A- | A | A+
RSS  Drucken   Senden
IPPNW
IPPNW-Forum 119/09

Aufbruch in eine neue Zeit IPPNW-Delegationsreise in die Türkei

Nasredin Hoca fiel vom Dach und hatte starke Schmerzen. Die Freunde fragten ihn, ob sie ihm helfen könnten. „Bringt mir jemanden, der auch vom Dach gefallen ist, der wird mich verstehen.“

01.10.2009

Diese Geschichte erzählt uns eine junge Armenierin, die der Oberbürgermeister von Diyarbakir, Osman Baydemir, als Sozialanthropologin in sein Rathaus geholt hat. Sie will damit sagen, dass die Armenier im Exil von außen gut Vorschläge machen könnten, sie müssten aber in der Stadt leben, um zu wissen, wie es den Menschen geht.

Abdullah Demirbas residiert in einem restaurierten traditionellen Stadthaus im Stadtbezirk Sur, der Altstadt innerhalb der berühmten Mauer von Diyarbakir. Die Zentralregierung hat ihn als gewählten Bürgermeister und das gesamte Stadtparlament abgesetzt und mit Gerichtsverfahren überzogen, weil er mehrsprachige Informationsmaterialien gedruckt und verteilt sowie in seinem Standesamt kurdische Hochzeiten erlaubt hatte. Jetzt stellt er sich wieder zur Wahl und ist sicher, dass er eine große Mehrheit der Stimmen bekommen wird. (Inzwischen wissen wir, dass er wieder gewählt wurde).

Er erzählt uns von den Plänen für die Altstadt, die seit Jahren in Absprache mit den Bewohnern saniert wird. Entlang der Mauer sind schon ganze Häuserzeilen abgerissen, die Menschen in Neubauten am Rande der Stadt umgesiedelt worden. Alte Bausubstanz soll entdeckt und restauriert, die modernen Bausünden beseitigt werden. Für uns klingt das, als ob er aus dem lebendigen, quirligen, lauten Viertel ein Freilichtmuseum machen wollte. Auch wenn wir seit 14 Jahren regelmäßig hierher kommen, auch wenn wir die Stadt und ihre Menschen lieben gelernt haben, wir sind nicht „vom Dach gefallen“. Vieles bleibt uns verschlossen, rätselhaft, widersprüchlich.

Unsere Reise führte uns diesmal von Bingöl über Tunceli/Dersim und Elazig nach Diyarbakir, wo wir ein fröhliches Newroz-Fest feierten in einem neuen, eigens dafür angelegten Newroz-Park am Rande der Stadt. Wie jedes Jahr begrüßten uns die Menschen herzlich und bedankten sich bei uns, dass wir ihr Neujahrs-Fest mit ihnen feiern. Die Sonne schien, Polizeipräsenz und Kontrollen waren eher diskret, kurdische Fahnen und Symbole dominierten den Platz. Neben den politischen Reden war es vor allem ein fröhliches Volksfest.

Von Diyarbakir ging es weiter nach Hasankeyf, der mehr als 10 000 Jahre alten Höhlenstadt am Tigris, nach Mardin und Midyat, in die syrisch-orthodoxen Klöster Mor Gabriel und Deyrulsafaran, in die Stadt Abrahams nach Urfa und über Viransehir zurück nach Diyarbakir. Die Unterstützer der aus Koblenz abgeschobenen Familie Yilderim besuchten die Familie in der Nähe von Nusaybin an der syrischen Grenze und Eva und Otto Klippenstein nahmen in Istanbul am Weltwasserforum und am alternativen Wasserforum teil und blieben zur Wahlbeobachtung ebenfalls in Istanbul.

Ein schon traditioneller Ausflug führte uns zum Munzur bei Tunceli/Dersim, dessen Oberlauf in einem großen Naturpark liegt. Im Quellbereich des Flusses ist ein lokal beliebtes Ski- und Freizeitgebiet, weiter abwärts führt der Weg dann allerdings durch militärisches Sperrgebiet, da hier grausame Kämpfe mit aufständischen Kurden, vor allem Aleviten, stattgefunden haben und der Fluss von alters her eine mythische Bedeutung für die Bewohner der Gegend hat. Auch wir wurden kontrolliert und unsere Fahrt argwöhnisch begleitet. Das Munzurtal soll durch mehrere Staustufen aufgestaut werden. Das Schutzgebiet wird dadurch zerstört werden. Die Bewohner wehren sich dagegen. Sie empfinden die Maßnahme als Angriff auf ihr kulturelles und religiöses Erbe.

Von Diyarbakir aus fuhren wir nach Hasankeyf, der mindestens 10.000 Jahre alten Höhlenstadt am Ufer des Tigris. Auch hier ist schon seit den sechziger Jahren ein riesiger Staudamm geplant, der die antike Stadt überfluten und viele Tausend Bewohner des Tales vertreiben würde. Viele potentielle Geldgeber wie z.B. die Weltbank, haben die Unterstützung dieses Staudamms abgelehnt, weil Gutachten vor schweren Umweltschäden, Menschenrechtsverletzungen und Wasserversorgungsengpässen in Syrien warnen. Deutschland, Österreich und die Schweiz haben mittlerweile Kreditbürgschaften für den Bau des Staudamms abgelehnt.

In Viransehir waren wir mit dem Bürgermeister Emrullah Cin verabredet. Er kandidiert nach zwei Legislaturperioden nicht wieder, so hat es die kurdische Partei DTP beschlossen. Herr Cin hat sein Haus gut bestellt. Er ist sicher, dass seine Nachfolgerin die Wahlen gewinnen wird und dass die Bürger von Viransehir die basisdemokratische Politik der letzten 10 Jahre weiter unterstützen werden.

Auch wenn bisher nur Türken öffentlich kurdisch sprechen dürfen und Kurden dafür weiter vor Gericht gestellt werden, das Tabu ist gebrochen. Kurden sind Meister der Hoffnung.

 

Gisela Penteker

... zurück

Teilen

Kampagnen