Nicht nur in der Geschäftsstelle von medica mondiale in Köln knallten die Sektkorken, als am 2. Oktober 2008 bekannt gegeben wurde, dass die Kölner Ärztin Monika Hauser den Alternativen Nobelpreis erhält. Auch im Berliner IPPNW-Büro war die Freude groß. Immerhin erhält nicht jeden Tag ein IPPNW-Mitglied den Alternativen Nobelpreis.
Die Jury des schwedischen „Right Livelihood Award 2008“ begründete die Auszeichnung mit Hausers unermüdlichem Engagement für Frauen, „die in Krisenregionen schrecklichste sexualisierte Gewalt erfahren haben, und für ihren Kampf, ihnen gesellschaftliche Anerkennung und Entschädigung zu verschaffen.“ Die Kölner Gynäkologin gründete während des Bosnienkrieges die Frauenhilfsorganisation medica mondiale. Heute unterstützt die Organisation traumatisierte Frauen und Mädchen mit Therapiezentren u. a. in Afghanistan und Albanien. In der jüngsten Pressemitteilung fordert medica mondiale mehr Schutz für die Frauen und Mädchen im Kongo vor sexualisierter Kriegsgewalt.
Berührungspunkte zwischen medica mondiale und IPPNW gab es in den letzten Jahren viele. Hier im forum und auf IPPNW-Veranstaltungen stellte Hauser oft die Arbeit von medica mondiale vor. Erst im letzten Jahr schrieb die frühere IPPNW-Pressesprecherin Ute Watermann in Kooperation mit medica mondiale eine Unterrichtseinheit zu den Folgen von sexualisierter Kriegsgewalt. Die Unterrichtseinheit ist Teil der Internet gestützten Fortbildung „Medical Peace Work“, die von der europäischen IPPNW in diesem Jahr veröffentlicht wurde.
Außerdem zeichnete die von der IPPNW unterstützte Friedensfilmpreis-Jury auf der Berlinale 2006 den Film „Esmas Geheimnis“ aus. Der Film wurde mit der Beteiligung von medica mondiale produziert. Er handelt von der allein erziehenden Mutter einer 12jährigen Tochter im heutigen Bosnien. Dass der Vater Ihrer Tochter nicht der vermeintlich verschollene Kriegsheld ist, sondern ein anonymer Vergewaltiger und Kriegstäter, das ist Esmas Geheimnis. Im Film besucht Esma regelmäßig die Gruppentherapie im örtlichen Frauenzentrum. In Bosnien und im Kosovo hat medica mondiale vielen tausend Frauen wie Esma auf einem Weg raus aus der Traumatisierung und der Ohnmacht begleitet.
Eine unbeirrbare Ärztin mobilisiert - Eine einzigartige Geschichte
Im Zentrum starker sozialer Bewegungen stehen oft große Geschichten. Einige von ihnen sind Arztgeschichten: Von den Gründungsvätern von Ärzte ohne Grenzen, die während des Biafra-Krieges das allgegenwärtige Schweigen über das Leid der Zivilbevölkerung brachen; über Bernhard Lown und seinen russischen Kollegen Chazov, die mitten im Kalten Krieg gegen den nuklearen Irrsinn aufstanden; bis hin zur Frauenärztin Monika Hauser, der 1992 die Nachrichten und Bilder von den Massenvergewaltigungen im Bosnien-Krieg – eine Flugstunde von Frankfurt – nicht mehr aus dem Kopf gehen.
"Da ist es aufgebrochen in mir. Von einer Woche auf die andere habe ich alles mobilisiert," sagte die heute 49-jährige Ärztin kürzlich in einem Zeitungsinterview. „Ein Frauenprojekt in Bosnien? Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?“, so reagierte ein deutscher Diplomat, als ihm Monika Hauser im Dezember 1992 von ihren Plänen erzählte. Auch die Frauen in Bosnien sollen sich zunächst gewundert haben über die deutsche Ärztin „mit den bunten Pumphosen“, die ihr Anliegen ungewohnt direkt mit allen lokalen Amts- und Würdenträgern verhandelte. Hauser organisierte das Haus für das erste Therapiezentrum, begleitete Hilfslieferungen durch Kriegsgebiete und begeisterte vor allem Ärztinnen, Psychologen und engagierte Frauen aus der Region für ihr Vorhaben. Bereits wenige Monate später, am 4. April 1993, beginnt in dem neuen Therapiezentrum mitten im Kriegsgebiet, die Arbeit mit Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen geworden sind.
Die Geschichte von Monika Hausers Aufbruch und der Gründung von medica mondiale kann in der jüngst erschienen Biographie „Monika Hauser – nicht aufhören anzufangen“ nachgelesen werden. Das Buch ist im Juni Verlag „rüffer & rub“ erschienen und für 19,80 Euro im Handel erhältlich. Es ist eine ergreifende Lektüre, die Mut macht, hinzuschauen; der eigenen Intuition auch inmitten der heutigen Medienflut zu trauen; sich nicht von Widerständen abschrecken zu lassen und auch mal impulsiv zu handeln. „Meine Unbedarftheit hat mich davor geschützt, Zweifel zu hegen", wird Monika Hauser später im Interview über diese Zeit des Aufbruches sagen.
Allerdings ist Hausers Biographie schwer in einem Schwung durchzulesen. Zwischen den Zeilen rücken Kriege, Vergewaltigungen, Traumatisierungen sehr nahe. Umso klarer wird der Impuls, der damals Monika Hauser von einer Woche zur anderen ihr Leben ändern ließ. In den Jahren darauf trug sie das Schicksal traumatisierter Frauen und Mädchen erst in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Wir gratulieren Monika Hauser zum Alternativen Nobelpreis und sind stolz, sie als IPPNW-Mitglied in unseren Reihen zu wissen.
Sven Hessmann
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