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Langzeitfolgen der Atombomben

Neue Krebserkrankungen

Bis heute erkranken Überlebende der Atombombenabwürfe an Krebs und sterben daran – obwohl über ein halbes Jahrhundert seit ihrer Strahlenexposition vergangen ist.

Trotzdem ist nur wenig über die Opfer, ihre exakte Anzahl und ihre Erkrankungen bekannt. So wissen wir bis heute wenig über die schweren Strahlenverletzungen, die unmittelbar zum Tode führten. Denn die Toten wurden nur selten autopsiert: Das Personal fehlte und die Leichen wurden aufgrund der Seuchengefahr schnell verbrannt. Wo eine Autopsie jedoch stattfand, zeigten sich Veränderungen an den Organen. Das Blut der Toten geronn nicht - Folge der akuten Schädigung des Knochenmarks.

Ab November 1946 wurden die Opfer von Hiroshima und Nagasaki von der ABCC (Atomic Bomb Casualty Commission, seit 1975 RERF Radiation Effects Research Foundation), untersucht. Die ABCC war eine gemeinsame Agentur der USA und Japans. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind im Hinblick auf die Spätfolgen und die Niedrigstrahlung sehr umstritten. Uneinigkeit bestand und besteht bei den Wissenschaftlern über mehrere Punkte: Erstens über die Methode, wie die Dosis gemessen wird. Zweitens über Auswahl der Untersuchs- und Kontrollgruppen. Strittig ist hier etwa, ob die Kontrollgruppe nicht ebenfalls Strahlung ausgesetzt war. Und das Niedrigbestrahlte gar nicht aufgenommen wurden. Drittens über den Umgang mit der unterschiedlich langen Krebslatenz. Unterschiedliche Krebsarten zeigen sich erst nach einer unterschiedlich langen Jahren Anzahl von Jahren nach der Bestrahlung.

Auch eine exakte Anzahl der Opfer förderten die Studien nicht zu Tage. Der ABCC war es – so scheint es – daran gelegen, dass keine Informationen über die verheerende Wirkungen der Atombomben an die Weltöffentlichkeit gelangten. Auch die Nachfolgeorganisation RERF schätzte die Langzeitfolgen eher konservativ ein. Die Studiendesigns machen einen unvollständigen, zum Teil manipulierten Eindruck. In langjährigen Studien hat sie zunächst So wurden zunächst etwa nur 135.000 Überlebende in die langjährigen Studien aufgenommen. Die genetischen Folgeschäden wurden ganz außer Acht gelassen.

Die RERF berichtete zwischen 1950 und 1954 über eine erhöhte Anzahl von Leukämiefallen, die bis 1978 anhielt. Für die Menschen in Hiroshima lag die Leukämierate fünfzehnfach, für die in Nagasaki siebenfach höher als für die einer vergleichbaren japanischen Populationen.
Über das Auftreten anderer Krebsarten wurde erst später berichtet. Seit 1955 über erhöhte Schilddrüsenkrebsraten, seit 1965 über Brust- und Lungenkrebserhöhungen und seit 1975 über das vermehrte Auftreten von Magen- und Darmkrebs.

Die genetischen Schäden und allgemeinen Gesundheitsbeschwerden untersuchte die RERF nicht, sondern nur die Krebsrate der stark exponierten Teile der Bevölkerung. Der weitaus größere Teil der Menschen war allerdings niedrigen Strahlendosen ausgesetzt. Bei Ihnen bestünde, so glaubte die RERF, kein erhöhtes Krankheitsrisiko – und schloss sie aus den Studien aus. Inzwischen häufen sich jedoch die Berichte, dass auch kleine Dosen Krebs verursachen können. Aber die Autorität der RERF-Wissenschaftler war so groß und die politischen Kräfte, die hinter ihnen standen so mächtig, dass Ergebnisse anderer Wissenschaftler über Mutagenität und Kanzerogenität kleiner radioaktiver Dosen als fehlerhaft abgetan wurden.

Lange Beobachtungsdauern in den niedrigbelasteten Kohorten zeigen jedoch mittlerweile eine signifikant erhöhte Krebshäufigkeit. Außerdem ergaben neuere Berechnungen und Messungen über die Strahlungsstärke der Atombomben, dass man bisher die Dosen überschätzt hatte. Schließlich zeigte sich, dass die als unbestrahlt betrachtete Kohorte teilweise erhebliche Fallout-Dosen abbekommen hatte. Insgesamt ergibt sich ein erheblich höheres Strahlenkrebsrisiko als bisher angenommen.

Neu: Nach langer Beobachtungsdauer zeigt sich jetzt jedoch eine signifikant erhöhte Krebshäufigkeit auch in den in den niedrigbelasteten Kohorten. Und es zeigen sich konkrete Fehler bei der bisherigen Analyse: Neuere Berechnungen und Messungen über die Strahlungsstärke der Atombomben zeigen, dass man bisher die Dosen überschätzt hatte. Die gefunden Erkrankungen sind also auf geringere Strahlendosen zurückzuführen als man geglaubt hat. Und: Die als unbestrahlt betrachtete Kohorte, die als „normale“ Vergleichsgruppe herangezogen wurde, hatte zum Teil erhebliche Fallout-Dosen abbekommen, so dass der Vergleich mit ihr nicht zulässig ist und das Ergebnis negativ verfälscht. Insgesamt ergibt sich nach den neuen Messungen ein erheblich höheres Strahlenkrebsrisiko als bisher angenommen.

Trotzdem sind die alten Vorstellungen immer noch die Grundlage für die heutige Strahlenschutzverordnung. Teilweise liegen die Ergebnisse anderer Wissenschaftler um den Faktor 10-20 über den Werten der RERF. Diese Diskrepanz bei einer so wichtigen Frage, führte zu einer sehr heftigen Auseinandersetzung, die noch heute nicht beendet ist und sich mit dem Tschernobyl-Unfall wiederholt hat.

Allgemeine Krankheiten wie Anämie, bestimmte Blutkrankheiten und Grauer Star wurden von der RERF nicht untersucht. Sie hätten nichts mit der Strahlung zu tun, erklärt die Organisation. Diese Behauptung wird vehement von anderen Wissenschaftlern zurückgewiesen, die in ihren Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen diesen Krankheiten und der Strahlenexposition gefunden haben. Auch die im Volksmund sogenannte „Genbaku Bura-Bura“-Krankheit (Genbaku = Atombombenabwurf, Bura-bura = langwierig), mit den Symptome Müdigkeit, Schwindel, Krämpfe, Lumbago usw., werden von der RERF als „psychische Störungen“ auf Grund vom Stress abgetan.

Wieviel Strahlung Föten im Mutterleib aufnahmen, ist ebenfalls nicht bekannt. In der Folge der Abwürfe kam es allerdings zu vielen Fehl- und Todgeburten. Ein Indiz dafür, dass genetische Defekte oder eine zu hohe Strahlenbelastung für die Föten vorgelegt haben. Viele im Mutterleib bestrahlten Säuglinge wiesen Mikrozephalie, mentale Retardierung und eine langsamere Entwicklung als andere Kinder auf.

Und ein weiteres bekanntes Ergebnis: Bei den männlichen Überlebenden ist die Anzahl der Spermien stark reduziert. Diese Reduktion hält lange an und ist teilweise permanent.

Aus: IPPNW-Broschüre "Hiroshima - Nagasaki", Juli 2002

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