IPPNW.DE
Text vergrößernText verkleinernSeite druckenRSS-Feed aufrufen Seite versenden

Die Renaissance der Atomenergie findet nicht statt

Ein Phönix in der Asche

Es gibt Begriffe, die sind genial formuliert. "Renaissance der Atomenergie" ist so einer. Renaissance heißt Wiedergeburt und wir assoziieren den geschichtlichen Begriff mit Stärke, Wiederauferstehung, Glanz, Kunst, Italien, machtvollem Bürgertum und Reichtum. Treffender müßte es heißen: "Reanimation der Atomenergie", das würde das Problem auf den Punkt bringen.

"Renaissance" ist die begriffliche Zuspitzung einer professionellen Kampagne der Atomenergiewirtschaft seit mehr als einem Jahr, zu der es parallel eine Kampagne gegen die Windenergie – stellvertretend für alle erneuerbaren Energien - gibt. Beides ergänzt sich und soll die erneuerbaren Energien behindern und die schon totgesagte Atomenergie reanimieren. Beides dient gleichermaßen dem Oligopol der Energiewirtschaft. Es maximiert ihre Gewinne auf Kosten der Umwelt, der kommenden Generationen, der Innovationen im Bereich der erneuerbaren Energien und nimmt mögliche atomare Katastrophen billigend in Kauf.

"Verlängerung der Laufzeiten" ist eine Voraussetzung dieser "Renaissance", wenn schon die Atomindustrie neue Atomkraftwerke in Deutschland auf absehbare Zeit ablehnt, da sie wegen der hohen Investitionskosten "wirtschaftlich riskant" seien.(1) Übersetzt in die Alltagssprache heißt das: keine neuen Atomkraftwerke in Deutschland, weil sie der Atomindustrie keine Gewinne versprechen. Dafür sorgen aber die alten, betriebswirtschaftlich abgeschriebenen Atomkraftwerke für um so höhere Gewinne. Außerdem sind sie um so störanfälliger, je älter sie werden. Die Kosten für die dann vermehrt anfallenden technischen Reparaturen werden auf die privaten Stromkunden abgewälzt. Siemens wird sich über lukrative Milliardenaufträge freuen.

Nach einem Gutachten des Ökoinstitutes können die Atomkraftwerksbetreiber durch die weitere Verlängerungen der Laufzeiten, wie es die CDU im Wahlkampf in Aussicht stellt, bis zu 31 Milliarden Euro an nominalen Zusatzgewinnen erzielen.(2)

Auf die zaghaften Forderungen der CDU , diese Gewinne dann zur Absenkung des Strompreises zu nutzen, entgegnete Walter Hohlefelder, Präsident des Deutschen Atomforums und Vorstand beim Atomstromlieferanten Eon: "Eine Gewinnabschöpfung ist ordnungspolitisch völlig inakzeptabel. Darauf können wir uns nicht einlassen. Welches Interesse sollten wirtschaftlich agierende Firmen an längeren Laufzeiten haben, wenn wir dadurch keinen Gewinn machen?"(3)

Der Chef der deutschen Atomgemeinde hat es allgemeinverständlich auf den Punkt gebracht: die "Renaissance der Atomenergie" dient der Maximierung der Unternehmensgewinne.

In der Propagandaschlacht wird aber nicht so offen argumentiert, sondern alle altbekannten und längst widerlegten Argumente pausenlos wiederholt. Die Versorgungssicherheit sei gefährdet, das Weltklima werde durch CO2 Einsparung gerettet, Atomstrom sei billig, die regenerativen Energien seien als Ersatz für fossile und atomare Energien ungeeignet. Es wird die Utopie beschworen, im Jahr 2050 stände mit dem Fusionsreaktor ITER in Frankreich das Perpetuum mobile bereit. Die Energie der Sonne ließe sich dann mit Hilfe der Fusionstechnik auf der Erde kopieren. Technische Zweifel werden von den Propheten der Atomgemeinde als kleingläubig abgetan.

Die Sonnenenergie, die täglich auf der Erde in Form von Licht, Wärme, Wind und Pflanzen in überschießender Menge deponiert wird, sinnvoll zu nutzen, wird hingegen als prinzipiell unwirtschaftlich und technisch nicht machbar abgetan. Die regenerativen Energien unterliegen dem permanenten Mobbing der finanzkräftigen und einflußreichen Atom- und Energiewirtschaft.

Die Urheber dieser Kampagnen sind also leicht auszumachen, wenn man fragt "cui bono" (wem nützt das). Schon schwieriger ist die Frage zu beantworten, wie und warum diverse Institutionen aus Wissenschaft, Politik, Ministerialbürokratie, Finanzwelt und Medien dazu gebracht werden, sich in eine solche Kampagne einbinden zu lassen. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Das „cui bono“ wird vernebelt und hinter Sprechblasen und Allgemeinplätzen versteckt.

Wie bringt man solch eine Kampagne überhaupt zum Laufen und erhält sie schon mehr als ein Jahr am Leben?
Dafür gibt es professionelle Werbeagenturen, die sonst Strategien für den Verkauf von Autos, Waschmitteln, Getränken oder Mode entwickeln. Sie kennen die Psychologie und Reflexe der Medienkonsumenten und Verbraucher, die alle vier Jahre zu Wählern werden.

Der entscheidende Punkt aber ist, daß die Medien dieses Spiel mitspielen. Die Medien sind in unserer Welt die alleinigen und unverzichtbaren Transporteure von Fakten, Meinungen und Lügen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Finanzwelt und dem ganz gewöhnlichen Leben.

Atomenergie sei trotz aller Risiken gut und unverzichtbar, Windenergie sei die Verspargelung der Landschaft, subventioniert und unwirtschaftlich. So lauten die unterschiedlich verpackten Klischees in fast allen großen meinungsbildenden Zeitungen und Zeitschriften. Mal wird von einem Kongreß oder einer Tagung berichtet, mal einem "Experten" die genehmen Fragen vorgelegt, dann werden Statistiken bemüht oder Fakten weggelassen.

Unabhängige Medien, gibt es die?


Niemand sollte den gnadenlosen Konkurrenzkampf der Medien unterschätzen und ihre Abhängigkeiten – nicht nur von den großen Anzeigenkunden. Niemand sollte die "ökonomische Zensur" der Journalisten vergessen, die schnell ihren Job los sind, wenn sie nicht der Linie des Hauses folgen.

Dazu schreibt der renommierte US-Professor Noam Chomsky: "Wenn man Medienkritik betreibt,(..) werden die jeweiligen Leute oft sehr wütend. Sie sagen dann ganz richtig: 'Niemand sagt mir jemals, was ich zu schreiben habe. Ich schreibe alles, was ich will. Dieses ganze Geschwätz über Druck und Einschränkung ist Unfug, weil keiner je irgendwelchen Druck auf mich ausübt.' Und das ist völlig richtig, nur daß es hier um etwas ganz anderes geht, nämlich um die Tatsache, daß sie ihre Position gar nicht inne hätten, wenn sie nicht vorher schon unter Beweis gestellt hätten, daß niemand ihnen sagen muß, was sie schreiben sollen. Es ist längst klar, daß sie das genau wissen. Wenn sie sich als angehende Reporter für die verkehrte Art von Geschichten interessiert hätten, hätten sie es nie zu Positionen gebracht, in denen sie sagen können, was sie wollen."(4)

Lassen wir uns von diesem Medienfeuerwerk der Atomlobby blenden? Glauben wir selbst insgeheim an die "Renaissance"?

Niemand braucht zum Experten von Energietechnik zu werden, um nachvollziehen zu können:

1. Lediglich 2,3 Prozent des weltweiten Endenergiebedarfes werden von der Atomenergie abgedeckt.(5) Umgekehrt beruhen also 97,7 Prozent nicht auf der Atomenergie. Um z.B. das weltweite CO2 Problem zu lösen, sind 2,3 Prozent Anteil eine absolut zu vernachlässigende Größe, egal wieviel CO2 tatsächlich mit der Atomtechnik eingespart wird.

2. Uran reicht noch für ca. 40-60 Jahre.(6) Wenn man die Zahl der Atomkraftwerke verdoppeln würde (in Deutschland also auf 34, weltweit auf 878) oder verdreifachen, oder vervierfachen, wie lange würde Uran dann reichen?

3. Ist der Schnelle Brüter zur Streckung der Uranvorräte der Ausweg? Alle Schnellen Brüter der Industrienationen bis auf einen in Rußland wurden wegen der nicht zu bewältigenden technischen Komplexität und sicherheitstechnischer Mängeln aufgegeben oder gar nicht erst fertiggestellt (Kalkar).

4. Längere Laufzeiten? Jeder mag überlegen, wann es beim eigenen Auto mit Verschleiß, Reparaturkosten und Sicherheitsmängeln anfängt und wann es unverhältnismäßig teuer oder gefährlich wird, weiter mit dem alten Auto zu fahren. Atomkraftwerke aber sind ungleich komplexer und jeder Unfall kann zum SuperGAU werden.

Mit ein bißchen logischem Denken und gesundem Menschenverstand können wir die Heilsversprechungen der Atomlobby durchschauen. Es geht um die Weichenstellung für die zukünftige Energiebasis: Monopolstellungen mit fossil-atomarer Großtechnik oder dezentrale Versorgung mit erneuerbaren Energien und entsprechenden intelligenten Energieeinspartechniken.

Der Weg erscheint bei den endlichen Vorräten von Öl, Gas, Uran und Kohle vorgegeben zu sein. Wenn einzelne Konzerne und Finanzinstitute diesen Weg aus Gründen ihrer wirtschaftlichen Macht und ihrer finanziellen Gewinne erst so spät wie möglich beschreiten wollen, mag das den Spielregeln des Kapitalismus gehorchen, ist aber menschenverachtend und verantwortungslos.

Beim derzeitigen Zustand der Welt ist die "Reanimation" der Atomenergie kontraindiziert.

Von Jürgen Hölzinger, IPPNW

 

Quellennachweis:

 

(1) Walter Hohlefelder, Präsident des Deutschen Atomforums und Vorstand beim Atomstromlieferanten Eon., Berliner Zeitung v. 9.8.2005. (2) Berliner Zeitung v. 10.8.2005(3) wie (1)(4) Noam Chomsky: Warum die Mainstreammedien „Mainstream“ sind, Z Media Institute 15.7.1997(5) www.facts-on-nuclear-energy.info(6) wie (5)

 

Foto: 

Sitemap Überblick