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IPPNW
Aus IPPNW-Forum 96/05

Im Dunkeln gelassen

Reise nach Nordkorea

Vier Tage lang besuchten Ende August deutsche und schwedische Ärzte das international weitgehend isolierte Nordkorea. Sie besichtigten Krankenhäuser, trafen den stellvertretenden Gesundheitsminister und informierten sich bei den wenigen Nicht-Regierungsorganisationen vor Ort.

Die Vertreterin der WHO war sprachlos. Eine internationale Ärzte-Gruppe im Flugzeug nach Pyongyang, das habe absoluten Seltenheitswert. Dass uns die nordkoreanischen Behörden die Einreise überhaupt gewährten, sei alles andere als üblich. Erst unlängst waren hochrangige WHO-Mitarbeiter nach einem wochenlangen Hin und Her am Ende doch nicht ins Land gelassen worden. Unsere Sitznachbarin vermittelte unmissverständlich den Eindruck, dass wir soeben ein kleines Wunder erlebten mit unserer fünfköpfigen Reisegruppe der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW).

Nur 27 Staaten unterhalten diplomatische Vertretungen in der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea, etwa 300 internationale Mitarbeiterinnen sind im Land für Botschaften, Firmen oder Hilfsorganisationen und arbeiten überwiegend in Pyongyang. Mit der erforderlichen Genehmigung gelangen sie auch ins Landesinnere, allerdings nie ohne Begleitung und schon gar nicht in die gesperrten Regionen, die nicht nur für ausländische Beobachter oder Helfer unzugänglich sind.
Während Südkorea heute bei etwas gleicher Größe rund 47 Millionen Einwohner zählt, leben in Nordkorea nur 22 Millionen, mehr als die Hälfte von ihnen in Städten. Und während Südkoreas Bevölkerung stetig zunimmt, stagniert sie in Nordkorea oder ist möglicherweise auch leicht rückläufig, statistische Daten fehlen leider. Etwa 2,3 Millionen Nordkoreaner leben in der Hauptstadt Pyongyang. Auf dem Land ist die dörfliche Struktur meist in Gemeinschafts-Wohnblöcken konzentriert. Mehrere Dutzend Familien leben in weißen Betonbauten, die inmitten kollektivierter Agrarflächen stehen; in Südkorea prägen dagegen die typischen Bauernhäuser das Landschaftsbild.

Die ersten Eindrücke nach der Landung entsprechen unseren Erwartungen: Kaum Verkehr auf den Straßen und die wenigen Menschen, die wir sehen, sind zu Fuß unterwegs. Im Vergleich zu China sehen wir nur vereinzelt Radfahrer oder gar Autos, Busse und Straßenbahnen da-gegen platzen aus allen Nähten. Auf dem Weg zum Hotel begegnen wir Kim il-Sung, dem Staatsgründer und "großen Führer" und Kim Jong Il, seinem Sohn, der nach dem Tod des Vaters im Sommer 1994 seine Nachfolge antrat. Omnipräsent und überlebensgroß sind beide auf bunten Plakaten zumindest optisch die einzigen farbigen Lichtblicke in einer ansonsten grauen und gleichförmigen Millionenstadt. Alte Betonburgen, bröckelnde Fassaden und endlose Prachtstraßen bestimmen das Bild. Ein Hauch Sowjetunion der 70er und 80er Jahre.
Was auffällt, sind die Menschenansammlungen auf jedem noch so kleinen Platz: Hunderte und Tausende in semi-ziviler Einheitskluft, Schulkinder bis Erwachsene. Sie üben Formationen und Aufmärsche. Vielleicht sind es für sie nur alltägliche Beschäftigungen, vielleicht aber auch die Vorbereitungen auf die über acht Wochen dauernden Veranstaltungen zum 60. Jahrestag der so gefeierten nordkoreanischen Befreiung 1946.

Unsere beiden Begleiter bringen uns zunächst in eines der beiden offiziellen Hotels. Sie sind freundlich und zugewandt und werden uns in den kommenden vier Tagen fast auf Schritt und Tritt begleiten; als Dolmetscher und Mitarbeiter der KANPP, der nordkoreanischen Sektion der IPPNW. Seit ihrer Gründung hat die IPPNW auch im früheren Ostblock eigene Sektionen. Sie gleichen staatlichen Organisationen, emanzipieren sich aber unterschiedlich stark, wie derzeit etwa die IPPNW in China. Deshalb wollten wir uns auch über die Handlungsfreiheit unserer nordkoreanischen "Partnerorganisation" ein Bild verschaffen.

Die berufsbezogene Bildung friedensfördernder Partnerschaften, eine Art ärztliche Völkerverständigung, war einer der ursprünglichen Impulse für die Gründung der IPPNW und ein wichtiger Antrieb in ihren ersten Jahren bis hin zur Verleihung des Friedensnobelpreises 1985. In dieser Tradition vergeht bis heute kein Jahr, in dem nicht internationale IPPNW-Delegationen in den offiziellen und inoffiziellen Atomwaffenstaaten den Kontakt pflegen zu ärztlichen Kollegen und zur jeweiligen Administration und sich so um Aufklärungsarbeit über die Gefahren der weltweiten Verbreitung von Atomwaffen bemühen. Auch in Nordkorea setzen wir diese Aufklärung fort und informieren uns zugleich über die seit Jahren angespannte Gesundheitssituation vor Ort.

Prinzipiell ist das nordkoreanische Gesundheitswesen gut strukturiert. Auf etwa 150 Familien kommt ein Hausarzt, in jedem der 200 landesweiten Distrikte gibt es ein Krankenhaus. Für die neun Provinzen Nordkoreas ist jeweils eine größere Klinik zuständig und in der Hauptstadt wartet als letzte Instanz ein halbes Dutzend Spezial- und Universitätskliniken. Wichtigste Anlaufstelle für gesundheitliche Fragen sind die Hausärzte, die neben ihren Sprechstunden am Vormittag üblicherweise auch Hausbesuche durchführen und gelegentlich über einige Betten für die nächtliche Beobachtung ihrer Patienten verfügen. Gemeinsam mit den zahlreichen Hausärzten sind es dann vor allem die Krankenhäuser der Distrikte, die als entscheidende Gesundheitsversorger gelten, zumindest theoretisch.

In der Praxis, so Jaap Timer, Leiter vom Internationalen Roten Kreuz, fehlt es aber an allem, um in der vorhandenen Struktur eine ausreichende medizinische Versorgung aus eigener Kraft leisten zu können. "Deshalb versorgen wir inzwischen ein Drittel der gesamten Bevölkerung Nordkoreas mit 70% der dringend benötigten Medikamente und im Winter kommt noch die Kohle dazu". Bei Minusgraden um 20°C kommt es in den Wintermonaten einer präventiv-medizinischen Maßnahme gleich, die kalten Klinken angemessen zu heizen.

Laut Timer fehlt es aber nicht nur an Medikamenten und dem nötigen Wissen über rationale Therapien, es fehlt auch an einer ausreichenden Datenbasis, um den Erfolg oder Misserfolg der eigenen Arbeit auch nur annähernd einschätzen zu können. Sofern die Behörden überhaupt über eigene Daten verfügen, stellen sie diese den Hilfsorganisationen nur unzureichend zur Verfügung. "Um Daten zu erhalten, sagen wir inzwischen sogar zu, sie nicht zu publizieren und allenfalls zur Erhöhung der Spendenbereitschaft einzusetzen", so Timer.

Immerhin aber stünde mit dem nordkoreanischen Roten Kreuz die einzige zivilgesellschaftliche Organisation im Land als Partner zur Verfügung mit mehr als einer Million zahlenden Mitgliedern und knapp 300.000 Helferinnen und Helfern. "Das ist eine Chance, gerade für das Ausbilden und Trainieren von Multiplikatoren". Langfristig sind es für den Verantwortlichen vom Roten Kreuz wie für seine Kollegen von UNICEF, dem World Food Programme oder der WHO auch Bildungsprojekte, mit denen die Gesundheits- und Ernährungssituation der Bevölkerung zu verbessern sei. Die Voraussetzungen hierfür sind gut: Die Zahl der Analphabeten liegt bei 2-3 Prozent.

Auf beiden Gebieten zeichnet sich nach der letzten Studie nordkoreanischer Partner mit UNICEF und dem World Food Programme vom Oktober 2004 eine positive Tendenz ab. Die seit 1998 vierte landesweite Untersuchung dieser Art in sieben der neuen Provinzen Nordkoreas schloss 4.800 randomisiert ausgewählte Kinder unter 6 Jahren und 2.109 Mütter mit Kindern unter 2 Jahren ein. Erhoben wurden Daten zu kindlichen Formen von Wachstumshemmung, akuter Mangelernährung und Untergewicht sowie zur mütterlichen Mangelernährung. "Die Situation hat sich danach seit Mitte der 90er Jahre verbessert, aber Ernährung und Gesundheit bleiben ein ernstes Problem", sagt Pierrette Vu Thi, Leiterin der UNICEF-Mission in Pyongyang.

So zeigt die Studie bei den Wachstumsstörungen von Kindern unter 6 Jahren noch immer eine im WHO-Vergleich hohe Prävalenz von 37%. 2002 lag sie noch bei 42%. Eine sinkende Tendenz zeigt sich auch bei der Mangelernährung, vor allem in der Altersgruppe der Ein- bis Zweijährigen. Aber noch immer leiden insgesamt 7 % aller Kinder unter mangelnder Ernährung. Einen gegensätzlichen Trend verzeichnet die Untersuchung beim Thema Untergewicht. Bei den älteren Kindern wird eine geringe Zunahme von Fällen während der vergangenen zwei Jahre belegt, bei den ein- bis zweijährigen Kindern gibt es eine sinkende Tendenz an Untergewichtigen.

"Die mütterliche Mangelernährung", bestätigt die UNICEF-Chefin, "ist nach wie vor hoch". Bei 2.109 Müttern von Kindern unter 2 Jahren zeigten nicht nur 32% relevante Zeichen einer bestehenden Mangelernährung, sondern 35% der 1.253 auf Hämoglobin-Werte untersuchten Frauen waren auch anämisch. Dieser Blutarmut liegt meist ein Mangel an Eisen zugrunde. Die vielen Fälle von Nachtblindheit sind durchernährungsbedingten Vitamin A-Mangel verursacht.

Obgleich die Studie durchaus positive Entwicklungen erkennen lässt, bestätigt sie, dass ohne internationale Hungerhilfe die gesundheitliche Situation der Bevölkerung sich weiter verschlechtern und das Versorgungssystem über kurz oder lang kollabieren würde. Bei staatlichen Reisrationen von täglich 200 Gramm pro Kopf sind viele Menschen auf private Zukäufe auf den seit einigen Jahren offiziell erlaubten kleinen Agrarmärkten angewiesen, so sie sich das leisten können. "Einer von vier Haushalten", weiß Michael Stapleton als leitender Mitarbeiter des World Food Programme in Pyongyang, "bezieht seine Nahrung hauptsächlich über uns".

Alles scheint knapp, nicht nur Getreide, Reis und Fleisch. Auch Strom gibt es tagsüber oft nur für Stunden und am Abend liegt nach Sonnenuntergang selbst die Hauptstadt unter uns im Dunkeln. Im 44. Stock unseres Hotels planen wir den kommenden Tag oder lassen den vergangenen Revue passieren, etwa die folgende bizarre Situation: Während einer Fortbildung vor fast 100 nordkoreanischen Klinikärzten berichten wir auch von der Geschichte und den politischen Zielen der IPPNW. Dabei stellen wir das ansonsten gute Verhältnis zu unseren Begleitern spürbar auf die Probe. Den Dolmetscher fordert es sichtlich heraus, unsere Kritik an der weltweiten Verbreitung von Atomwaffen ungeschönt zu übersetzen, während die Zuhörer dieses vermutlich seltene Erlebnis eines freien politischen Kommentars mit stoischer Miene verfolgen.

Wie nicht anders zu erwarten, ist der freie Zugang zu Informationen eines der knappsten Güter in Nordkorea, auch der Zugang zum weltweiten medizinischen Wissen der Gegenwart. Unsere Besuche in drei Krankenhäusern der Hauptstadt waren daher die beste Gelegenheit, im Rahmen von Fachvorträgen ärztliche Fortbildung zu betreiben, aber zugleich unsere Kolleginnen und Kollegen nicht im Dunkeln zu lassen über die eigentlichen Beweggründe unserer Reise. Ob unsere "nuklear-medizinische" Reise eine Fortsetzung findet, muss sich weisen. Unser ranghöchster Gesprächspartner, der stellvertretende Gesundheitsminister, hat sich nicht nur auf eine kontroverse Diskussion zum Thema Atomwaffen eingelassen, er will auch prüfen lassen, ob sich künftig nordkoreanische Studierende an unserem internationalen Austauschprogramm beteiligen dürfen. Er sprach den nicht selten gehörten Satz: "We will consider".

Stephan Kolb/Lars Pohlmeier

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