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Aus IPPNW-Forum 99/100

Sturm und stiller See

Bericht aus Nepal

Seit dem Frühjahr 2005 erreichten uns schlimme Nachrichten aus Nepal. Viele Menschenrechtsaktivisten und Führer der demokratischen Bewegung Nepals wurden von den Sicherheitsorganen verfolgt, viele wurden über lange Zeit inhaftiert. Auch der Gründer der IPPNW / PSR Nepals, Professor Mathura Shestra und seine Familie waren von diesen Verfolgungen betroffen - wie viele in der internationalen IPPNW schickte auch die deutsche Sektion besorgte und protestierende Briefe an nepalesische Politiker, sowie an das Auswärtige Amt und den deutschen Botschafter in Kathmandu.

Im März und April diesen Jahres war Sandip Adhikari, Medizinstudent und Mitglied der PSR-Studierendengruppe in Kathmandu, im Rahmen des Studierenden-Austauschprogramms "famulieren & engagieren" in Freiburg und Mainz. Zum Zeitpunkt seiner geplanten Rückreise war die Lage in Kathmandu erneut eskaliert, und manche seiner Freunde waren von den Gewaltmaßnahmen von Polizei und Armee betroffen. Dennoch flog Sandip Ostern in sein Heimatland zurück, nahm an den letzten Tagen des Volksaufstandes teil und konnte den Sieg der Demokratiebewegung gemeinsam mit seinen Kommilitonen feiern.
Wir baten Sandip Adhikari um eine Beschreibung der Situation und Stimmung in Kathmandu;, seine Schilderung der Ereignisse in Kathmandu stammt von Mitte Mai:

Neulich abends, bei der Hochzeitsfeier eines kürzlich graduierten Arztes, hörte ich zufällig einen Gentleman aufgeregt sagen, dass es doch ein ganz anderes Gefühl sei, in einem Umfeld von Normalität heiraten zu können. Ich nahm mal an, dass dieser Herr auch in Kürze heiraten würde.
Es ist der erste Monat des nepalesischen Kalenders, der angefüllt ist mit astrologisch günstigen Tagen für Eheschließungen - Ehen werden im Himmel geschlossen und von den Sternen geleitet! Wie auch immer - in diesen Zeiten, die der historischen Bewegung des Volkes gehören, waren viele solcher Ereignisse abgesagt oder aufgeschoben worden. Und als dann die königliche Armee vor der Volksbewegung kapituliert hatte, begann sich das Leben in rasender Geschwindigkeit zu normalisieren und die Menschen wandten sich den lange überfälligen Aufgaben zu, wie auch so mancher Hochzeitszeremonie.
Während des ganzen letzten Winters hatte es in Kathmandu nicht geregnet, es gab nicht einmal das leiseste Nieseln. Jetzt, wo der Frühling als Vorbote einer wunderbaren kommenden Zeit in der Luft liegt , ist ein anderer Duft in der Luft, und es regnet wieder, zur Besänftigung der sengenden Hitze. Und es kommt wieder die Zeit, da alle Nepalesen sich als Souverän fühlen können, verantwortlich für ihren Staat.

Nachdem der König vor mehr als einem Jahr begonnen hatte, gegen die Souveränität des Volkes ein Bollwerk aus Staatsgewalt und politischer Macht zu errichten, musste er schließlich klein beigeben und die Macht an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurück geben. Das geschah erst, nachdem sich überall im Lande eine Volksbewegung erhoben hatte, mächtig wie der Tsunami, der über die Küste des indischen Ozeans hinweg fegte. Diese Menschenmassen waren entschiedene Gegner der Monarchie, zum Letzten entschlossen. Es waren dieselben nepalesischen Menschen, die bei dem umstrittenen Tod des früheren Königs und seiner freundlichen königlichen Familie geschluchzt hatten und Unmengen von Tränen vergossen. Diese Tränen hatten wohl bei vielen königlichen Mittelsmännern den falschen Eindruck erweckt, das nepalesische Volk sei ein treuer Anhänger eines monarchistischen Systems, das ein halbes Jahrzehnt lang wie schädliches Unkraut gewachsen war - Könige stehen über dem Gesetz und der Verfassung und sind von steuerlichen Abgaben befreit. Dieses Mal nicht! In den Augen der Nepalesen konnte man die Wut sehen, sie strahlten eine revolutionäre Entschlossenheit aus, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die königliche Überheblichkeit auf dem Boden der Wirklichkeit landen würde.
Ein Jahrzehnt lang geschlagen mit einem bürgerkriegsähnlichen Konflikt in Gestalt von maoistischer Propaganda für ein gerechtes soziales und ökonomisches System, hatte Nepal eine Achterbahnfahrt durchgemacht. Es war ja interessanterweise gerade im Jahr 1990, als eine historische Bewegung das königliche Feudalsystem in ein demokratisches System umwandelte. Aber leider muss daran erinnert werden, dass dieses System, mit seinen abgehalfterten und oft machtgierigen Politikern am Ruder, nicht die Herzen vieler Menschen gewinnen konnte. Und so wurde die Bewegung von 1990 vielfach als unvollendete und fehlgeschlagene Revolution abgestempelt, die nicht imstande war, eine vollständige Demokratie zu erlangen, solange die verfassungsmäßige Gewalt noch unter Einfluss des Monarchen stand.
Jetzt jedoch - es war dieselbe Jahreszeit wie im Jahre 1990 - war es wie eine Wiederaufführung der Volkserhebung, aber diesmal gestützt und unterstützt von den Maoisten, die inzwischen im Untergrund zu einer Parallelmacht geworden waren. Die Unterstützung durch die Maoisten bedeutete, dass diese jetzt eine Lösung des jahrelangen Konflikts herbeiführen wollten. Das ließ auch das Vertrauen des Volkes in die Bewegung wachsen und machte ihm Mut, sich der Bewegung anzuschließen, die somit stetig an Stoßkraft gewann. Alle sozialen Gruppen des Landes schlossen sich dieser Bewegung an, die jetzt die Schaffung eines erneuerten Nepal anstrebte.

Auch der medizinische Sektor erklärte sich solidarisch mit der Volksbewegung. Im Jahre 1990 hatte die medizinische Zunft postuliert, dass Gesundheit eine politische Humanwissenschaft sei, und sie forderte eine gerechte und gleiche Sozialstruktur als Voraussetzung für eine optimale Gesundheitsversorgung. Es war vor allem Prof. Dr. Mathura Pd. Shestra, der Präsident von PSR Nepal, der diese Forderung erhoben hatte. Und jetzt schlossen sich Ärzte und alle Studierenden im Gesundheitswesen wieder den Aktionen an und protestierten gegen die brutalen Übergriffe der Staatsgewalt gegen die Wortführer. Der Einsatz von Schusswaffen und gezielten Tränengas-Granaten sowie die Knüppel-Hagel auf die Köpfe der Menschen wurden verurteilt.
Die Mitwirkung von Ärzten und Gesundheitsberuflern in der Volksbewegung war für viele protestierende Gruppen eine Art von Inspiration. Dass sich eine Minderheitengruppe wie die der Gesundheitsberufler hinter ihre Forderungen stellte, flößte der Bewegung unmittelbar neuen Lebensgeist ein. Das war schon in bei der Volkserhebung von 1990 so gewesen. Und auch wenn man es nicht ganz genauso in diesem Jahr sagen konnte, leistete die Unterstützung durch die Gesundheitsberufler doch in gewissem Ausmaß einen Beitrag zum Erfolg der Bewegung.
Ärzte agierten innerhalb der Bewegung ohne wenn und aber. Einige, die sich zur öffentlichen Meinungsäußerung gegen die Monarchie entschlossen hatten, wurden sogar für viele Tage inhaftiert. Andere entschieden sich, ihre Solidarität mit den gefangenen Kollegen auszudrücken, indem sie ein schwarzes Band am Oberarm trugen oder in den Krankenhäusern streikten. Und viele, darunter auch Studierende, leisteten ihren Beitrag zur medizinischen Versorgung der verletzten Demonstranten. In einem Land, in dem Ärzte das Ansehen von Göttern genießen, gaben diese Rettungsaktionen für einfache Nepalesen unmittelbar auf den Schlachtfeldern der wachsenden und entschlossener werdenden Bewegung großen Auftrieb. Die Regierung spürte, welche Gefahr ihr aus dieser Bewegung erwuchs und griff zu einer Vielzahl unmenschlicher Methoden um den Aufstand zu drosseln: Inhaftierung von Aktivisten, Behinderung der öffentlichen Kommunikation, brutalstes mitternächtliches Vorgehen gegen wortführende Studenten, waren einige dieser ruchlosen Taten.
Einige Dutzend Polizisten, gedeckt von der Armee, drangen in das Studentenwohnheim der ersten medizinischen Fakultät, dem Institut für Medizin, ein und fielen brutal über die Studenten her. Viele Studenten wurden verletzt, manche wurden so schwer verwundet, dass sie in stationäre Behandlung mussten. Viele wurden für mehrere Tage inhaftiert. Die Studenten hatten am Morgen dieses Tages friedlich gegen den König demonstriert. Diese Aktion vereinte die medizinischen Stimmen, und die ärztliche Zunft, gleich welcher Kategorie, war nun entschlossen, sich der Volksbewegung aktiv anzuschließen.
Einer der Verletzten war ein guter Freund von mir. Und er sagt heute, wenn auch scherzend, dass er seinen Kindern nun etwas zu zeigen haben werde: die Narben eines „Geschenks“ aus den Glanzzeiten einer selbstherrlichen Monarchie.
Heute, da Nepal am Beginn einer historischen politischen Übergangszeit steht (die Abgeordnetenkammern erlassen eine Proklamation, die dem Volk die absolute Souveränität zuspricht und die Autorität von König und Palast beschneidet), weist der Weg in Richtung einer politischen und sozialen konstitutionellen Versammlung. Das ist ein Prozess der Versöhnung und des Neuanfangs, und es wird Zeit benötigen, bis er Gestalt angenommen hat. Es braucht Zeit und Geduld auf Seiten der politischen Akteure und auf Seiten des Volkes. Aber immerhin gibt es Anzeichen für bessere Zeiten, für ein friedliches und gedeihendes Nepal, wie es die Hoffnung der Volksbewegung war. Die Märtyrer werden uns aufmerksam von den Sternen herab beobachten, und Lord Buddha würde seine Augen wieder vor Scham verschließen, wenn wir es* erneut verpfuschten.
Wir alle sehnen uns nach festlichen Zeremonien wie Hochzeiten und danach, Naturereignisse wie den Regen genießen zu können - in einem friedlichen, freiheitlichen Land Nepal, dem Wohnsitz von Lord Buddha.

Sandip Adhikari, Medizinische Fakultät
Kathmandu, Nepal

(Übersetzung aus dem englischen: Ulla Gorges)
Unter www.equityhealthj.com/content/4/1/9 finden Sie von Khagendra Dahal u.a. einen sehr informativen Artikel: Nepal’s War on Human Rights: A summit higher than Everest

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