Im April 2007 reisten vier Medizinstudenten des Nuclear Weapons Inheritance Project (NWIP) nach Teheran und organisierten dort eine mehrtägige Begegnung mit iranischen Medizinstudentinnen der Shahed Universität. An der Delegation haben die drei schwedischen Studentinnen Camilla Mattsson, Karin Svensson, Wenjing Tao und Jakob Gierten aus Deutschland teilgenommen. Dies war die erste Delegation des NWIP in den Iran und ebenso Neuland für die meisten aus dem NWIP-Team.
Im Januar 2007 hatte bereits eine Iran-Reise der schwedischen IPPNW (SLMK) stattgefunden, an der auch Wenjing Tao als einzige Studentin teilnahm, und so konnten wir bei unserer Planung auf wertvolle Kontakte zurückgreifen: Unsere Gastgeber waren Studenten und Ärzte der Society for Chemical Weapons Victims Support (SCWVS). Bereits während des letzten Besuchs waren die iranischen Studenten sehr daran interessiert, zum Thema Atom- und chemische Waffen lokal in Teheran aktiv zu werden. Diese einzigartige Gelegenheit wollten wir nutzen und den Kontakt zu den iranischen Studenten ausbauen mit dem Ziel, die Gründung einer Lokalgruppe in Teheran im Rahmen der IPPNW zu unterstützen.
Die ersten Schritte
Nach viel Planung, etlichen Emails, Visa hin und her, war kurz vor Abflug am 2. April alles bereit. Mit den Berichten über die gerade vom UN-Sicherheitsrat verabschiedete Resolution 1747, die immer wieder aufkommenden vagen Spekulationen über einen Irankrieg und die 15 im Iran festgenommenen britischen Marinesoldaten im Kopf, machte sich dann beim Abflug ein mulmiges Gefühl der Aufregung breit. Bisher kannte ich den Iran nur von der Seite westlicher Berichterstattungen, das ferne Land mit dem verrückten Präsidenten, der das geschichtliche Faktum des Holocausts und das Existenzrecht Israels leugnet, Achse des Bösen und geheimes Atomwaffenprogramm. So wird man schnell verleitet, dieses Bild der offiziellen Politik auf die Menschen und den Alltag im Iran zu übertragen.
Wie würden wohl die Menschen im Iran und das Leben dort sein, wie stehen sie Touristen und Ausländern gegenüber? Nun wurde es konkret. Zwei Flughäfen gibt es in Teheran: Mehrabad, ein in der Stadt gelegener Flughafen, gelandet bin ich aber am 3. April auf dem neu (2004) gebauten Imam Khomeini Flughafen etwa 30 km im Süden von Teheran. Nachdem wir das Flugzeug verlassen hatten, trugen nun alle Frauen Kopftücher. Nur wenige Flüge gibt es hier und der jahrelangen Ankündigung der Schließung von Mehrabad sind noch keine konkreten Taten gefolgt. Der Flughafen war also leer und ich eine einsame Beute gelangweilter Taxifahrer. Eine knappe Stunde später und nach einer kurzen Verhandlung mit dem Taxifahrer war ich auf dem Enghelab Square angekommen, Mitten in der 12 Millionen Stadt Teheran.
Neugierige Blicke, Leute die sich umdrehen, verschmitztes Lächeln machten mir schnell klar, dass ich Tourist und selten gesehener Gast bin. Um Straßen zu überqueren darf man nicht auf den günstigen Augenblick warten, sonst bleibt man besser zu Hause.
Endlich hatte ich es dann geschafft Leila Moein zu treffen, die ich bereits durch die Planung im Vorfeld kennen gelernt hatte. Eine herzliche Begrüßung aber ohne Händedruck, denn Mann und Frau haben in der Öffentlichkeit keinen Körperkontakt, mit Ausnahme der verheirateten und spazierenden Paare im Park. Mit ihr konnte ich den Tag dann nutzen, eine Unterkunft finden, Geld wechseln, Räume in der Universität reservieren. Nach drei vier Stunden kehrte dann völlige Entspannung ein, als ich merkte, wie freundlich, unkompliziert und wohlwollend ich von den Mitarbeitern der Shahed Universität aufgenommen wurde. Auf den Straßen schien das Leben und die alltäglichen Sorgen die Menschen viel mehr zu beschäftigen als abstrakte Verhandlungen in politischer Ferne. Überrascht war ich ein und das andere Mal über die strenge Kleiderordnung für Frauen und Einschränkungen im Alltag: im Park müssen Frauen für sportliche Aktivitäten hinter grünen Plastikvorhängen verschwinden und in öffentlichen Bussen trennt eine Eisenstange den hinteren für Frauen vorgesehen Teil vom vorderen. (Dies nur als Eindruck, um eine Diskussion der Stellung der Frau soll es hier nicht gehen.)
Am ersten Abend war ich spontan bei Leilas Familie eingeladen. Ihr Vater war im ersten Golfkrieg zu Tode gekommen. Von ihrer Mutter und ihrer Schwester wurde ich höflich empfangen und einige unserer Gespräche über Lebensweisen im Westen wurden von der Mutter nur noch mit einem Kopfschütteln und impossible kommentiert. Nachts gab es dann eine an Propaganda grenzende Sendung über das iranische Atomprogramm; Demonstration von Stärke, Stolz und Entschlossenheit.
Donnerstag 5. April 2007: in der Shahed Universität, medizinische Fakultät
Zu Beginn wollten wir uns gegenseitig kennen lernen und austauschen, welchen Zielen die Studenten im Rahmen der SCWVS und wir IPPNW-Studenten im Rahmen des Nuclear Weapons Inheritance Project nachgehen.
Der erste Tag unseres dreitätigen Treffens mit den iranischen Studenten begann mit einer Präsentation von Dr. Shariar Khateri zusammen mit den SCWVS-Studenten über den Einsatz chemischer Waffen während des 1. Golfkrieges. Wir erfuhren viele neue und für uns bisher weniger präsente Fakten, wie z.B. dass 50.000 Menschen im Iran heute noch unter schwersten Folgen leiden.
Im Wechsel portraitierten wir dann kurz die IPPNW und ihre Geschichte, um dann näher auf das NWIP als internationales Studentenprojekt einzugehen. Die Ziele des 2002 gegründeten NWIP sind: als die junge Generation des nuklearen Erbens in einem konfrontationsfreien Dialog mit anderen Studenten die Problematik der Atomwaffen zu thematisieren und kritisch zu hinterfragen. Wichtige Fakten und eine Wissensgrundlage erarbeiten wir uns gemeinsam in interaktiven Workshops. Methodisch trainieren wir die in der IPPNW etablierte und von der Oxford Research Group entwickelte Dialogmethode, die jede kontraproduktive Konfrontation in Diskussionen vermeiden soll. Das übergeordnete Ziel des Projekts ist somit, ein internationales Netzwerk von kritisch denkenden Medizinstudenten aufzubauen und zuallererst ein Problembewusstsein über Atomwaffen innerhalb der jungen Generation zu schaffen, als Vorbereitung lokal und international gegen Atomwaffen aktiv zu werden.
Freitag 6. April 2007: Friedensworkshops auf dem Tochal Berg
Der Tag begann früh, denn wir hatten viel vor: eine gemeinsame Wanderung auf den Tochal Berg, Teil des nördlich von Teheran gelegenen Elburs Gebirge mit Workshops, Diskussionsrunden und Zeit für kulturellen Austausch.
Nach halber Strecke und traditionellem Frühstück hielten wir dann auf einem Felsplateau unseren ersten Workshop: Nuclear Weapons Basics. Ziel war es, wichtige Informationen kurz und klar darzustellen und offene Fragen der Studentinnen zu beantworten. In Bezug auf medizinische Auswirkungen entdeckten wir dir großen Gemeinsamkeiten atomarer und chemischer Waffen und stellten unsere gemeinsame Grundmotivation unseres Engagements gegen Massenvernichtungswaffen fest. Selbstverständlich war Dreh- und Angelpunkt der Atomwaffensperrvertrag. Neben aktuellen Problemen und der Verletzung des Vertrages durch horizontale und vertikale Proliferation, diskutierten wir das Kernproblem des Doppelstandards des Westens. Berechtigte Frage der Studenten: wie kann es sein, dass westliche Atomwaffenstaaten neue Waffengenerationen entwickeln und zugleich schulmeisterlich anderen Staaten friedliche Atomtechnologien verbieten? Weniger eine Frage, mehr eine Forderung den Grundstein für eine multilaterale Abrüstungsinitiative zu legen.
Mit einer Seilbahn ging es dann in die Höhe und wir waren überrascht als wir plötzlich knöcheltief im Schnee standen, den wir als weißen Teppich schon aus dem Zentrum der Stadt gesehen hatten. Auf dem Rückweg nahmen wir uns Zeit für den zweiten Workshop: Security. In der Diskussionsrunde wollten wir über Sicherheit reden, welche persönliche Bedeutung hat sie für jeden? Um das Gespräch möglichst offen zu lassen, hatten wir die Diskussion mit der sehr allgemeinen Frage, wie man gerechte Balance in der Welt erreichen kann, eingeleitet. Die Antwort der Iraner: um dieses utopisch formulierte Ziel einer weltweiten Sicherheit zu erreichen, müsste die Religion in der Politik und im alltäglichen Leben und Miteinander eine Schlüsselrolle spielen. Hier ging es nicht speziell um den Islam, sondern um allgemeine religiöse Prinzipien: Religion verneint jede Art von Krieg, fördert Respekt, Selbstlosigkeit und Gleichheit aller. Sie fordert Ehrlichkeit als die Basis jeder Kommunikation und Kooperation anstatt Zweifel, der oftmals heutzutage internationale Beziehungen überschattet. Eine Abschreckungs- und Machtpolitik mit Atomwaffen wird weder Konflikte lösen noch den Terrorismus bekämpfen, sondern nur die direkte Auseinandersetzung mit den echten Gründen, welche die Ungleichheit und damit Konflikte bedingen.
All das klingt utopisch und nach Träumerei junger Weltverbesserer aber gerade das direkte Gespräch, ein Dialog mit Austausch von Meinungen und Prinzipien transformiert diese Utopie in ein Bewusstsein: der erste Schritt, etwas zu verändern. Diese Art von Dialog und Austausch, das Suchen und Finden gemeinsamer Prinzipien für eine zukünftige Zusammenarbeit, ist etwas, das im direkten und offenen Gespräch zwischen Menschen stattfinden kann. Eine große Leistung auf Nichtregierungs-Ebene und ein Vorgang, den man meist in den offiziellen Konferenzen und Treffen der Großen und Mächtigen schmerzlich vermisst.
Abschließend stellten wir das Konzept der alten und neuen Sicherheit des schwedischen Arztes Dr. Hans Levander vor, ein Ansatz der weniger religiös ist, aber letztlich die gleichen Prinzipien und Mentalität für eine gerechte und friedvolle Welt fordert.
Samstag 7. April 2007: Zukunftsplanung
Diesen Tag verbrachten wir in den Räumlichkeiten des SCWVS. Wir begannen mit der Besichtigung der Ausstellung im SCWVS-Friedensmuseum mit vielen Berichten und eindrücklichen Photos verletzter und entstellter Opfer chemischer und atomarer Waffen.
Anschließend fand eine Plenumsdiskussion mit Dr. Edalat von CASMII (Campaign Against Sanctions and Military Intervention in Iran) und anderen Studenten aus Kanada statt. Ihm zur Folge sei das Atomprogramm des Iran ausschließlich für friedliche Zwecke. Ein militärisches Waffenprogramm würde das Ansehen des Irans in anderen islamischen Ländern erheblich schädigen, so Dr. Edalat. Auch seien es während der siebziger Jahre die USA (Rumsfeld und Cheney) gewesen, die dem Iran Atomtechnologie schmackhaft gemacht hätten. Was folgte, in der Kooperation mit dem Westen, waren nur Enttäuschungen, sowohl Frankreich und Deutschland haben ihre Versprechung, spaltbares Material und Reaktoren bereitzustellen, nie komplett eingelöst und unverrichteter Dinge den Iran allein gelassen. Hinzu kommt, dass während des Iran-Irak-Krieges die internationale Gemeinschaft versagt hatte, denn es gab weder Sanktionen noch öffentlichen Protest der UN gegen den Einsatz chemischer Waffen durch den Irak.
Wie stehen also die Iraner den aktuellen Entwicklungen um das vermeintliche Atomwaffenprogramm gegenüber? Prinzipiell halten sie es aufgrund der Fatwa für undenkbar und daher dessen Existenz für ausgeschlossen, jedoch herrscht auch ein Gefühl der Bedrohung durch die USA, Großbritannien und Israel und Unverständnis gegenüber Vorschriften des Westens, mit Nachdruck gegenüber der USA.
Die zweite Hälfte des Tages wurde nun von einem Aktivismus-Workshop ausgefüllt. Wir sammelten konkrete Ideen, welche Aktionen und Veranstaltungen die iranischen Studenten in nächster Zeit angehen könnten. Erstaunlich war ihre Motivation und wir konnten uns unter vielen kreativen Ideen für einige wenige entscheiden und erste Schritte besprechen. Zurück in Deutschland kamen dann die ersten Emails mit Berichten über bisherige Events und Mitte Mai gab es bereits 40 neue Mitglieder in Teheran (Details im Internet www.psriranianstudents.blogfa.com)
Fazit
Die Irandelegation war für beide Seiten eine fruchtvolle Begegnung. Als NWIP Mitglieder haben wir viel Neues lernen dürfen und zahlreiche neue Einblicke und Perspektiven haben sich im Gespräch mit den Kommilitonen im Iran ergeben. Zu sehen, dass die Studenten mit großer Motivation und Elan an die Planung konkreter Aktionen herangegangen sind, und dass bereits in kurzer Zeit nach unserem Besuch viel unternommen wurde, freut uns und lässt auf einen längerfristigen Effekt und eine weitere Zusammenarbeit hoffen. Eine unermesslich wertvolle Erfahrung für das NWIP Team war und ist, wie schnell wir unser Bild vom Iran, dass wir mit Presse und Fernsehen aus dem Westen entworfen hatten, grundsätzlich verändern mussten, denn das Vakuum der politischen Nichtkommunikation zwischen dem Iran und westlichen Ländern wurde zwischen uns Studenten zum gemeinsamen Raum des Meinungsaustausches und Respekt füreinander. Von den jungen Iranern aber auch der erwachsenen Generation erfuhren wir, wie sehr noch heute der Iran-Irak-Krieg auf den Menschen lastet und sie beschäftigt, ein Thema, welches immer wieder beachtet werden musste, wenn man über politische Themen diskutierte. Das Kapitel des 1. Golfkrieges lehrt aber noch eine andere Lektion: niemand hatte nach dem 1. Weltkrieg den erneuten Einsatz chemischer Waffen erwartet. Heute glaubt keiner an den Einsatz von Atomwaffen und sie verschwinden aus dem Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit; doch die Geschichte hat uns zuvor das Gegenteil bewiesen, wie können wir also heute sicher sein?
Jakob Gierten
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