A- | A | A+
RSS  Drucken   Senden
IPPNW
Interview mit Dr. Mohamed Abunada

Mangel an Geld, Medikamenten und Fortbildungsmöglichkeiten

Ärzte im Gazastreifen

07.10.2011

Dr. Abunada ist als Kinderneurologe der einzige Arzt dieser Fachrichtung in Gaza. Er hat über 10 Jahre in Deutschland gelebt, und dort das Medizinstudium sowie die Facharztausbildung absolviert. Er arbeitet aktuell im Dr.- Al-Rantisi Kinderkrankenhaus, benannt nach einem Kinderarzt, der zudem einer der Führer der islamischen Hamas-Bewegung war, die zur Zeit die Regierung in Gaza stellt. Dr. Abunada ist in Gaza geboren, seine Familie stammt aus einem Dorf in der Nähe des heutigen israelischen Ashkelon, von wo sie 1948 vertrieben wurde.

Welche besonderen Schwierigkeiten haben Sie als Ärzte mit der gesundheitlichen Versorgung hier in Gaza?

Vieles von dem, was wir gelernt haben, können wir hier in Gaza nicht einsetzen – so fehlt uns etwa die richtige Diagnostik, um zu einer genauen Diagnose zu kommen, und dann entsprechend auch zu behandeln. Das bringt uns zum zweiten Punkt: wenn wir behandeln wollen, dann fehlen uns oft die Medikamente. Nicht nur fachspezifische Medikamente, sondern auch Antibiotika zum Beispiel, oder auch Antiepileptika, sowohl die neueren Präparate als auch die herkömmlichen älteren Stoffe, die überall auf der Welt im Gebrauch sind.

Was ist die Ursache für diese Situation?

Es liegt meistens an der schwierigen finanziellen Lage. Wir bekommen ja unsere Medikamente vom Gesundheitsministerium in Ramallah. Manchmal schicken die uns unseren Anteil nicht, aber öfter fehlt es auch bei ihnen (in der Westbank, M.J.) Also Politik spielt dabei eine Rolle, aber nicht ausschließlich.

Woran liegt diese Mangelsituation?

Wir sind ja ein Entwicklungsland, das von anderen abhängig ist. Wir haben keine eigenen Firmen hier, keine eigene Wirtschaft, wir leben ja von Stiftungen, Spenden, von Hilfe von außerhalb. Jetzt, wo die palästinensische Regierung zerrissen war zwischen Westbank und Gaza: die Authority in der Westbank bekommt ja das Geld (aus Steuern und Abgaben, M.J.), und wegen des Streits verweigern die uns unseren Anteil. Und für die Regierung hier ist es nicht einfach, die Finanzierung zu sichern – 40-50 Millionen Dollar sind monatlich nötig, nur um die laufenden Kosten in Gaza zu bestreiten. Deswegen fehlt es an Geld. Ein weiterer Grund ist, dass die arabischen Völker ihre Revolutionen angefangen haben – die Völker haben uns ja unterstützt. Jetzt fehlt es uns an diesem Geld. Die versuchen halt, selbst wieder auf die Füße zu kommen.

Spielt es eine Rolle, dass die israelische Regierung wegen politischer Probleme manchmal die Steuergelder nicht weitergereicht hat?

Für uns eigentlich nicht, denn es gibt ja überhaupt keine Beziehung zwischen der Regierung hier und Israel, in Sachen Steuern. Steuern werden  an die Regierung in Ramallah geschickt. Die Überweisungen wurden manchmal ausgesetzt, aber nach Gaza schickt Israel ohnehin kein Geld. Aber wir haben das zusätzliche Problem dieses Belagerungszustands – das behindert den Zugang vieler Hilfsgütertransporte hierher. Nicht nur die israelische Regierung, auch die ägyptische Regierung hat solche Transporte zu unterbinden versucht – auch das führt dazu, dass wir nicht genügend Medikamente von außerhalb bekommen – unser großes Problem.

Wie ist die Situation in Bezug auf die fachärztliche Versorgung, also die Qualifikation der Ärzte hier in Gaza?

Ich habe drei Jahre lang versucht, zu einem Myologie-Fortbildungskurs (zu Muskelkrankheiten) nach Frankreich zu gehen; obwohl ich die finanzielle Förderung hierzu von außerhalb habe, hat es nicht geklappt. Es war im Sommer, die Grenzübergänge waren voll, und man braucht 3-4 Monate, um einen Ausreisetermin zu bekommen. Man will zur Weiterbildung reisen, und dann geht es nicht aufgrund der politischen Lage.

Wenn Sie ins Ausland reisen, führt der Weg über Israel?

Nein, das geht überhaupt nicht mehr. Vor 10 Jahren war es noch möglich, aber jetzt gibt es nur noch den Weg über Rafah und Ägypten, ganz gleich wohin. Selbst wenn ich nach Jordanien reise – der Weg ist ja kürzer über Israel.
Gibt es einen Versorgungsmangel bei Material  im Gesundheitssektor?
Wir haben nach dem Krieg (2008/2009,) viele Medikamentenspenden von überall her bekommen. Oft hatten die aber nur noch 3-4 Monate bis zum Verfallsdatum – bis sie über die Grenze kamen, gelagert und sortiert waren und zu den Krankenhäusern gelangten, waren sie abgelaufen. Die Medikamente waren im (ägyptischen) El Arisch gelagert, und der Weitertransport verzögerte sich. Die ägyptischen Behörden haben mitgespielt bei der Blockade, waren informell beteiligt.

Hat sich an der Haltung der ägyptischen Behörden inzwischen etwas geändert?

Wir haben noch keine Änderungen gemerkt. Wir versuchen, die Regierung in Ägypten nicht anzugreifen – wir wollen gute Beziehungen zu ihnen haben. Deshalb halten wir uns etwas zurück. Denn sonst kann die ägyptische Regierung uns das Leben zur Hölle machen: wir haben nur eine Lunge, das ist die Wirklichkeit. Deshalb muss man sich etwas zurückhaltend äußern.

Gibt’s es Unterstützung von Seiten der ägyptischen Kollegen, z.B. der Ärztekammer dort?

Die haben jetzt andere Sorgen, Sorgen in Richtung Libyen, in Richtung Jemen, in Richtung Ägypten selbst. Das sind akute Probleme, und deshalb versuchen sie, sich mit der Lage dort zu beschäftigen. Es gibt Hoffnung, dass sich das Verhältnis zu Ägypten im Weiteren bessern wird, und wir sagen immer: schlimmer als zur Zeit Mubaraks wird es nicht sein.

Wie sind die Erwartungen im Verhältnis zur Verwaltung in Ramallah?

Durch den Antrag des Präsidenten Abbas auf volle Mitgliedschaft Palästinas in der UNO sind die USA jetzt gegen ihn, die Israelis sind gegen ihn – das heißt  er kann nur auf Versöhnung mit Gaza und eine gemeinsame Politik setzen. Das wird wahrscheinlich passieren.

Was können deutsche Ärzteorganisationen und –Institutionen tun, um Sie hier zu unterstützen?

Erstens dass sie international über  die verbotenen Waffen publizieren, die von den Israelis hier eingesetzt wurden. Wir haben hier nach dem Krieg (2008/09) viele Fehlgeburten gehabt, Fehlbildungen bei Neugeborenen, solche Entwicklungsstörungen haben sich verdoppelt und verdreifacht. Zweitens würde es helfen, wenn palästinensische Ärzte zu kurzen Weiterbildungen, 3-6 Monate, nach Deutschland kommen könnten. Eine Arbeitserlaubnis bekommt man nicht, wenn man für drei Monate nach Deutschland kommt. Wenn einer Herzkatheteruntersuchungen bei Kindern lernen will, muss er eine Berufserlaubnis und Arbeitserlaubnis haben. Die  bekommt man nicht leicht. Dazu braucht man Versicherungen. Das ist in Deutschland schwieriger als in anderen europäischen Ländern. Wenn das erleichtert werden könnte, das wäre ganz praktisch für uns. Für chirurgische Fertigkeiten reicht eine Fortbildung im Internet nicht, also z.B. für Neurochirurgie und Herzchirurgie. Und drittens: die palästinensischen Fachärzte, die in Europa ausgebildet wurden, zu bewegen, nach Gaza zurückzukommen. Als ich studiert habe, gab es Programme deutscher Stiftungen für Entwicklung, die uns motiviert haben, indem sie gesagt haben: Ihr geht zurück nach Gaza und wir unterstützen euch ein Jahr lang, etwa für 1200 DM (monatlich) damals, und übernehmen die Umzugskosten. Solche Programme bewegen manche, wenn auch nicht alle, aus Liebe zu ihrer Heimat zurückzukehren. Es ist schwierig und schade, wenn wir 500 palästinensische Ärzte in Deutschland haben, von denen keiner zurückkehren will.

Sie haben die Intoxikationen durch bestimmte in Gaza eingesetzte Waffen erwähnt. Wir haben in Deutschland von den Phosphorbomben gehört. Heute wurde uns im Ahli Arab-Krankenhaus von einer erheblichen Zunahme maligner Krebserkrankungen berichtet.

Das hatte ich bisher nicht erwähnt. Ich habe das immer damit erklärt, dass die Diagnostik besser geworden ist – wir haben mehr entdeckt, aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Es scheint, dass neuartige Waffen eingesetzt wurden, um deren Wirkungen zu erproben, welche Schäden sie bei  Menschen anrichten. Das wird auch bei unseren Gefangenen in den Gefängnissen gemacht, bei denen neue Medikamente angewendet werden, ohne dass die Gefangenen das wissen, das machen die Israelis bewusst. Wir haben dafür aber keinen Beweis.
Der Kollege aus dem Ahli Arab-Krankenhaus sagte, dass die Verwendung der Trümmer aus den zerbombten Häusern gefährlich sei, nämlich die Steine zu zermahlen und zu neuen Steinen zu verarbeiten. Dies könne wegen möglicher Kontamination dieser Trümmer gefährlich sein, und dass dies eine mögliche Ursache für eine erhöhte Krebsrate sein können.

Bezüglich Depleted Uranium gibt es Experten aus Italien, die jetzt danach forschen. Es liegen jetzt offenbar Untersuchungsberichte aus Italien vor, dass die verwendeten Waffen solche Substanzen enthalten. Hier in Gaza gibt es einfach zu wenig Möglichkeiten, die Analysen durchzuführen, das ist das Problem. Es ist auch schwierig, die Untersuchungen im Ausland zu machen, denn die zionistische Lobby ist überall stark.

Und in Ägypten?

Unter Mubarak war da alles blockiert, denn er war pro-israelisch.

Was würden Sie uns mitgeben, was wir in Deutschland publik machen sollen?

Dass die Deutschen sich endlich mal wie die Norweger verhalten, weg von diesem Tabu, , wir haben den Israelis oder den Juden was angetan und wir müssen für immer und ewig leiden – das geht ja einfach nicht. Irgendwann muss man von dieser Tabu-Frage weggehen, denn die meisten, die jetzt in Deutschland leben, waren während des Nationalsozialismus ja noch gar nicht auf der Welt. Ich habe nichts dagegen, dass die (Deutschen) gegenüber den Juden gut bleiben, nur soll das keinen Einfluss auf unsere Palästinenserfrage haben.

Man kann nicht historisches Unrecht dadurch gut machen, dass man aktuelles Unrecht ignoriert?

Ja, das ist ja das Problem, das ist ja was passiert. Sie wollen den Israelis kein Unrecht tun, aber tun das uns gegenüber, und das sieht man in den Zeitungen, dem Fernsehen, und überall. Und das hat einen Effekt z.B. haben wir von überall auf der Welt Politiker-Besuch bekommen. Aber Norman Paech (MdB) war der erste, der vor zwei Jahren aus Deutschland kam. Es würde keiner was sagen, wenn ein deutsches Team nach Gaza kommt, auch die Israelis nicht. Die Deutschen machen mehr aus ihrem Problem, würde ich sagen. (Paech war gegen scharfen Widerspruch des Auswärtigen Amts dort, Anmerkung MJ)
Die Palästinenser haben großen Respekt vor den Deutschen, auf allen Ebenen. Sie haben aber keine Hilfe angeboten. Man kann ja helfen, indem man NGOs schickt, das geht ja auch – das haben die nicht gemacht. Die norwegische Regierung z.B., die haben direkt nach dem Krieg geholfen, die Griechen waren da, Italiener, selbst „arme Leute“ waren hier, nur die Deutschen nicht.

Ein bißchen hilft Medico International…

Die Deutschen waren nie präsent – obwohl sie ein großes Volk sind .
Es gibt ein kleines Botschaftsbüro in Gaza…
Immer noch, das hilft bei Visum-Anträgen und so – aber mehr nicht.

Das Interview mit Dr. Mohamed Abunada führte der IPPNW-Vorsitzende Matthias Jochheim am 7.10.2011 in Gaza.

 

... zurück

Zivilgesellschaftlicher KSZMNO-Prozess

Koordinationskreis Palästina Israel

Kampagnen