Prolog: Am 15. Und 16. August 2008 tauchen ca. 20 junge Menschen aus sechs verschiedenen Ländern –Deutschland, der Türkei, Russland, Südkorea, Japan und den USA – auf einer Wiese des Bauern H. in Büchel auf. Sie haben sich zum internationalen Workcamp der Friedenswerkstatt Mutlangen angemeldet und wundern sich nun, nach teils mehr als 10-stündiger Anreise, was wohl diese leere Wiese mit der handvoll Zelte an Arbeit und Abenteuern für sie bereithalten mag. Irgendwie sehen das „Camp“ und die Umgebung doch einigermaßen verloren aus.
Das internationale Workcamp ist allerdings nur die“ Vorhut“. Im Laufe der Woche gesellen sich einige Helfer des Neztwerkes GAAA dazu, mit denen zusammen die WorkcampteilnehmerInnen Duschen und Waschplätze bauen, Großzelte aufstellen, Schilder und Transparente malen und sich mit dem Fliegerhorst Büchel und der Geschichte der Atomwaffen in Deutschland vertraut machen. Alles in Vorbereitung auf eine Aktionswoche, die am 23.08. auf derselben Wiese beginnt und während der das Camp noch einmal um etwa 150 Menschen anwächst. Für die „Nachhut“ ist die Geschichte des Fliegerhorstes zumeist keine Novität mehr. Sie sind größtenteils erfahrene Friedensaktivisten aus Deutschland und den europäischen Nachbarländern. Einige sind sogar aus Übersee angereist. Sie verfolgen das gemeinsame Ziel der nuklearen Abrüstung und sind der Einladung 48 deutscher Friedens-Organisationen gefolgt, deutsche Politiker hier in Büchel dazu aufzufordern „vor der eigenen Türe zu kehren“ und sich von den bis zu 20 US-Atomwaffen zu trennen, die noch im hiesigen Fliegerhorst gelagert werden. Im Klartext soll das heißen, dass Deutschland die nukleare Teilhabe, an die es sich seit seinem Eintritt in die NATO 1955 gebunden hatte, aufgeben und sich der Mitarbeit an Planung und Einsatz von Atomwaffenprogrammen enthalten soll. Man könnte so ein politisches Zeichen setzen, dass man es ernst meine mit der Absicht der nuklearen Abrüstung und andere Länder dazu ermutigen, dem Beispiel zu folgen, bzw. von der Entwicklung und Modernisierung eigener Atomwaffenprogramme abzusehen.
Zu Beginn der Aktionswoche sieht das Camp dank der Mühen der WegbereiterInnen nicht mehr so verloren aus. Die Workcamp-Teilnehmer Innen haben sich längst an kalte Duschen, Kompost-Toiletten und nasse Füße gewöhnt und sind nichtsdestotrotz zu einer gutgelaunten, lebhaften Einheit zusammengewachsen. Seit neuestem sieht man einige von ihnen des Öfteren als Bomben in Echtgröße verkleidet durch die Gegend marschieren – um dann von den übrigen Gruppenteilnehmern – eine von ihnen im Angela Merkel Kostüm – mit dem Besen zusammengekehrt und in Blumentöpfe verwandelt zu werden. Sie üben für ein kurzes Pantomime-Theaterstück, das sie am 30.08. zum Höhepunkt der Aktionswoche beim „großen Kehraus“ – einer Großdemonstration am Fliegerhorst – bei der Hauptkundgebung zum Besten geben werden. Die Choreographie haben sie selber entwickelt.
Sie sind nicht die einzigen, die sich auf den „großen Kehraus“ vorbereiten. Eine Clownsarmee hat sich gebildet und mischt das ganze Camp mit Scherzen und Streichen auf und das europäische Jugendnetzwerk BANg (Ban All Nukes generation) ist zugegen und plant eine Straßentheater-Aktion. Zudem bereiten sich eine Menge Aktivisten darauf vor am 30.08. gewaltfrei den Zaun des Fliegerhorstes zu überwinden, um selber einen Blick hinter die Kulissen zu werfen – Fernab von den übrigen Demonstration, damit keineR, die oder der es nicht möchte mit einer solchen Go-In Aktion in Verbindung gebracht werden wird.
Verköstigt werden die Aktionscamper nun von Rampenplan, einer holländischen mobilen Großküche, die aus regionalen biologischen Zutaten vegane und vegetarische Köstlichkeiten zaubert und nicht nur mit dem Essen für gute Laune sorgt. Des Abends sieht man sich Podiumsdiskussionen internationaler Größen der Anti-Atomwaffenszene an, schaut Info-Filme im Kino-Zelt oder knüpft Kontakte am Lagerfeuer.
Das Programm des Tags des „großen Kehraus“ ist dicht gepackt: vormittags reisen 23 Basis-Gruppen in Bussen aus den umliegenden Bundesländern an, werden von Rednern, Kabarettisten, Liedermachern und einer Samba-Band begrüßt, lassen sich Besen-gegen-Atomwaffen(Attrappen)-schwingenderweise vorm Fliegerhorst ablichten und umrunden denselben dann entweder teilweise oder ganz. Ab 15 Uhr gibt es am Haupttor des Horstes eine große Kundgebung mit Reden nationaler und internationaler Gäste, wie etwa Horst-Eberhard Richter (IPPNW), Peter Becker (IALANA), Reinhard Voss (ehemaliger Generalsekretär Pax-Christi), Hans Lammerant (Forum voor Vredesactie, Belgien), Xavier Renou (Desobeir, Frankreich), Angie Zelter (Trident Ploughshares, Great Britain), und Jan Tamas (Tschechien). Dazwischen sorgen Nina Hagen, rbm 655, Romy Schreiber und das internationale Workcamp-Besentheater für Musik- und Showeinlagen. Im Anschluß findet ein Benefiz-Konzert statt, bei dem rbm655, die Mary Pranksters, Brotlos, Renegades of Funk, Andrea Eberl und Nina Hagen mit dabei sind.
Das Wetter ist bombig, die Besucher des Ereignisses bunt gemischt. Leider reisen viele der Busankömmlinge schon früh ab, und bekommen von dem Konzert nichts mehr mit. Die Besucher aus der Umgebung jammern zwar, dass sie so lange auf Nina Hagen warten müssen, stören sich dafür aber glücklicherweise weniger an Pleiten, Pech und Pannen des Programms, wie etwa dem klitzekleinen Stromausfall, den Brotlos innovativ mit einer Akkustikeinlage überbrücken. Im Endeffekt sieht es so aus, als habe sich das Warten für sie gelohnt. Gegen Abend bekommen wir auch erste Meldungen über erfolgreiche und weniger erfolgreiche Zaun-Überwinder, die von der Polizei in Gewahrsam genommen wurden. Sie ernten einen herzlichen Applaus und erzählen Tags darauf im Camp wie es ihnen ergangen ist.
Epilog: Der große Kehraus ist vorbei. Aufzuräumen bleibt in den folgendes Tagen noch Einiges. Bühne und Aktionscamp werden abgebaut. Der harte Kern, der bis zum Schluß bleibt, besteht wieder aus Helfern der GAAA und des internationalen Workcamps. Ob der Aufenthalt auf dieser Wiese im „Nirgendwo“ sich für sie gelohnt hat? Hier ein paar Resumees der TeilnehmerInnen:
„Ich habe das Workcamp ziemlich genossen – besonders, die vielen Leute zu kennenzulernen, die zum demonstrieren hier her kamen.“ (Joshua Smith, USA)
„Ich hatte eine wirklich tolle Zeit. Im Rahmen der Demonstration konnte ich etwas über nukleare Waffen und über die Friedensbewegung lernen. Das war für mich etwas Besonderes, weil ich vor dem Workcamp nie damit in Berührung gekommen bin. Ich fühle mich verändert. Ich bin mir einiger Dinge bewußter und verstehe sie besser und ich möchte mich an der Friedensbewegung in anderen Ländern beteiligen – auch in Korea.“ (Yena Seong , Südkorea)
„Ich war beeindruckt von der Menge der Leute, die herkamen, um zu sagen: ‚Mir gefällt das nicht! Atomwaffen abschaffen!‘ Die vielen Aktionen haben mich sehr inspiriert.“ (Aneliya, Russland)“
„Ich habe mich wieder daran erinnert, wie wichtig die Zivilbevölkerung ist. Sie ist die Stimme, die vor den Problemen warnt, die von großen Mächten, wie Regierungen und den Massenmedien verdeckt werden können. Gespräche mit vielen Leuten auf dem Camp haben mich dazu motiviert, noch mehr über solch gefährliche Politik in der Welt zu lernen.“ (Hyeyun Kim, Südkorea)
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