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Deutsche Bank plädiert für Renaissance der Atomenergie

Gegen "Atomausstieg"

Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, wandte sich in einem Beitrag für die "Frankfurter Neue Presse" vom 12. Februar 2005 gegen die Stilllegung der deutschen Atomkraftwerke. Nur wenige Jahre nach dem so genannten "Atomkonsens" sei bereits ein Drittel der zwischen Regierung und Stromwirtschaft vereinbarten zulässigen "Reststrommenge" in den Atomkraftwerken erzeugt. Walter plädierte in seinem Beitrag - wie von der IPPNW und anderen Atomkritikern erwartet - für eine Verlängerung der Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke. CO2-freie Kohlekraftwerke und "sichere Kernkraftwerke der vierten Generation, die allerdings noch zur technischen Reife gebracht werden" müssten, könnten "zu einer Renaissance von Kohle und Kernenergie auch in Deutschland führen".

Der Atomkompromiss sei einst "als besonders intelligent und - unter den damaligen Bedingungen des Regierungswechsels  - als Grenze des Machbaren gepriesen" worden, er entwickele sich nun aber "zusehends für Politik und Betreiber zum Problem", meint der Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Die Politik habe zwar die neuen Stromerzeugungsalternativen - nicht zuletzt Windkraft und Photovoltaik - "mit rapide steigenden Subventionen" vorangetrieben. In Anbetracht der noch verbleibenden wenigen Jahre bis zum Ende der Kernenergieerzeugung in Deutschland zeigt sich nach Auffassung der Großbank aber immer mehr, "dass die Erneuerbaren keineswegs geeignet sind, den Ausfall an Grundlaststrom in Deutschland kurzfristig zu gewährleisten". Überdies habe die Politik noch immer nicht offen gelegt, wie sie die Einhaltung ambitionierter Klimaziele erreichen will, wenn die "in der Erzeugung" CO2-freie Kernenergie (jetzt vielleicht schon binnen einer Dekade) wegfalle. "Die schnelle Realisierung des Kernenergieausstiegs könnte sich sehr rasch als klimapolitischer Phyrrussieg erweisen", schreibt Walter in der "Frankfurter Neuen Presse".

Auch für die großen deutschen Stromerzeuger erhöhe eine rasche Stilllegung der Anlagen - abgesehen vom "Wegfall lukrativer Einnahmequellen" – den Druck; so müssten die Energieversorger in den kommenden Jahren ohnehin Investitionsentscheidungen in Milliardenhöhe treffen, um die Versorgung zu gewährleisten. Finde der Ausstieg überhastet statt, was sich zunehmend als wahrscheinlich anbahne, bestehe die Gefahr, dass vor allem Kraftwerke mit derzeitiger Technik installiert werden und ans Netz gehen. Dies bedeute aber, dass übereilt auf Zukunftsoptionen verzichtet wird.

Den Atomkraftwerksbetreibern wirft der Chefvolkswirt der Deutschen Bank vor, sie würden sich mit der garantierten Restlaufzeit "bescheiden" und die "neuen Weichenstellungen in Nachbarländern" ignorieren.

Gerade im Einsteinjahr 2005 dränge sich eine Rückbesinnung "auf die Assets unserer Gesellschaft auf", meint Walter unter Inanspruchnahme des Atomkritikers Einstein. "Fußt nicht gerade der Wohlstand unserer Nation und unser Standing in der Welt auf epochalen und wegweisenden Erfolgen in Forschung und Entwicklung, auf innovativen Wissenschaftlern und engagierten Technikern", fragt Walter.

"Würden die ohnehin wenig plausiblen Ausstiegszeiten" (wenn Kernkraftwerke gefährlich wären, müssten sie sofort still gelegt werden) verlängert werden", so Walter, könnten Forschung und Entwicklung in Wettstreit treten. "Die Entwickler erneuerbarer Energien müssen noch die Wirtschaftlichkeit der Anlagen erhöhen, die Atomphysiker an (noch höherer) Sicherheit und einer Entschärfung der Entsorgungsfragen arbeiten. Letztlich könnte Kernenergie vor dem Hintergrund der Welt-Klimaproblematik an Bedeutung gewinnen, wenn andere Optionen, z.B. Energieeinsparung, alternative Energien und Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft, (noch) nicht ausreichen."

Einflußreiche Großbank

Die Deutsche Bank ist nicht ohne Einfluss auf die deutsche Energie- und Atomwirtschaft. Josef Ackermann, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, ist Aufsichtsratsmitglied der Siemens AG. Die Siemens-Beteiligungsgesellschaft Framatome ANP ist der weltweit führende Anbieter von Atomkraftwerkstechnik. Das Unternehmen baut derzeit ein neues Atomkraftwerk vom Typ "Europäischer Druckwasser-Reaktor" (EPR) in Finnland.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, Rolf-E. Breuer, ist Mitglied im Aufsichtsrat von Deutschlands größtem Atomkraftwerksbetreiber E.ON. Das Unternehmen ist derzeit an elf deutschen Atomkraftwerksblöcken beteiligt. Das ehemalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Carl-Ludwig von Boehm-Bezing, derzeit Mitglied im Beraterkreis der Deutschen Bank, sitzt im Kontrollgremium von RWE, Betreibergesellschaft der Atomkraftwerke Biblis, Gundremmingen und Emsland.

Neben den Unternehmen der Atomwirtschaft mischt die Großbank auch in verschiedenen Strategiezirkeln mit. Das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Tessen von Heydebreck, ist Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena). Eine von der Deutschen Energie-Agentur koordinierte Studie über behauptete Probleme bei der Einspeisung von Windstrom sorgte kürzlich für öffentliches Aufsehen. Deutsche Bank-Vorstand Clemes Börsig ist Vorstandsmitglied im "Forum für Zukunftsenergien". Kuratoriumsvorsitzender des Vereins ist wiederum Tessen von Heydebreck.


Von Henrik Paulitz

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