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Erneuerbare Energien können die nuklear-fossilen Energieträger zügig ablösen

100 Prozent erneuerbar

08.02.2007

Im Zuge des Streits um die Atomenergie laufen auch um die künftigen Ausbaupotenziale der erneuerbaren Energien und um die Realisierungsmöglichkeit der so genannten Energiewende seit vielen Jahren Streitereien, die fachlich nicht haltbar sind.

Das 1990 vom Bundestag parteiübergreifend verabschiedete Stromeinspeisegesetz war die Grundlage für einen beispiellosen Boom beim Ausbau der Wind und Solarenergie. Jährliche Wachstumsraten bis über 90 Prozent (Windenergie im Jahr 1994) bzw. über 120 Prozent (Solarenergie/Photovoltaik im Jahr 1992) wie in diesen beiden Segmenten der Energiewirtschaft kann sonst kaum ein anderer Wirtschaftszweig vorweisen. Das Ergebnis dieser beeindruckenden Entwicklung stellt längst die Atomenergie in den Schatten.

Im Jahr 2005 hatten die erneuerbaren Energien einen Anteil von 6,4 Prozent an der Endenergieerzeugung für Strom, Wärme und Verkehr [Bundesumweltministerium, Erneuerbare Energien in Zahlen – nationale und internationale Entwicklung, Mai 2006, S. 10].

Beitrag zur Energieversorgung der Erneuerbaren schon heute größer als der der Atomenergie

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) wies auf dem bemerkenswerten Umstand hin, dass die erneuerbaren Energien 2005 mit ihren 6,4 Prozent schon jetzt einen höheren Beitrag zu dem für die Energieversorgung tatsächlich relevanten Endenergieverbrauch beitrugen als die Kernenergie mit nur 5,7 Prozent [BEE, Aktueller Endenergieverbrauch, www.bee-ev.de/uploads/Endenergieverbr_2005a.pdf, undatiert, S. 3].

Auch in der EU trugen die erneuerbaren Energien bereits im Jahr 2003 mit ihren damals 25 Mitgliedstaaten mit 8,57 Prozent wesentlich mehr zur Endenergieversorgung bei als die Kernenergie mit nur 6,43 Prozent. Weltweit lagen die erneuerbaren Energien 2003 mit 20,37 Prozent noch deutlicher vor der Kernenergie mit nur 2,54 Prozent [ebd., S. 4f.].

 

Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien ist in wenigen Jahrzehnten realisierbar

Eine vollständige Deckung des deutschen, des europäischen wie auch des Weltenenergiebedarfs mit erneuerbaren Energien ist zweifellos möglich.

Selbst der Ölmulti Shell gibt zu, dass im Jahr 2050 weltweit so viel Energie aus erneuerbaren Energien gewonnen werden kann, wie die Menschheit heute verbraucht. Sonne, Wind, Wasser und Biomasse und andere erneuerbare Energien könnten demnach im Jahr 2050 eine Primärenergiemenge von 580 Exajoule bereitstellen. Das wäre weit mehr als die globale Primärenergieproduktion des Jahres 1997: damals wurden 390 Exajoule verbraucht [vgl. Manfred Fischedick, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, Globale Energieversorgung – der Klimakollaps ist vermeidbar, undatiert, S. 2].

Auch Joachim Nitsch zeigte mit seinem Weltenergieszenario "Solar Energy Economy" (SEE) auf, dass die erneuerbaren Energien bis 2050 rund 490 Exajoule und somit weit mehr Energie liefern können, als heute weltweit verbraucht wird [Joachim Nitsch, Ein globales Nachhaltigkeitsszenario, Stuttgart, Mai 2004].

Zahlreiche weitere Studien für Europa, Frankreich und die USA zeigten die Möglichkeit einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien auf [Harry Lehmann, Solare Vollversorgung für Europa, 2000, vgl. Solarzeitalter 03/2000; Alter, Studie über eine langfristige Energiezukunft Frankreichs auf der Grundlage einer 100% Energieversorgung aus erneuerbaren Energien, Le Groupe de Bellevue, vgl. Solarzeitalter 04/2000; Die IIASA-Studie für eine vollständige Energieversorgung Westeuropas mit erneuerbaren Energien, 1982, von N. Nakicenovic und S. Messner, vgl. Solarzeitalter 01/2002; Die von US-Präsident Carter 1980 in Auftrag gegebene Studie des Energy and Defense Project über die Vollversorgung der USA mit erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2050, vgl. Solarzeitalter 01/2003].

Während die Planungen und der Bau fossiler und atomarer Großkraftwerke viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte beanspruchen und zu erheblichen technischen Schwierigkeiten führen (vgl. z.B. poröser Beton beim Europäischen Druckwasser-Reaktor EPR in Finnland), erfolgt der Ausbau der erneuerbaren Energien schnell und effizient. Wären die Widerstände seitens der Atomwirtschaft nicht nach wie vor so groß, dann könnte sich noch eine ganz andere Wachstumsdynamik einstellen, die die als optimistisch geltenden Prognosen in den genannten Studien noch bei weitem in den Schatten stellen würden.

Die Enquete-Kommission "Nachhaltige Energieversorgung unter den Bedingungen der Globalisierung und Liberalisierung" des Deutschen Bundestages hat im Jahr 2002 ein Energieszenario vorgestellt, das eine Vollversorgung Deutschlands mit erneuerbaren Energien bis 2050 vorsieht, und zeigt dass die gesamte deutsche Energieversorgung mit erneuerbaren Energien realisierbar ist [vgl. Solarzeitalter 04/2003, S. 20-24].

 

Enquete-Kommission 2002: Vollversorgung Deutschlands bis 2050

 Eine Studie für die europäische Solarenergievereinigung EUROSOLAR kommt zu dem Ergebnis, dass die in Deutschland bis zum Jahr 2020 zu ersetzenden Atomkraftwerke und fossilen Kraftwerke bei einer Energie-Effizienzsteigerung von 1 Prozent pro Jahr fast vollständig durch Windenergie, Photovoltaik (Solarstrom) und Biomasse substituiert werden können [Institute for Sustainable Solutions and Innovations, Stefan Peter und Harry Lehmann, Das deutsche Ausbaupotential Erneuerbarer Energien im Stromsektor, EUROSOLAR-Studie über die Möglichkeiten eines Verzichts auf neue konventionelle Großkraftwerke, 2004].

 

Zügiger Ausbau möglich

 Wenn man bedenkt, wie schnell andere Kleingeräte wie etwa DVD-Player und dergleichen in den Markt "gedrückt" werden, kann man erahnen, welche Beschleunigungen im Bereich der erneuerbaren Energien noch erwartbar sind, wenn erst einmal die Atomkraftwerke abgeschaltet sind.

Fazit: Je schneller die deutschen Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke stillgelegt werden, desto schneller erfolgen die Impulse für einen sparsamen Umgang mit Energie und für den notwendigen Strukturwandel hin zu den erneuerbaren Energien.

Von Henrik Paulitz

 

 

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