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Aufbruch in eine neue Zeit - Staatspräsident Gül spricht von Kurdistan

IPPNW-Delegationsreise in die Türkei vom 15. bis 26. März 2009

Nasredin Hoca fiel vom Dach und hatte starke Schmerzen. Die Freunde fragten ihn, ob sie ihm helfen könnten. „Bringt mir jemanden, der auch vom Dach gefallen ist, der wird mich verstehen.“

Diese Geschichte erzählte uns eine junge Armenierin, die der Oberbürgermeister von Diyarbakir, Osman Baydemir, als Sozialanthropologin in sein Rathaus geholt hat. Sie wollte damit sagen, dass die Armenier im Exil von außen gut Vorschläge machen könnten, sie müssten aber in der Stadt leben, um zu wissen, wie es den Menschen geht. Sie selbst sei in Elazi aufgewachsen, einer streng muslimisch geprägten Stadt, in der es noch etwa 100 armenische Familien gebe. Sie habe später in Istanbul gelebt und studiert und sei wegen ihrer Nachforschungen zur Geschichte ihrer Familie zwei Jahre im Gefängnis gewesen. In Diyarbakir lebe sie gerne, obwohl es dort nur noch 2 armenische Familien gebe. Es gebe viele Menschen, die mütterlicherseits armenische Vorfahren hätten. Osman Baydemir und die kommunalen Politiker von der kurdischen Partei DTP nehmen die multiethnische, multireligiöse und multikulturelle Geschichte ihrer Stadt sehr ernst und versuchen, an diese Traditionen anzuknüpfen.
Auch in der wunderschön restaurierten Marienkirche hören wir vom syrisch-orthodoxen Pfarrer, dass Bürgermeister und Stadtverwaltung sie nach Kräften unterstützen. Es sei schwer, weil die Menschen in der Altstadt zumeist ungebildete und sehr arme Leute vom Land seien. So käme es immer wieder zu Angriffen auf die wenigen Christen. Die Kinder besuchten die staatlichen Schulen und würden dort als Ungläubige beschimpft. Sein Sohn sei auf dem Schulweg zusammen geschlagen worden. Noch schlimmer würde es beim Militärdienst, den alle jungen Männer ableisten müssten. Abdullah Demirbas residiert in einem restaurierten traditionellen Stadthaus in Sur, der Altstadt innerhalb der berühmten Mauer. Die Zentralregierung hat ihn als gewählten Bürgermeister und das gesamte Stadtparlament abgesetzt und mit Gerichtsverfahren überzogen, weil er mehrsprachige Informationsmaterialien gedruckt und verteilt und in seinem Standesamt kurdische Hochzeiten erlaubt hat. Jetzt stellt er sich wieder zur Wahl und ist sicher, dass er eine große Mehrheit der Stimmen bekommen wird. (Inzwischen wissen wir, dass er wieder gewählt wurde).
Er erzählt uns von den Plänen für die Altstadt, die seit Jahren in Absprache mit den Bewohnern saniert wird. Entlang der Mauer sind schon ganze Häuserzeilen abgerissen, die Menschen in Neubauten am Rande der Stadt umgesiedelt worden. Alte Bausubstanz soll entdeckt und restauriert, die modernen Bausünden beseitigt werden. Für uns klingt das, als ob er aus dem lebendigen, quirligen, lauten Viertel ein Freilichtmuseum machen wollte. Auch wenn wir seit 14 Jahren regelmäßig hierher kommen, auch wenn wir die Stadt und ihre Menschen lieben gelernt haben, wir sind nicht „vom Dach gefallen“. Vieles bleibt uns verschlossen, rätselhaft, widersprüchlich.
Unsere Reise führte uns diesmal von Bingöl über Tunceli/Dersim und Elazi nach Diyarbakir, wo wir ein fröhliches Newroz-Fest feierten in einem neuen, eigens dafür angelegten Newroz-Park am Rande der Stadt. Wie jedes Jahr begrüßten uns die Menschen herzlich, bedankten sich bei uns, dass wir ihr Fest mit ihnen feiern. Die Sonne schien, Polizeipräsenz und Kontrollen waren eher diskret, kurdische Fahnen und Symbole dominierten den Platz. Neben den politischen Reden war es vor allem ein fröhliches Volksfest.
Von Diyarbakir ging es weiter nach Hasankeyf, der mehr als 10 000 Jahre alten Höhlenstadt am Tigris, nach Mardin und Midyat, in die syrisch-orthodoxen Klöster Mor Gabriel und Deyrulsafaran, in die Stadt Abrahams nach Urfa und über Viran

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