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IPPNW
Aus Forum 86/87/04

Europa bleibt Hoffnung und Motor

9. IPPNW-ÄrztInnendelegation in die Türkei

"Israel schaut in einen Zauberspiegel und sieht darin einen wunderbaren Staat, der aus der glühenden Asche des Holocaust erstanden ist und der ein unterdrücktes und verfolgtes Volk zu einer stolzen und starken Nation mit hervorragenden Leistungen auf allen Gebieten umgestaltet hat. Einfach großartig!... Die Palästinenser werden in ihren Zauberspiegel der Vergangenheit schauen und sie werden ein Volk sehen, das idyllisch auf seinem Land lebte bis zur Ankunft von grausamen Ausländern, die sie zu einem Leben der Demütigung und des Elends, der Unterdrückung und des Exils verurteilten, ohne dass Erlösung in Sicht ist.

Diese beiden Ereignisse mögen so aussehen, als hätten sie auf zwei verschiedenen Planeten stattgefunden... Aber beide ereigneten sich auf unserem kleinen Planeten, in einem kleinen Land. Und die beiden Ereignisse sind in der Tat ein und dasselbe...
Das gilt nicht nur für das Geschehen jetzt. Es betrifft alles, was sich zwischen den beiden Völkern ... zugetragen hat. Jedes Geschehen - ob groß oder klein - erscheint ohne Ausnahme im kollektiven Gedächtnis beider Völker auf verschiedene, ja, gegensätzliche Art. Die Folge davon ist, dass alles, was jetzt gesagt wird, alles was von einer Seite vorgeschlagen wird, in den Ohren der anderen verdächtig und bedrohlich klingt. Deshalb wird jede Verhandlung zur Schlacht, und jedes Gipfeltreffen verstärkt nur den gegenseitigen Hass. Auf diese Weise ist ein Teufelskreis entstanden ... Ich bin vor vielen Jahren zu der Überzeugung gekommen, dass dieser Teufelskreis nicht nur durchbrochen werden muss - sondern auch durchbrochen werden kann ...

In dieser Woche hat Gush Shalom eine Broschüre herausgegeben mit dem Titel "Wahrheit gegen Wahrheit". Wir versuchen darin, ein gemeinsames Narrativ des Konfliktes zu skizzieren und berücksichtigen die Standpunkte beider Seiten. Mir ist klar geworden, dass ohne Anstrengungen von beiden Seiten, sich auch des Standpunktes der anderen Seite voll bewusst zu werden und ihn zu verstehen, jede Bemühung, einen wirklichen Frieden zwischen beiden Völkern zu erreichen, fehlschlagen wird."

Auch in der Türkei gibt es die Geschichte der Türken und die Geschichte der Kurden und beide Seiten sind weit davon entfernt zu sehen, dass es dieselbe Geschichte ist, wie die beiden Seiten einer Münze. Auf Druck aus Europa gibt es Gesetzesänderungen, die bisher nicht implementiert sind. Es gibt die Vorstellung, durch Verbesserung der Wirtschaftslage die Gemüter zu beruhigen, die Vergangenheit ruhen, Gras über das Leid wachsen zu lassen. Für uns waren keine Anzeichen des Zuhörens, der gegenseitigen Anerkennung, der Aussöhnung erkennbar.

Auf unserer Fahrt von Hakkari nach Cizre saß ein türkischer Offizier mit uns im Dolmus und studierte eifrig in einem Englisch-Wörterbuch. Plötzlich sprach er uns an, forderte Mehmet auf, auch ja genau zu übersetzen, was er sagte: Fremde, die hierher kommen, haben eine vorgefasste Meinung. Am schlimmsten sind die Journalisten, die dann Lügen über die Türkei verbreiten. Wir sollten genau hinsehen, die Augen und die Ohren wirklich aufmachen. Wir sollten mit den Menschen sprechen. Dann würden wir sehr schnell feststellen, dass die allermeisten auf der Seite der Regierung stünden. Ohne Interesse an einer Antwort oder einem Kommentar unsererseits stieg er nach seiner aufgebrachten Rede an einem großen Karakol aus.

In unseren Gesprächen mit Menschenrechtlern, Gewerkschaftern, Politikern, Studenten, Dolmusfahrern und eben Menschen auf der Straße fragten wir immer auch nach der Gesundheitsversorgung. Die Situation ist verzweifelt. Auf dem Lande gibt es praktisch keine Versorgung. Die Gesundheitsstationen sind geschlossen. In den Städten gibt es manchmal ein Krankenhaus, in dem aber keine Fachärzte arbeiten, und viel zu wenige Gesundheitsstationen für die vielen Einwohner und Flüchtlinge. Die Wege zum Arzt sind weit, die Behandlung ist teuer, die Qualität ist häufig schlecht. Manche Kranke fahren hier im grenznahen Gebiet in die nächste iranische Stadt, wo sie oft Verwandte haben. Dort ist zwar die Ausrüstung auch veraltet, aber die Ärzte sind gut ausgebildet und die Wartezeiten nicht so lang. Fast jeder unserer Gesprächspartner kann von kranken Menschen erzählen, die ohne medizinische Versorgung gestorben sind, weil der Weg zum nächsten Arzt zu weit war, weil sie das Geld für die Fahrt oder für die Medikamente nicht bezahlen konnten, weil sie auf die Zuteilung oder Verlängerung der Yesil Kart warten mussten, weil auch in der nächsten Stadt kein qualifizierter Facharzt zur Verfügung stand, weil die Warteschlange in der endlich erreichten Notaufnahme zu lang war.

Ein weiteres Gesprächsthema war die zunehmende Verelendung großer Teile der Bevölkerung. Obwohl es in den Städten sichtbaren Fortschritt gibt wie geteerte Straßen, moderne Geschäfte und ein großes Warenangebot, verschlechtert sich die Situation für die meisten Menschen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei unvorstellbaren 80% und mehr. Die Menschen überleben durch Gelegenheitsarbeiten, Kleinhandel und Hilfe von Verwandten, die noch auf dem Land leben oder es im Westen zu Wohlstand gebracht haben. Einige der Bürgermeister haben Notrationen von Lebensmitteln verteilt, viel zu selten und viel zu wenig. Sie alle sehen die einzige Lösung darin, dass die Vertriebenen wieder in ihre Dörfer zurück kehren. Dafür hat die Regierung aber nach wie vor kein Konzept. Die Flüchtlinge, die es auf eigene Faust versuchen, erleiden Schiffbruch. Sie werden von den Dorfschützern oft mit Waffengewalt wieder vertrieben, oder sie können ihre Felder nicht bestellen, weil die vermint sind. Auch sind sie so arm, dass sie ohne Hilfe ihre zerstörten Häuser nicht wieder aufbauen und keine Tiere oder Saatgut kaufen können.

Das Problem der Dorfschützer ist völlig ungelöst. Nach Angaben des Bürgermeisterkandidaten in Midyat sind es türkeiweit 70.000, die mit diesem Status gut leben und keinen Grund haben, ins zivile Leben zurück zu kehren. Sie haben die Macht und nehmen sich, was sie brauchen. Sie steigen voll bewaffnet in den Dolmus und fahren mit ohne zu bezahlen. Oft erleben wir, dass sie in Restaurants ihr Essen nicht bezahlen. So wird es auch in anderen Bereichen gehandhabt. Polizei und Militär lassen sie gewähren und die Menschen sind ihnen hilflos ausgeliefert.
Die Menschen sind dankbar für die Beendigung des Ausnahmezustands und beschreiben eine gewisse Erleichterung. Viele Zeitschriften, die verboten waren, können jetzt verkauft werden, die Kontrollen auf den Strassen wurden vermindert, der Aktionskreis von Militär und Polizei eingeschränkt. Die bisherigen Genehmigungen für muttersprachlichen Unterricht und kurdische Radio- und Fernsehsendungen sind so reglementiert, dass sie bisher kaum stattfinden. In Van waren wir dabei, als die landesweit dritte Schule für Kurdisch-Unterricht eröffnet wurde. Tausende jubelnde Menschen freuten sich und feierten das mit so vielen Hoffnungen beladene Ereignis. Inzwischen hat das zuständige Ministerium dem Lehrer Cetin Tas die erforderliche Qualifikation abgesprochen trotz seines Universitätsdiploms.

Wir waren Zeugen der andauernden Repression, die in dieser Grenzregion besonders stark ausgeprägt ist. Da waren die Studenten in Van, die von der Miliz zusammengeknüppelt wurden, als sie ein universitätsinternes Newrozfest feiern wollten. Da waren die ständigen Straßenkontrollen, der Polizist in Hakkari, der unser Gespräch unterbrach, die ständige Begleitung durch die Geheimpolizei "zu unserem Schutz", das demonstrative Gehabe der Dorfschützer.

Viele unserer Gesprächspartner sind enttäuscht über die Haltung der Europäischen Regierungen. Sie hatten sich mehr Unterstützung für die Sache der Kurden und der Menschenrechte versprochen. Sie sehen ganz gut, dass es bei den Beitrittsentscheidungen mehr um ökonomische und strategische Gesichtspunkte geht. Trotzdem hoffen sie sehr, dass Europa der Türkei im Herbst nicht die Tür vor der Nase zuschlägt. Die Hoffnung auf Beitrittsverhandlungen ist der Motor für die bisherigen Gesetzesänderungen und für das Stillhalten des Militärs. Eine Zurückweisung würde für den Reformprozess und für das zarte Pflänzchen Demokratie fatale Folgen haben.

Öfter als auf früheren Reisen sind wir diesmal kritisch nach dem Sinn und der Wirkung unserer Delegationen gefragt worden. Wir haben von unserer Arbeit mit kurdischen Flüchtlingen aus der Türkei berichtet und von den Schwierigkeiten, in unserer Informationsgesellschaft mit all ihrer Pressefreiheit Informationen öffentlich zu machen.

Der Mut, die Hartnäckigkeit und die unzerstörbare Hoffnung unserer Freunde in der Türkei wird uns ein Ansporn sein.


Gisela Penteker


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