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Interview aus dem Forum 71/01

Der Schönauer Stromrebell

Strom für eine atomfreie Zukunft

Forum: Herr Sladek, Sie sind seit 1987 Mitglied der IPPNW und engagieren sich seit Jahren gegen die Atomenergie. Was war der Anstoß für Ihr ärztliches Engagement? Dr. Michael Sladek: Für mich war das Tschernobyl 1986. Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Ich war damals Pfarrgemeinderat in der katholischen Kirche und trat als überzeugter Christ für eine alternative Energiepolitik im Sinne der Schöpfungstheologie ein. Gemeinsam mit melner Frau, die Gründerin der Inltiative ,,Eltern für atomfreie Zukunft" ist, engagierte ich mich für ein atomfreies Schönau. Wir fragten uns, was wir selbst tun können, um schnellstmöglich auszusteigen und organisierten ab 1987 Stromsparwettbewerbe . Ein sinnvoller Umgang mit Energie steht für uns auch heute noch an erster Stelle. Gleichzeitig haben wir versucht, die Strukturen zu verändern und jahrelang daran gearbeitet, ein neues Energierecht zu verankern. Das alte stammte noch aus dem Jahr 1935 mit einem Führerbefehl von Adolf Hitler. 1989 nach der Wende haben wir zudem - leider erfolglos - die Volkskammerabgeordneten angeschrieben, damit das alte Energierecht in den neuen Bundesländern nicht übernommen wird. Nachdem wir gesehen haben, dass unser zentralistischer Ansatz nicht zum Erfolg führt, haben wir 1990 begonnen, die Infrastruktur selbst in dae Hand zu bekornrnen.

Forum: Durch Ihren Einsatz hat erstmals in Deutschland eine Bürgerinitiative die lokale Stromversorgung übernommen. Wie kam es zu der Gründung des Elektrizitätswerkes Schönau und mit welchen Widerständen hatten Sie zu kämpfen?

Dr. Michael Sladek: Da unser regionaler Energieversorger, die Kraftübertragungswerke Rheinfelden (KWR), unsere ökologischen Pläne überall behinderte und zu vereiteln versuchte, blieb uns nur eines übrig: die Stromversorgung selbst in die Hand zu bekommen, um unabhängig zu sein. Natürlich hatten wir bei diesem Plan auch mit massiven politischen Widerständen vor Ort zu kämpfen, weil die lokale Politik sich nicht vorstellen konnte, dass eine Bürgerinitiative zum Stromversorger werden kann. Nachdem wir die politische Mehrheit bei der Bevölkerung durch zwei Bürgerentscheide 1991 und 1996 mit Wahlbeteiligungen von über 85% gewonnen hatten, haben wir angefangen, Geld für den Kauf des örtlichen Stromnetzes von KWR zu sammeln.

Forum: Welchen Preis haben Sie für diese bundesweit beachtete Aktion einer Übernahme der kommunalen Stromversorgung bezahlt?

Dr. Michael Sladek: Die ursprüngliche Forderung der KWR für das Netz war 8,7 Millionen Mark, eine absolut überhöhte Forderung – dies wäre das teuerste Stromnetz in ganz Deutschland. Unsere Bewertung hat damals einen Preis von ca. 4 Mio. DM ergeben, die wir über eine breite Bürgerbeteiligung relativ schnell zusammenbekommen haben. 750 engagierte Bürger, die mit ihrem Geld etwas bewegen wollten, haben sich an der Finanzierung beteiligt. Zudem hat die gemeinnützige Bochumer GLS-Bank einen Fond für uns aufgelegt. Unseren errechneten Netzpreis hätten wir also in bar "auf den Tisch des Hauses" legen können... Doch die KWR beharrten auf ihrem überteuerten Netzpreis und da mussten wir uns dann wieder etwas einfallen.

Forum: Und wie haben Sie das restliche Geld für das 21 Kilometer langes Stromnetz samt 15 Trafostationen aufgebracht?

Dr. Michael Sladek: Das Problem war, das wir den überhöhten Teil es Preises nicht über Beteiligungen finanzieren konnten, da sich das Projekt sonst nicht wirtschaftlich darstellen ließ. Deswegen haben wir die bundesweite Spenden-Kampagne "Ich bin ein Störfall" initiiert. Die Störfall-Kampagne hat den Spieß einmal her: aufumgedreht: auf einmal waren wir die Anti-Atom-Aktivisten der Störfall für die Atomwirtschaft und zeigten ihr, dass ihre Macht nicht grenzenlos ist. Wir haben mit dieser Kampagne 2,5 Millionen Mark Spendengelder eingenommen. Es war für uns sehr beeindruckend, wie sich Leute für uns eingesetzt und dazu beigetragen haben, der Atomwirtschaft ein Stromnetz aus den Klauen zu holen! Junge BUND-Mitglieder haben z.B. ein Rockfestival initiiert, Menschen verzichteten auf Geschenke zu Festtagen und riefen zu Spenden für uns auf, Industrielle unterstützen uns mit Einzelspenden von bis zu 200.000 DM. Mit unseren Beteiligungen und diesen Spendengeldern konnten wir dann im Juli 1997 das Stromnetz kaufen. Diesen überhöhten Preis haben wir allerdings nur unter Vorbehalt gezahlt und klagen nun das zuviel bezahlte Geld von mehreren Millionen Mark wieder zurück. Gewinnen wir den Prozess stehen diese Spendengelder wieder für andere Energie-Projekte zur Verfügung.

Forum: Was ist das Besondere am Schönauer Strom und wieviele Kunden beziehen ihn bereits?

Dr. Michael Sladek: Als erstes haben wir in Schönau die Stromtarife durch den Wegfall einer Grundgebühr stromsparfördern gemacht. Zudem haben wir in Schönau eine erheblich bessere Einspeisevergütung für vor Ort erzeugten Ökostrom. So wurde z.B. die Vergütung von Strom aus Blockheizkraftwerken von 7 auf 14 Pfennig pro Kilowattstunde angehoben. Dadurch konnten schon 10 neue Blockheizkraftwerke ans Netz gehen. Nach der Liberalisierung des Strommarktes 1998 ist es uns gelungen, vorzeitig aus dem bestehenden Stromlieferungsvertrag für Schönau auszusteigen und uns unsere Stromproduzenten selbst auszuwählen: seit Mitte 1999 verkaufen wir daher keinen Atomstrom (und keinen Kohlestrom) mehr an alle unsere Kunden! Bundesweit gesehen, hat die Liberalisierung aber auch einen großen Nachteil: Ökologischer Strom wird im harten Preiswettbewerb an die Wand gedrängt und hat große Schwierigkeiten, sich zu behaupten. Um neue Ökostrom-Anlagen zu fördern, sind wir daher Mitte 1998 mit unserem Ökostrom ,,Watt- Ihr-Volt - Investstrom für eine atomfreie Zukunft" auf den Markt gekommen. Das ist ein sogenanntes Aufpreismodell. Der Kunde kann bei seinem bisherigen Energieversorger bleiben und bestellt bis uns über einen Zusatzvertrag eine bestimmte Menge ökologischer Stromproduktion. Der Aufschlag von 8 Pfennigen steht für die Förderung neuer Ökokraftwerke zur Verfügung, die sonst nicht wirtschaftlich wären. Für diesen Strom haben wir zur Zeit 1.200 Kunden bundesweit.

Forum: Mit Watt-IhrVolt präsentierten Sie als einer der ersten Energieversorger eine Ökostrommarke. Nun haben Sie auch die Strommarke Watt-Ihr-Spart eingeführt. Was hat es darnit auf sich?

Dr. Michael Sladek: Mit unserem Aufpreismodell hatten wir zwar etwas zur Förderung des Okostroms getan, doch der Grundstrom kam weiter aus dem allgemeinen Netz. Wir hatten nichts an der bestehenden Politik geändert. Nachdem im Herbst 1999 zunehmend auch die Belieferung von Haushaltskunden überall möglich war, konnten wir nun auch Strom nach z.B. Berlin oder Hamburg liefern. Watt Ihr Spart ist unser Markenstrom, bei dem der Strombezug komplett umgestellt wird, der Kunde wechselt seinen Energieversorger. Dafür haben wir bereits über 7.000 Kunden gewonnen. Der Strom kommt je zur Hälfte aus kommunalen Blockheizkraftwerken und aus Wasserkraft. Wie vorher schon gesagt, kann die Kraftwärmekopplung schwer gegen Strom aus alten abgeschriebenen Atomanlagen konkurrieren... Der teurere Einkauf für die Kraftwärmekopplung wird mit dem preiswerteren Wasserkraftstrom wieder ausgeglichen. auf diese Weise können wir ein sehr preisgünstiges und ökologische sinnvolles Produkt anbieten. Dabei ist entscheidend, dass wir unseren gesamten Strom nur von solchen Anlagen beziehen, die keinerlei finanzielle Verflechtungen mit der Atomwirtschaft haben - sonst fließt das Geld doch wieder in die gleichen Taschen und unterstützt die Unternehmenspolitik, die ja gerade nicht mehr unterstützt werden soll!

Forum: Tragen auch Kunden des Watt-Ihr-Spart-Tarifs zum Ausbau der Sonnenkraft bei?

Dr. Michael Sladek: Ja, man muss ja auch an morgen denken. Deshalb haben wir uns den Schönauer Sonnenpfennig ausgedacht, ein Pfennig, der unter anderem für den Neubau von Photovoltaikanlagen zur Verfügung steht. Die EWS investiert für jede verkaufte Watt-Ihr- Spart-Kilowattstunde noch zusätzlich einen Pfennig in die ökologische Stromerzeugung. Durch diesen Sonnenpfennig und unser Aufpreismodell ,,Watt-Ihr-Volt" sind bereits in über 110 Orten in ganz Deutschland Neuanlagen gefördert worden. Das entspricht zur Zeit über 300 kW Strom aus Photovoltaikanlagen und über 400 kW Strom aus Blockheizkraftwerken. Doch wir müssen noch viel mehr Strom verkaufen, so viel Anträge und Wünsche auf Förderung liegen uns vor. Die Fördergelder fließen dorthin zurück, wo unsere Stromkunden sitzen. Denn wir legen Wert auf dezentrale Systeme und lokale Wertschöpfung. In unserem Produkt steckt immer noch viel ehrenamtliche Arbeit, z.B. die ganze Auswahl und Betreuung der geförderten Projekte. Wir haben auch wie gesagt, kein Billigstromangebot, wie alle anderen Netzbetreiber, bei uns gibt es nur die eine Qualität! Kein Atomkraftgegner sollte mehr Atomstrom kaufen, denn nur wenn Atomstrom nicht mehr nachgefragt wird, können wir ihn aus dem Markt drücken.

Forum: Wer sind die Kunden der Schwarzwälder Stromrebellen?

Dr. Michael Sladek: Wir haben viele Arztpraxen, die bei uns Strom kaufen. Auch haben wir festgestellt, dass wir durch unseren Stromtarif für Gewerbebetriebe attraktiv sind. Wir haben auch zunehmend grö0ere Kunden: unser erster Kunde außerhalb von Schönau war die Firma Paradigma. Weitere Kunden sind z.B. Pfarrgemeinden und eine starke Gruppe kommt aus der anthroposophischen Bewegung: Wir versorgen inzwischen bereits 15-20 Waldorfschulen, überall verstreut in Deutschland. Und dann natürlich Privatleute, Haushaltsstromkunden in großer Zahl!

Forum: Jeder Einwohner in dem Schwarzwälder 2.600-Seelen-0rt südlich von Freiburg produziert statistisch gesehen eine Leistung von 25 Watt Sonnenstrom - so viel wie nirgends sonst zwischen Hochrhein und Ostsee. Wie kommt diese Leistung zustande?

Dr. Michael Sladek: Trotz massiven Widerstands des Denkmalamtes installierten wir 1999 die sogenannten ,,Schöpfungsfenster'' auf den Dächern der evangelischen Kirche und dem benachbarten Gemeindehaus, eine Photovoltaikanlage mit einer Kapazität von 55 Kilowatt. Damit sind wir im Moment Solarhauptstadt Deutschlands. 2 % unseres Strom kommt aus Photovoltaikanlagen. Seit der Stromübernahme sind fünf neue Photovoltaikanlagen hinzugekommen. Weitere Anlagen sind bereits in Planung.

Forum: Herr Dr. Sladek, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Angelika Wilmen.

Biographie:
1946 geboren in Murrhardt bei Stuttgart
1966-1972 Medizinstudium in Freiburg
1972-73 Medizinalassistent Schopfheim
1973-77 Lehr- und Wanderjahre
seit 1977 niedergelassener Allgemeinarzt in Schönau
1984 Eröffnung einer Gemeinschaftspraxis mit einem Internisten
1999 Dr. Michael und Ursula Sladek erhalten für ihr Engagement den Nuclear Free Future

Ansprechpartner


Henrik Paulitz
Referent für Energiepolitik
Tel. 06257-505-1707
Email: paulitz[at]ippnw.de

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