1. Worum es geht
In diesem Beitrag skizziere ich die Funktion Ökologischer und Umweltkriegsführungen als Repressalien gegen die Zivilbevölkerung. Beide Begriffe reflektieren verschiedene Tatbestände. Ökologische Kriegsführung ist der vorsätzliche Angriff auf die natürliche Umwelt des Gegners und damit auf die Biosphäre der Gesellschaft. Umweltkrieg führt, wer auch die soziale und gegenständliche Umwelt des Gegners angreift: Einerseits Leben und Gesundheit der Zivilbevölkerung, anderseits ihre Landwirtschaft, Industrie, Infrastruktur, Wohngebiete und Kulturgüter. Die biosphärischen Folgen beider Kriegsführungsmethoden unterscheiden sich kaum. Denn Ökologische Kriegsführung bewirkte immer auch gesundheitliche, wirtschaftliche und infrastrukturelle Schäden; umgekehrt verursachten massive Zerstörungen der gegenständlichen Umwelt immer auch nachhaltige Naturschäden. Beide Kriegsführungsmethoden sind seit dem Vietnamkrieg integraler Bestandteil der ständig fortgeschriebenen AirLand Battle-Drehbücher führender NATO-Staaten, namentlich der USA. Für ihre Kriegsplaner waren diese Methoden der Kriegsführung kein Selbstzweck. Sie wurden vielmehr angewendet zur Erreichung des politischen Kriegsziels, der bedingungslosen Kapitulation des Gegners. War dies Ziel mit konventioneller Kriegsführung nicht oder nicht schnell genug zu erreichen, sollte die Zivilbevölkerung durch Ökologische oder Umweltkriegsführung zusätzlich unter Druck gesetzt werden. Ein hinreichend großer ökologischer Schrecken, so die Annahmen im Vietnamkrieg, im Golfkrieg und im Jugoslawienkrieg, würde in zivilen Widerstand gegen die jeweiligen Regierungen umschlagen, die dadurch rascher kapitulieren sollten. Unter den verheerenden Umweltfolgen dieser Kriegsführungsmethoden leiden noch immer Millionen von Menschen.
2. Kriegsgeschichtlicher Anlass
Der Vietnamkrieg (1961-1975) war der erste in der Kriegs- und Militärgeschichte, in dem ökologisch-wissenschaftlich angeleitete Angriffe auf die regionale Biosphäre zum strategischen Kalkül einer Kriegsführungspartei gehörte. Als Reaktion auf diese neue Kriegsführungsmethode legte die Sowjetunion im Jahr 1974 der Generalversammlung der Vereinten Nationen (VN) einen Vertragsentwurf vor, der den militärischen Missbrauch der Umwelt verbieten sollte. Es war das erste Mal, dass die Vereinten Nationen (VN) über die Nutzung der Umwelt als Waffe diskutierten.
3. Völkerrechtliche Konsequenz
Die VN-Abrüstungskommission arbeitete dann innerhalb von drei Jahren einen Vertrag zur Ächtung militärischer Naturmanipulationen aus, die Environmental Modification Convention (ENMOD). Sie verbietet jede militärische Manipulation natürlicher Abläufe, beispielsweise durch Klima- und Wettereingriffe, Auslösen von Erdbeben, Umleiten von Flüssen, Erzeugung und Steuerung von Wirbelstürmen oder Einbringen von gefährlichen Stoffen in Nahrungsketten. Die Ökologische Kriegsführung ist damit völkerrechtlich verboten. Die Umweltkriegsführung wiederum ächtet das Zusatzprotokoll I (ZP I) zu den Genfer Konventionen aus demselben Jahr. Aus pazifistischer Sicht sind zwei Bestimmungen beachtlich. Erstens: Verboten sind nicht nur die absichtliche Schädigung der natürlichen Umwelt im Rahmen der Kriegsführung (wie bei ENMOD), sondern auch die bewusste Herbeiführung und die reine Inkaufnahme von nachhaltigen und schweren Schäden an der sozialen Umwelt. Zweitens: Repressalien gegen die natürliche Umwelt sind verboten. Die Normen des Zusatzprotokolls I begrenzen also die Wahl der Kriegsführungsmethoden noch stärker als die der ENMOD.
4. Verbot von Repressalien gegen die natürliche Umwelt
Das ZP I verbietet Angriffe gegen die natürliche Umwelt als Repressalie. Wer die natürliche Umwelt als Vergeltung, Gegenmaßnahme oder Druckmittel nutzt, der zielt, weil die Wirkungen seines Angriffs nicht begrenzbar sind, auf die Zivilbevölkerung, deren Gesundheit oder sogar Überleben. Die ökologische Repressalie ist in Verbindung mit den Bestimmungen des Art. 51 ZP I zu sehen, weil sie Schrecken unter der Zivilbevölkerung verbreitet, Zivilpersonen unterschiedslos trifft und unnötiges Leiden verursacht.
5. Anschauungsbeispiele
5.1 Vietnam
Das Theorie-Praxis-Konzept für Angriffe auf die natürliche und soziale Umwelt als Repressalie lieferten die USA im Vietnamkrieg. Ihr Kriegsziel war die bedingungslose Vernichtung der vietnamesischen Volksbefreiungsbewegung ("Vietcong"). Das allerdings konnten sie mit konventionellen Waffen alleine nicht erreichen, weil der Vietcong Teil der Zivilbevölkerung war. In dieser Situation führten sie als Repressalie einen mehrjährigen Krieg gegen die Mangroven- und Regenwälder. Dabei setzten sie "Agent Orange" ein, eine Herbizidmischung, die das extrem toxische 2,3,7,8-Tetrachloriddibenzo-para-dioxin enthielt. Die Annahme: Weil die angegriffenen Ökosysteme die bedeutendsten Fischfang- und Rohstofflieferanten des Landes waren, würde sich die Zivilbevölkerung aus Angst vor den gesundheitlichen Folgen des chemischen Krieges vom Vietcong entsolidarisieren. Tatsächlich verbreiteten die mehrjährige Angriff auf die natürliche Umwelt in der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken, aber das politische Ziel erreichten die USA auch durch Ökologische Kriegsführung nicht. Allerdings leiden noch heute über eine Million Vietnamesen unter ihren Spätfolgen.
5.2 Irak
Der Golfkrieg war zwar der erste bedeutende internationale Konflikt, der kriegführende Parteien den begrenzenden Prinzipien und Normen der ENMOD und des ZP I unterwarf. Daran richteten aber weder die alliierte noch die irakische Militärführung die Ziele, Methoden und Mittel ihrer Kriegsführungen aus. Da die alliierte Kriegskoalition ihr strategisches Ziel, das im Irak herrschende Baath-Regime blitzkriegartig zur Abdankung zu zwingen, mit konventioneller Waffentechnik allein nicht verwirklichen konnte, wendeten sie Methoden der Umweltkriegsführung an. Dazu gehörte die Zerstörung sämtlicher irakischer Produktions- und Lagerstätten für chemische Waffen. Die freigesetzten flüchtigen Giftgase setzten durch den biosphärischen Kontext (Naturhaushalt) rasch weiträumig und langanhaltend ein Mehrfaches der Letal- und Gefährdungswirkung konventioneller Waffen in bewohnten und landwirtschaftlich genutzten Gebieten frei. Diese Repressalie gegen die Zivilbevölkerung beruhte auf militärischen Modellrechnungen. Die Zielplaner rechneten nach dem Abwurf von Bomben mit Sarinfüllung bei einer Windgeschwindigkeit von 2-4 m/s in Bodennähe und bei Isothermie oder Inversionswetterlage mit einer möglichen Ausbreitungstiefe von mehr als 50 km in ebenem Gelände. Zudem nahmen sie, dass die freigesetzten Kampfstoffe im trockenen Wüstenklima sehr lange stabil blieben. Gleichzeitig zerstörte die alliierte Luftwaffe Wasserwerke, Pumpstationen, Staubecken, Elektrizitätswerke, Abwasserleitungen und Kläranlagen. In allen größeren Städten - über 60% der rund 12 Millionen Einwohner des Landes lebten damals in Städten -, brach die Wasser- und Stromversorgung zusammen. Wegen der prekären Wasserversorgung, brachen in Großstädten wie Bagdad und Basra Cholera und Typhus aus. Auf diese Weise verbreiteten die Alliierten sowohl durch Luftverseuchung als auch durch Wasserverseuchung landesweit Epidemien und damit zusätzlich Schrecken unter der Zivilbevölkerung. Dennoch schlug dieser Schrecken nicht in politischen Widerstand um, das Regime überlebte den Krieg. Die schwer wiegenden Umweltschäden in der Golfregion überlebten ihn auch.
5.3 Jugoslawienkrieg
Auch in diesem Krieg erreichte die westliche Kriegskoalition ihr politisches Ziel, die rasche bedingungslose Kapitulation der Bundesrepublik Jugoslawiens, nicht mit einer konventionellen Kriegsführungsmethode. Deshalb ging die NATO zur planmäßigen Kriegsführung gegen das Industriepotenzial über. Die Zielplaner der NATO wussten, welche Gefahrenstoffe in welchen Industriebetrieben inkorporiert waren und welche Umweltgifte sie in welchen Mengen freisetzen würden. Sie verfügten nämlich nicht nur über die militärischen Mittel, sondern auch über das notwendige Wissen, um Methoden der Umweltkriegsführung anzuwenden und ihre Folgen abzuschätzen. Während des Krieges haben sie sich ständig Informationen über kriegsökologisch relevante Daten beschafft wie Wetter, Topographie, Vegetation, Agrargebiete, Flusssysteme, Schadstoffkonzentrationen, Epidemien oder Bevölkerungs-wanderungen in den angegriffenen Gebieten. Auch diese Angriffe hatten die Funktion einer Repressalie. Die NATO wollte durch Freisetzen großer Giftmengen in die regionale Biosphäre in der Zivilbevölkerung mehr Angst und Schrecken verbreiten als sie durch konventionelle Bombardierungen erzeugen konnte. Die größte politische Wirkung glaubte sie damit in Verdichtungsgebieten und Großstädten zu erzielen.
6. Fazit
In keinem der drei Fälle gelang es, die Zivilgesellschaft durch Repressalien zum Widerstand gegen ihre Regierung zu zwingen. Was blieb, sind großräumige, nachhaltige Umweltschäden und die Gesundheitsgefahren, die von ihnen ausgehen. Solche Erkenntnisse dürfte die Freunde völkerrechtswidriger Kriegsführungsmethoden allerdings kaum veranlassen, sich dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag zu stellen. Zumal es keine pazifistische Kraft gibt, die sie dazu zwingen könnte.
Prof. Knut Krusewitz
Literatur:
Knut Krusewitz, "Umweltfolgen moderner Kriege. Vietnam-Irak-Jugoslawien", in: Studium Generale der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg im Sommersemester 2000, Heidelberg 2001, S. 111-149
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