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"Wo ihr seid, fühlen wir uns sicher"

Die Nonviolent Peaceforce

 
Mit der schützenden Begleitung einzelner bedrohter Menschenrechts- und Friedensaktivisten u.a. in Südamerika haben die 'Peace Brigades International' weltweite Anerkennung gefunden. Das Konzept der Nonviolent Peaceforce / NP umfasst in gleicher Weise Aktivitäten, die als unparteiische 'Präsenz der internationalen Zivilgesellschaft' in Konfliktregionen gelten, geht aber darüber hinaus und bezieht sich vor allem auf gewaltträchtige Gruppen-Konflikte: NP will als Drittpartei zur Eindämmung und Überwindung von Feindseligkeit und Gewalt zivile Interventionen in größerem Maßstab ermöglichen, und zwar ausschließlich auf Bitten von einheimischen Organisationen.

Zu den Methoden der Arbeit gehören u.a. die kritische Beobachtung politischer Ereignisse (Monitoring), das Zwischen-die-Fronten-Treten, die schützende Begleitung und die Ermöglichung von Ge-sprächen verfeindeter Gruppen durch 'Runde Tische'.

Inmitten der Gewalt
„Plötzlich ein Knall! Menschen, eben noch beim Einkaufen auf der Dorfstraße, rennen durcheinander, sammeln sich auf der Straßenseite gegenüber der Stelle, an der eine Handgranate explodiert ist. Blut auf dem Boden, Gerüchte über Verletzte oder gar Tote, Polizei und Militär dazwischen, das Team der Nonviolent Peaceforce ganz in der Nähe. Wir Friedensfachkräfte mischen uns unter die Menge, versuchen herauszufinden, was geschehen ist und ob wir helfen können. Die Menschen schauen auf uns, werden ruhig. Ihre Augen blicken dankbar, so als wollten sie sagen „Nun, wo Ihr da seid, fühlen wir uns sicher” - und auch die Ordnungshüter reagieren gelassener. Bereitwillig teilen die Menschen uns mit, was geschehen ist, und zeigen ihre Erleichterung über unsere Gegenwart. Wir alle spüren: Wir haben etwas bewirkt, nur durch unser Dasein!"

Arbeitsweise
Wesentliches Merkmal ist die vorherige sorgfältige Vor-Ort-Untersuchung der Konfliktregion. So wurde für das erste Vorhaben das von 30jährigem Bürgerkrieg erschütterte Sri Lanka ausgewählt, nachdem die entsprechenden Fakt-Finding-Ergebnisse von drei Untersuchungen gegeneinander abgewogen wurden. Das Pilotprojekt begann 2003 mit der Mission "Töten und Zerstören zu verhindern, Menschenrechte zu schützen und so den Raum für lokale Gruppen auszuweiten, damit sie sich gewaltfrei behaupten, in Dialog eintreten und friedliche Konfliktlösungen suchen können".

Inzwischen sind etwa 40 Frauen und Männer aus 14 Nationen in fünf Teams auf der Insel tätig, vielfach in unmittelbarem Zusammenhang mit lokalen Gewalttaten aufgrund der Spannungen zwischen den drei Bevölkerungsgruppen der buddhistischen Singhalesen (74%) ,der hinduistischen Tamilen (18%) und der Muslime. Zu ihrer "Peacekeeping"-Arbeit gehören die Mitwirkung bei der Rückholung von Kindersoldaten (aufgrund eines Auftrags von UNICEF), die anhaltende Präsenz als internationale Beobachter mit ihren blauen T-shirts, besonders wenn andere NGOs wegen der Gefährdung ihrer Mitarbeiter das Land verlassen, und die Unterstützung der örtlichen Verständigung unter verfeindeten Volksgruppen.

Förderung des Dialogs
So hatten in Trincomalee die militanten Tamil Tigers / LTTE die tamilischen Fischer ultimativ aufgefordert, entgegen einer langen Tradition ihren Fang nur noch an die eigenen Leute und nicht mehr an muslimische Geschäfte zu verkaufen. Diese hatten jedoch Boote und Ausrüstung der tamilischen Fischer finanziert. In dieser kritischen Situation traten die Verantwortlichen der muslimischen Fischereigesellschaft an das örtliche NP-Team heran. Da die Muslime aus Sicherheitsgründen nicht allein in das von der LTTE kontrollierte Gebiet gehen konnten, baten sie um Begleitung und Vermittlung.

Auf diese Weise gelang es, konstruktive Gespräche zwischen den Konfliktparteien anzubahnen und den Konflikt, der leicht in gegenseitige Gewalt hätte umschlagen können, zu entschärfen. Das Team wurde zu weiterer Beratung und Vermittlung aufgefordert.

Mandat
Gewalt-Verminderung und -Prävention, um eine größere Sicherheit für Zivilpersonen zu erreichen, so dass sie zu einem anhaltenden, gerechten Frieden beitragen können.

Konkrete Ziele

  • Reduzierung von Ausmaß und Potenzial an Gewalt
  • Unterstützung und Ausweitung von Sicherheit, Selbstvertrauen und Fähigkeit einheimischer Friedensarbeiter, gewaltfrei Konflikten zu begegnen
  • Zusammenarbeit mit örtlichen Kräften, um erneuter Gewalt entgegenzuwirken


Antwort auf dringende Anfragen
Die Idee, eine Art ziviler 'Friedensarmee' zu schaffen, um 'in größerem Maßstab' von außen zur Gewaltdeeskalation und friedlichen Konflikt-Transformation beizutragen, entspringt nicht pazifistischem Theoretisieren, sondern ist die Antwort auf – inzwischen 15 - dringende Anfragen aus Krisenregionen aufgrund von konkretem Erleiden akuter und struktureller Gewalt. Die Betroffenen erhoffen sich durch trainierte Zivilisten eine gewaltfreie Überwindung der schweren Konflikte, in die sie verwickelt sind. Ein neues Projekt auf der philippinischen Insel Mindanao ist in Vorbereitung, weitere Einsätze in Lateinamerika und Uganda werden zur Zeit geprüft.

Organisatorischer Hintergrund
Nach mehrjähriger Planungszeit und einer Machbarkeitsstudie über Peacekeeping-Methoden wurde die Nonviolent Peaceforce Ende 2002 von Menschen aus 47 Ländern gegründet, darunter fünf Deutsche. Sie wird von acht Friedens-Nobelpreis-Trägern unterstützt und von über 90 Mitgliedsorganisationen getragen. Ein 17köpfiger Internationaler Rat und mehrere Unter-Komitees treffen die aktuellen Entscheidungen. Die rund fünfzig "Staff"-Mitglieder kommen aus 24 Ländern - meist der Südhalbkugel - und sprechen 40 verschiedene Sprachen. Während der Verwaltungsdirektor noch in USA angesie-delt ist, sind Regionale Koordinatoren in Indien, Ecuador, Uganda und Belgien tätig. Die deutsche Wissenschaftlerin Christine Schweitzer ist Programmdirektorin von NP.

Aus Erfahrungen lernen
Eine so junge Organisation bekommt verständlicherweise erst allmählich die Probleme der Aufbauphase in den Griff. Inzwischen konnten das Rekrutierungsverfahren verbessert und Folgerungen aus der Evaluation der bisherigen dreiwöchigen "Core"-Trainings* gezogen werden. Die Mitgliedsorganisa-tionen sollen größeren Einfluß bekommen und man beginnt - nach vermeintlich selbstverständlicher Übereinstimmung - über die unterschiedlichen Auffassungen von Gewaltfreiheit miteinander zu sprechen. Ein besonderes Problem stellen die Vorlaufzeiten von der Entscheidung und der Rekrutierung für ein neues Projekt und dem tatsächlichen Beginn dar. Bisher dauert das etwa acht Monate. Vor diesem Hintergrund und aufgrund von Anfragen, die eher kurzfristige Beteiligung betreffen, wird zur Zeit eine neue Kapazität entwickelt.

Rapid Response
Noch im Laufe dieses Jahres soll ein Pool von 100 trainierten Frauen und Männern gebildet werden, die bei Bedarf schneller verfügbar sind und für bis zu zwei Monate den nicht-militärischen Schutz solcher lokaler und externer Menschenrechts-Aktivisten gewährleisten, die akuten Todesdrohungen und körperlicher Gefährdung ausgesetzt sind. Damit wird mit eng begrenzter Aufgabenstellung - Begleitung, beobachtende Präsenz, Zwischen-die Fronten-Treten und Schaffung sicherer Räume zur Begegnung - eine zweite Säule von NP-Aktivitäten geschaffen. Vorausgesetzt, die Bemühungen um Fundraising sind so erfolgreich wie bisher, könnte die auf den ersten Blick verwegene interne Prognose Wirklichkeit werden, die für 2008 von 500 intensiv ausgebildeten und auf Abruf bereiten Frauen und Männern für Rapid-Response-Aktivitäten ausgeht.

Finanzierung
Dass Gelder von staatlichen Stellen in die Kasse dieser jungen Initiative fließen, kommt eher selten vor (die britische Regierung und das deutsche Auswärtige Amt haben das Sri-Lanka-Pilotprojekt unterstützt ); bisher sind es vor allem private Spender in USA, die "das Schiff in Fahrt gebracht" haben. Jetzt kommt es darauf an, dass auch wir anderen auf der reichen Nordhälfte der Erde diese zivil-gesellschaftliche Initiative in Bewegung halten und weitere Interventionen möglich machen. Die Menschen aus dem Bereich des "Global South" sind dazu finanziell nicht in der Lage, obwohl gerade bei ihnen der dringlichste Bedarf vorliegt.

Die Nonviolent Peaceforce gibt eine neue Antwort. Alle, die sich hier engagieren, sind überzeugt, dass dieses konstruktive Konzept inspirierend und 'ansteckend' ist, und vertrauen darauf, dass immer mehr Menschen die NP-Initiative fördern: durch aktive Mitwirkung, durch Spenden und testamentarische Verfügungen oder durch die Weitergabe von Info-Material.

Konrad Tempel

* Core müsste (entweder hier als Fußnote oder oben im Text) erklärt werden; was heißt das Kürzel in diesem Zusammenhang? WE.

Foto: 

Ansprechpartner


Dr. Jens-Peter Steffen

Referent für Friedenspolitik
Tel. 030 / 698074 -13
Email: steffen[at]ippnw.de

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