichtiger Schritt in die Zukunft sind Elektromobile, die mit erneuerbarer Energie aus der Steckdose „betankt“ werden. Noch sind sie selten, doch die ersten Elektromobile rollen bereits durch den Kreis Herford, außerdem gibt es in Bünde-Holsen eine Ökostrom-Tankstelle. Weitere kleine Ladestationen könnten nach Ansicht Sonnabends demnächst folgen unter anderem an Bahnhöfen und Firmen-Parkplätzen. „Man muss selbst aktiv werden für den Atomausstieg und den Energiewechsel“, sagt der Arzt, der für sein Privathaus den Ökostrom von Greenpeace-Energy einkauft; Greenpeace produziert Elektrizität aus „sauberen“ Kraftwerken, und verzichtet somit seit Jahren auf Kohle- und Atomstrom.
ak

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