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IPPNW-Weltkongress

Plädoyer für ein neues Energiesystem

Rede von Hans-Josef Fell

Hans-Josef Fell, Mitglied des Deutschen Bundestags,
Bündnis 90 / Die Grünen
Rede am 10. September 2006
17. IPPNW Worldcongress


Erneuerbare Energien sind ein Schlüsselelement für die Lösung der lebensbedrohlichen ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen und friedenspolitischen Probleme dieser Erde. Der nicht mehr zu leugnende Klimawandel ist die größte Existenzgefährdung der Menschheit. Auch die steigenden Ölpreise fordern aus Gründen der Ökonomie, der Friedenssicherung und der sozialen Gerechtigkeit einen schnellen Ersatz für die zur Neige gehenden fossilen und atomaren Ressourcen. Die Energiepolitik ist deshalb ein Katalysator ökonomisch-ökologischen Gestaltens. In seiner Rede auf dem IPPNW-Weltkongress am 10. September in Helsinki hielt Hans-Josef Fell ein Plädoyer für Erneuerbare Energien.

Der heutige Weltenergiebedarf wird zu über 80 Prozent gedeckt von den schädlichen fossilen Energien, Erdöl, Erdgas und Kohle, sowie der nuklearen Energie aus Uran. Wobei schon hier fest zu halten ist, dass die Nutzung der atomaren Energien gerade mal den winzigen Anteil von 2,5% zur Deckung der Weltenergienachfrage beiträgt. Wenn Sie in anderen Statistiken sieben Prozent lesen, so sind dies unseriöse Statistiken, weil in ihnen auch die Abwärme über Kühltürme oder Aufheizung der Flüsse als Nutzenergie eingerechnet wird. Dieser klägliche atomare 2,5% Anteil an der Weltenergienachfrage bereitet aber gravierende Probleme, wie Atomwaffen, nukleare Abfälle, Uranbergbau, Sicherheitsgefahren, Menschenrechts-verletzungen, radioaktive Verseuchung und vieles mehr. Doch die Nutzung der fossilen Energien, Erdöl, Erdgas und Kohle sind von gleicher Zerstörungskraft wie die nuklearen Energien: Klimazerstörung, Kriege um Erdöl, bald auch um Erdgas; Landschafts- und Umweltzerstörungen durch Bergbau, Tankerunfälle; Krankheiten durch Luft- und Trinkwasserverschmutzungen; soziale Ungerechtigkeiten durch Gewinnmaximierung in wenigen Konzernen; beginnende Wirtschaftskrisen infolge von Ressourcenverknappung und vieles andere mehr.

Die Probleme des fossilen und atomaren Energiesystems sind so gravierend, dass es vollständig abgelöst werden muss. Geschieht dies nicht, wird die Menschheit selbst ausgelöscht werden. Zuvor wird ein weltweiter Abstieg in zunehmende Kriege und Verelendung durch eine Weltwirtschaftskrise uns alle schneller erreichen, als uns bewusst ist.

Doch die vollständige Ablösung der fossilen und atomaren Energien durch Erneuerbare Energien ist möglich und zwar schneller und kostengünstiger als heute diskutiert wird.
Schon allein das weltweite Potenzial der Erneuerbaren Energien ist um ein Vielfaches höher als der heutige Weltenergieverbrauch. Alleine der Wind könnte ein Vielfaches des heutigen Weltenergiebedarfs decken; die Sonne strahlt 15.000 mal mehr, als wir derzeit Energie in der Welt benötigen.

Doch wie sieht es mit den fossilen und atomaren Ressourcen aus? Schauen wir uns zunächst die Ölpreisentwicklung der letzten Jahre an. Wirtschaftswissenschaftler sind nicht mehr in der Lage die Ölpreise des kommenden Jahres richtig zu prognostizieren. In den letzten Jahren haben sie immer die Ölpreise zu niedrig eingeschätzt, wie auch in diesem Jahr, für das ein mittlerer Ölpreis von 52 Dollar das Barrel vorausgesagt wurde. An keinem Tag im Jahre 2006 lag er in der Nähe dieser Prognose, aktuell liegt er um die 70 Dollar. Die Fehlprognosen der Wirtschaftswissenschaftler sind verheerend für die Weltökonomie, da damit die vorausgesagten Wachstumsprognosen, Steuereinnahmen und Staatsausgaben nicht eintreten können. Die Ursache liegt darin, dass Wirtschaftswissenschaftler die tatsächliche Ressourcenlage der fossilen Energien ignorieren und stattdessen auf die beschwichtigenden Äußerungen der Internationalen Energieagentur und der Mineralölkonzerne vertrauen, die noch reichlich Erdöl in den kommenden Jahren prognostizieren.

Doch Erdölgeologen können heute eine exakte Vorausschau der zukünftigen Produktion eines Erdölfeldes und damit auch aller Felder dieser Erde machen. Die Analysen des Erdölgeologennetzwerkes, Association of the studying of peaking oil (ASPO), zeigen eindeutig auf, dass die Welt aktuell das Maximum der Erdölförderung überschreitet. Die rückläufige Produktion der großen Erdölfelder dieser Welt kann durch fieberhafte Suche und neue Erschließung nicht wettgemacht werden.

Doch gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Erdöl weiter an, wie die Prognosen aus China zeigen. Aber die für 2030 angepeilte Steigerung von heute etwa 7 auf 13 Megabarrel pro Tag Verbrauch wird es in China nie geben, weil die Welt niemals das Erdöl dafür liefern kann.

Die Welt steht am historischen Umkehrpunkt. Erstmals steht in den nächsten Jahren der steigenden Nachfrage ein sinkendes Angebot gegenüber. Die Folge werden weiter rasant steigende Preise und zunehmende Konflikte und Kriege um Erdöl sein. Wenn kein schneller Ersatz gefunden wird, steht die Welt am Rande einer gigantischen Wirtschaftskrise.

Große Hoffnungen werden in die zunehmende Nutzung von Erdgas gesetzt. Doch Erdgas wird die sich auftuende Erdölversorgungslücke nicht füllen können. Beispiel Europa: in weiten Regionen, so in Großbritannien, den Niederlanden, Deutschland, Italien ist die Erdgasförderung bereits deutlich rückläufig. Die Förderausweitungsmöglichkeiten in Norwegen, Russland und Nordafrika werden die Rückgänge in anderen Regionen nicht ausgleichen können. Vor allem auch, da gerade Russland zunehmend in andere Regionen, wie China, Japan und auch in die USA über Flüssiggas exportieren will. Die Hoffnungen auf Erdgas aus Iran, dem einzigen Land, wo noch deutliche Fördersteigerungen möglich sind, kann ich nicht nachvollziehen, angesichts der Atompolitik von Präsident Ahmadinedschad. Wer heute noch neue Erdgaskraftwerke fordert, sei es aus Klimaschutzgründen oder als Ersatz für Atomreaktoren , wird chancenlos sein und neue Konflikte schüren. Die russisch- ukrainische Erdgaskrise sollte eine erste Mahnung sein.

Die zunehmenden Versorgungsprobleme von Erdöl und Erdgas führen immer mehr in neue Kohleinvestitionen. Dies ist fatal. Kohle ist der schmutzigste Energieträger, mit den höchsten Kohlendioxidemissionen. Besonders schlimm wird es kommen, wenn Kohleverflüssigung zur Treibstoffgewinnung als Erdölersatz sich durchsetzen sollte. Auch so genannte CO2-freie Kohlekraftwerke und CO2-Abscheidung und Lagerung (CCS) sind keine Lösungen, da sie erstens nicht realisierbar sein werden und zweitens auch nicht die klassischen Probleme der Kohlenutzung und Förderung lösen werden.

Schon allein die rasant fortschreitende Klimaveränderung mit ihren bereits heute vorhandenen desaströsen Auswirkungen der zunehmenden Schäden durch Hurrikans, Starkregen, Dürren, Waldbrände, Schneekatastrophen, Gletscherschmelzen muss zu einer möglichst schnellen Beendigung der Nutzung von Erdöl, Erdgas und Kohle führen. Die drastische Zunahme der Schäden durch Klimaveränderungen zeigen uns die Statistiken der Münchner Rück, als einer der größten Rückversicherungsanstalten der Welt. So hat alleinder Hurrikan Catrina, der New Orleans zerstörte, 200 Mrd US Dollar an Versicherungsschäden verursacht; das entspricht etwa einem Drittel aller klimabedingten Schäden dert gesamten 1990er Jahre.

Klimaschutz kann nicht mehr wie in den Kyoto - Zielen angestrebt mit Emissionsminderungen geleistet werden. Der einzig mögliche Klimaschutz gelingt nur noch mit einem Stopp der Emissionen und mit einer Strategie zur Herausholung von Kohlenstoff aus der Atmosphäre.
Dies alles ist gleichbedeutend mit einer Beendigung der Nutzung der fossilen Rohstoffe und zwar für Energie und Chemie gleichzeitig.
Nun gibt es aus Klimaschutzgründen in der Welt eine verstärkte Debatte zur Nutzung der Atomenergie. Doch es ist völlig absurd, mit Nuklearenergie einen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz zu gewinnen. Wenn in den nächsten 20 Jahren mit Hilfe der Atomenergie nur 25 % der heutigen Kohlendioxidemissionen vermieden werden sollten, müssten 4.000 neue Kernkraftwerke gebaut werden, d.h. jeden zweiten Tag müsste von heute beginnend ein neues Atomkraftwerk ans Netz. Allerdings könnten dann alle Reaktoren der Welt in etwa 10 Jahren nicht mehr betrieben werden, da das nutzbare Uran der Erde verbraucht sein dürfte.
Wie wenig realistisch eine ambitionierte Atomausbaustrategie sein kann, zeigt auch ein Blick in die Vergangenheit. In den 1970er Jahren wurden für das Jahr 2000 schon einmal etwa 4.000 Kernkraftwerke vorausgesagt und als Planungshorizont angegeben, ähnlich wie heute die weltweiten Ankündigungen. Realisiert sind bis heute lediglich 440, wobei jedes einzelne natürlich schon eines zu viel ist. Dieses fast völlige Versagen der Nuklearindustrie geht aber einher mit der höchsten Forschungsförderung.

Etwa 90 Prozent aller Energieforschungsmittel der letzten 50 Jahre wurden für die Kernenergie ausgegeben, was zur kläglichen Energiebedarsfdeckung von 2,5% der Weltenergienachfrage führte. Die Nuklearforschung ist der größte Forschungsflop der Welt. Doch daraus hat keine Regierung etwas gelernt. Fließen doch gerade im aktuell beschlossenen 7. Forschungsrahmenprogramm der EU und über EURATOM in den nächsten 7 Jahren etwa 4 Mrd EURO in die Nuklearforschung und weniger als 1 Mrd EURO in Erneuerbare Energien, eine skandalöse und unverantwortliche Schwerpunktsetzung.

Aus dieser desaströsen Analyse des fossilen und atomaren Energiesystems lässt sich nur ein Schluss ziehen: Wir müssen alles daran setzen, eine sofortige Strategie für die vollständige Umstellung auf Erneuerbare Energien durchzusetzen. Dies ist vor allem gleichbedeutend damit, dass sofort jegliches Energieinvestment nur noch in Erneuerbare Energien gelenkt werden sollte.
Die Vorteile eines solaren Energiesystems liegen auf der Hand: es gäbe keine fossilen Kohlendioxidemissionen mehr, die Energieversorgungssicherheit wäre gesichert, Luft- und Bodenverschmutzung wären weitgehend beendet, ebenso Kriege um Ressourcen. Auch würde die Energieversorgung wieder bezahlbar; denn je mehr wir die Erneuerbaren Energien nutzen, desto billiger werden sie. Zudem würden keine neuen nuklearen Probleme mehr verursacht. Beschleunigt wird der Umbau des Energieversorgungssystems, wenn wir auch die hohen Energieeinsparpotentiale vielfach nutzen.
Deutschland hat diese Herausforderung angenommen. (...) Dazu gehören nicht nur die vielen Gesetze zur Unterstützung der Erneuerbaren Energien, sondern auch der Atomausstieg und die Ökosteuer.

Das (...) Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) hat bereits heute beeindruckende Erfolge zu verzeichnen. So ist der Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch 2006 auf etwa 12% gestiegen. Noch im Jahre 2000, als das EEG verabschiedet wurde, hatte niemand einen Anteil von 12 Prozent an der deutschen Stromversorgung für das Jahr 2010 für möglich gehalten. Dies beweist: wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen, dann ist die Gesellschaft und die Industrie in der Lage mit hohen Wachstumsraten den Ausbau zu vollziehen. Entscheidend sind die richtigen Gesetze, mutige Unternehmer und Wissensvermittlung in der Gesellschaft.
Die Ausbaugeschwindigkeiten in den einzelnen Bereichen der Erneuerbaren Energien sind in Deutschland atemberaubend.

So hat sich die Windenergie seit 1998 bis 2005 mehr als versechsfacht.
Die Fotovoltaik wurde im gleichen Zeitraum auf das 28 fache gesteigert.
Auch die Kleinwasserkraft konnte nach jahrelanger Stagnation wieder zulegen.

Die installierte Biogasleistung konnte um das 15 fache gesteigert werden. Allein 2005 wurden 300 MW elektrischer Leistung zugebaut, ca. ¼ der Leistung eines großen Atomkraftwerks.

Über 10 große Geothermieprojekte sind bereits im Bau oder in der konkreten Planung. In Deutschland könnte die Tiefenerdwärme vollständig die Grundlaststromerzeugung aller Atom- und Kohlekraftwerke ersetzen.

Mit Hilfe der erhöhten Forschungsförderung für die solarthermischen Kraftwerke konnte kürzlich die Grundsteinlegung für das erste europäische Parabolspiegelkraftwerk in Spanien gefeiert werden.

Auch weitere neue Kraftwerksarten könnten bei entsprechenden Anstrengungen genutzt werden:
Wellenkraftwerke, Meeresströmungskraftwerke oder Salzkraftwerke.
Der Neubau von Holzpelletheizungen wurde von 1998 bis 2004 um das 28 fache gesteigert
Der Verbrauch von Biokraftstoffen wurde 2005 um das 24 fache auf 2 Mio Tonnen gesteigert.

Dabei könnte man auch im Verkehr längst emissionsfrei fahren, hätte die Automobilindustrie die elektrischen Solarmobile zur Serienreife entwickelt. Sie sehen hier mein Solarmobil vor der kürzlich eingeweihten weltgrößten Photovoltaikanlage in der Nähe meines Wohnortes.

Doch es ist nicht nur wichtig, dass Gesetze für Erneuerbare Energien beschlossen werden. Sie müssen auch richtig und zielführend sein. Entscheidend ist, dass sie den Investoren für Erneuerbare Energien ökonomische Grundlagen und eine Renditeerwartung bieten. Anders haben sie durch das von Gewinnmaximierung der Atom-, Kohle- und Mineralölkonzerne dominierte Energiegeschäft keine Chance. Am Beispiel Großbritanniens können Sie das nachvollziehen:
Obwohl dort viel mehr Wind weht als in Deutschland, ist dort der Windstrom wesentlich teurer und es sind kaum Windparks entstanden. Der Grund ist, dass die von den Konzernen durchgesetzten Ausschreibungsregeln und Quotengesetze, die im Gegensatz zu wirkungsvollen Einspeisevergütungsgesetzen (EEG) wie in Deutschland oder Spanien faktisch wirkungslos sind.

Dabei sind auch die oft kritisierten Mehrkosten für Erneuerbare Energien in Deutschland sehr gering. So müssen die Stromkunden lediglich 0,56 Cent pro kWh mehr bezahlen. Dies ist bei einem durchschnittlichen Strompreis von 19,6 Cent sehr wenig.

Dafür hat aber Deutschland eine neue Industrie entwickelt, die auch im Exportgeschäft immer mehr Erfolge erzielt und vor allem viele neue Arbeitsplätze schafft. Waren 1998 erst 30 000 Beschäftigte in der Branche Erneuerbare Energien beschäftigt, so sind es Ende 2005 bereits 170 000, mit rasch steigernder Tendenz.
Meine Damen und Herren,
Sie sehen am Beispiel Deutschlands, aber auch in Spanien und anderen Ländern, dass ein schneller Umstieg auf Erneuerbare Energien machbar ist. Gleichzeitig bekommen wir damit wirklichen Klimaschutz, bezahlbare Energiepreise, Energieversorgungsicherheit und eine friedlichere Welt. Der beste Weg die zerstörerische Atomenergie überflüssig zu machen ist die Umstellung auf Erneuerbare Energien.
Ich wünsche mir eine große Kraft gegen die Profitinteressen der Energiekonzerne. Sie sollte auch von diesem Kongress ausgehen, damit der weltweite Weg in das Solarzeitalter beschleunigt beschritten werden kann.

Hans-Josef Fell ist Mitglied des Deutschen Bundestages und Sprecher für Energie, Technologie und Energieexperte der Bundestagsfraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN.


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