Nach dem von SPD und Grünen geänderten Atomgesetz dürfen in Deutschland noch über 20 Jahre lang Atomkraftwerke betrieben werden. Trotz gefährlicher Störfälle (jüngst in Brunsbüttel) und defekter Sicherheitssysteme der technisch überholten Anlagen sicherte die Bundesregierung der Atomindustrie zudem einen kostengünstigen Reaktorbetrieb zu. Gespart wird auch am Katastrophenschutz. Nach den Terroranschlägen vom 11. September ist Bundeskanzler Gerhard Schröder mehr denn je gefordert, die Bevölkerung bundesweit flächendeckend mit hochdosierten Jodtabletten zu versorgen, damit nach einem Super-GAU wenigstens ein Teil der gesundheitlichen Unfallfolgen abgemildert werden kann.
Nur wenige Stunden nach einem Super-GAU wird die Bevölkerung über die Atemluft mit radioaktivem Jod belastet. Das strahlende Jod wird vom Körper gezielt in die Schilddrüse eingelagert und verursacht dort chronische Schilddrüsenentzündungen und auch Krebs.
Durch die rechtzeitige Einnahme von Tabletten mit hochdosiertem nicht-radioaktivem Jod (0,13 g) kann die Aufnahme der Radioaktivität durch die Schilddrüse weitgehend blockiert werden. Diese Jodblockade kann allerdings nur funktionieren, wenn die Jodtabletten jederzeit in den Haushalten verfügbar sind und rechtzeitig eingenommen werden können, bevor die radioaktiven Luftmassen die Menschen erreichen.
Bisher werden Jodtabletten aber nur im Umkreis von 10 bis 25 Kilometern um ein Atomkraftwerk vorrätig gehalten. Außerhalb dieser engen Zone sollen zukünftig Jodtabletten bundesweit von nur drei Standorten aus mit Hubschraubern in die stark verstrahlten Gebiete geflogen und von dort an unzählige Gemeinden verteilt werden. Die Menschen, die im Katastrophenfall ihre Häuser eigentlich nicht verlassen sollen, müssen sich dann zu den Ausgabestellen der Tabletten begeben. Ein Konzept, das in der Praxis nur versagen kann. Die Jodtabletten werden viel zu spät eingenommen.
Jod ist (nicht) für alle da
Erwachsene, die älter als 45 Jahre sind, sollen generell keine Jodtabletten erhalten, obwohl sich in der Tschernobyl-Region gezeigt hat, dass neben Kindern auch Erwachsene aller Altersgruppen mehrfach häufiger an Schilddrüsenkrebs erkranken. Außerhalb eines 25-Kilometer-Umkreises um Atomkraftwerke sollen nur Kinder im Alter bis 12 Jahren und Schwangere Jodtabletten erhalten. Der Rest der Bevölkerung soll keinerlei Schutz vor der radioaktiven Wolke erhalten. Auch Evakuierungen sind außerhalb der 25 Kilometer nicht vorgeplant.
Jodtabletten sind kein Allheilmittel gegen einen Atomunfall und die Vielzahl der dann auftretenden schweren Erkrankungen. Mit ihnen kann aber immerhin das hohe Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, deutlich reduziert werden. An der bundesweiten Versorgung der Haushalte mit hochdosierten Jodtabletten (und an den erforderlichen Vorsorgeuntersuchungen zum Herausfiltern der kleinen Zahl jodempfindlicher Personen) führt daher kein Weg vorbei.
Die Kosten der Jodbevorratung sind - auch nach Auffassung der Innenministerkonferenz und des Bundesrates - den Verursachern des Problems in Rechnung zu stellen, nämlich der Atomindustrie. Die Bundesregierung darf dieses Problem nicht länger aus Rücksichtnahme auf die Atomkraftwerksbetreiber vor sich herschieben.
Von Rainer Stephan
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