Auf Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes sollte heute Abend in Bensheim bei Darmstadt ein öffentliches Streitgespräch zwischen dem Betriebsratsvorsitzenden des RWE-Kraftwerks Biblis, Reinhold Gispert, und dem IPPNW-Atomexperten Henrik Paulitz stattfinden. Der RWE-Mann hatte schon im Vorfeld immer wieder gezögert, ob er sich der politischen Diskussion stellen will. Heute gegen 10.45 Uhr teilte Gispert mit, dass er nicht mehr dazu bereit sei, an der Veranstaltung teilzunehmen. Grund: Er habe zu kurzfristig erfahren, dass sein Diskussionspartner Overhead-Folien benutzen wolle. Dies sei ein Vorteil, den er nun nicht mehr aufholen könne. "RWE hätte sich vor meinen Folien nicht so sehr fürchten müssen", so Paulitz. Die erste Folie, die er heute Abend auflegen werde, bestehe aus den beiden Sätzen: "Seit über 30 Jahren streitet diese Gesellschaft über die Atomenergie. Vernünftige Menschen können sich einigen." Wir dokumentieren im folgenden die Texte der beanstandeten Overhead-Folien für das Eingangsstatement.
Ausgangspunkt
1. Seit über 30 Jahren streitet diese Gesellschaft über die Atomenergie
2. Vernünftige Menschen können sich einigen
Wem nützt der Streit um die Atomenergie?
Fakt ist: Der Streit um die Atomenergie teilt die Gesellschaft in zwei verfeindete Lager
Parteien, die sich vor Wahlen unterscheidbar machen müssen, hilft es, weil sie Wähler an sich binden
Den Managern der Energiekonzerne nützt es, weil es so keinen gemeinsamen gesellschaftlichen Druck für eine andere Energiepolitik gibt.
Praktisch für die Manager: Im Windschatten des Atomstreits - der vor allem mit dem Klimaargument geführt wird - planen sie allein in Deutschland 24 neue fossile Großkraftwerke
Warum gehen Atomkraftgegner und Befürworter deswegen nicht gemeinsam auf die Barrikaden?
Wie lange können wir im Winter noch heizen?
Wir waren vorgewarnt: Ölpreiskrisen der 1970er Jahre
Eine erneute Warnung: Erdgasstreit im Winter 2005/2006
Die Preise für Energie steigen dramatisch
Gründe:
- spekulative Effekte
- Gewinnabschöpfung durch Gebietsmonopole
- schwache staatliche Preisaufsicht
- knapper werdendes Erdöl und Erdgas
Warum haben wir es zugelassen, dass immer nur über den Stromsektor gestritten wird, statt uns um den Verkehrssektor und um den Wärmesektor zu kümmern?
Wie konnten wir es zulassen, dass die Erdgaswirtschaft die ganze Republik mit Erdgasleitungen verrohrt hat, obwohl schon vor 30 Jahren bekannt war, dass Erdgas knapp und teuer wird?
Kriege um knappe Rohstoffe?
Was machen deutsche Soldaten
- in Afghanistan
- im Kaukasus
- auf dem Balkan
- im Sudan
- in Kongo
- im Irak
- demnächst im Iran?
Es geht um Erdöl, Erdgas und um Pipelines
Wie konnten wir zulassen, dass 30 Jahre nach der Ölpreiskrise
- unser Verkehrssystem noch immer vom Öl abhängig ist?
- der Wärmesektor noch immer von Öl und Gas abhängig ist?
Was ist zu tun?
Ölmulti Shell:
Schon im Jahr 2050 kann weltweit so viel Energie mit erneuerbaren Energien gewonnen werden wie heute weltweit verbraucht wird.
Energieszenarien für Deutschland und Europa:
Energiesparen
Energie-Effizienz
+
Solarstrom
Solarwärme
Windstrom
Wasserkraft
Biomasse Strom/Wärme
+
Speichertechnologien (u.a. Wasserstoff)
Welche Rolle spielt die Atomenergie?
1. Atomenergie bietet keine langfristige Perspektive
- Uran reicht nur noch wenige Jahrzehnte
- Uranpreise steigen steil an
- Kriege um knappes Uran sind künftig möglich
2. Atomenergie ist überflüssig
Atomstrom deckte im Jahr 2001 nur 2,3 Prozent
des weltweiten Energieverbrauchs
Atomstrom deckt nur etwa ein Zehntel
des Energiebedarfs in Deutschland
Fazit: Allein aus diesen Gründen erübrigt sich eigentlich eine weitere Diskussion um die Atomenergie
Wie sicher sind deutsche Atomkraftwerke?
Internationaler Vergleich der OECD 1997Wasserstoffkonzentration nach Kernschmelze Biblis B: 19% Anlagen im Ausland: 10-15%Druckaufbau im Sicherheitsbehälter nach Wasserstoffexplosion Biblis B: 11,7 bar Anlagen im Ausland: 6,3 - 9,4 bar
Versagensdruck des Sicherheitsbehälters
Biblis B: 8 bar
Anlagen im Ausland: 7,8 12 bar
Material des Sicherheitsbehälters
Biblis B: Stahl
Anlagen im Ausland: meist Beton
Ergebnis
Biblis: Super-GAU
Anlagen im Ausland: Kein Super-GAU
Fazit: Der Sicherheitsbehälter aus Stahl ist eine gefährliche Fehlkonstruktion der deutschen Atomkraftwerke
Was bringen Nachrüstungen?
Im Atomkraftwerk Biblis B wurden Wasserstoff-Rekombinatoren nachgerüstet
Sie sollen den entstehenden Wasserstoff katalytisch verbrennen, bevor es zur Explosion kommt
Experimente im (Atom )Forschungszentrum Jülich:
1. Die Rekombinatoren funktionieren oft nicht
2. Wenn sie funktionieren, bauen sie den Wasserstoff nur sehr langsam ab
3. Wenn sie funktionieren, werden sie so heiß, dass sie den Wasserstoff zünden und somit die Wasserstoff Explosionen herbeiführen, die sie eigentlich verhindern sollen
Wie gut kann RWE rechnen?
Auf Basis von "alten Berechnungen" wurden im Notkühlsystem von Biblis B "Stoßbremsen" eingebaut
Vorkommnis: Am 23. Februar 1995 kam es in Biblis B zu einem gefährlichem Leck. Mit-Ursache: eine falsch eingestellte Stoßbremse
Auf Basis von "neuen Berechnungen" wurden die Stoßbremsen in Biblis B wieder ausgebaut
Fazit: Entweder die alte oder die neue Berechnung ist falsch
Atomgesetz: Betreiber wie RWE müssen über die erforderliche Zuverlässigkeit und Fachkunde verfügen
Was passiert in Biblis bei schlechtem Wetter?
IPPNW warnt im Dezember 2003 die Hessische Atomaufsicht vor fehlerhafter Verbund-Netzanbindung von Biblis B
Gefährliches Vorkommnis am 8. Februar 2004.
Ursachen: Unwetter & fehlerhafte Netzanbindung
Folgen:
Ausfall des ersten Hauptnetzanschlusses
Ausfall des zweiten Hauptnetzanschlusses
Ausfall des Reservenetzanschlusses
Versagen der Eigenbedarfsversorgung
Versagen der Notstandsstromversorgung für Block A
"Notstromfall"
Der Notstromfall zählt zu den "auslösenden Ereignissen", die nach offiziellen Risikostudien zum Super-GAU führen können
Wie viele Sicherheitslücken hat Biblis B?
Die IPPNW hat offiziellen Gutachten zu Biblis B etwa 50 schwerwiegende Sicherheitsdefizite entnommen, z.B.:
Unzureichende Erdbeben-Auslegung
Unzureichender Hochwasser-Schutz
Unzureichender Schutz gegen Flugzeugabsturz
Fehlende räumliche Trennung der Sicherheitssysteme
Sicherheitsbehälter aus Stahl
Etc. etc.
Akzeptiert die Bevölkerung das Risiko?
Drei Viertel der Bevölkerung ist nicht dazu bereit, das Risiko der Atomenergie zu akzeptieren.
Selbst wenn es nur ein Viertel der Bevölkerung wäre, stellt sich die Frage: Darf man in einem demokratischen Rechtsstaat einen nennenswerten Teil der Bevölkerung dazu zwingen, sich einem erheblichen Risiko auszusetzen, dem man sich nicht entziehen kann, zumal die Atomenergie für die Energieversorgung nicht erforderlich ist?
Sind 30 Jahre nicht genug?
Warum sagen Sie nicht einfach:
"Wir haben 30 Jahre lang unseren Spaß gehabt. Auch wenn wir der Überzeugung sind,
dass das Unfallrisiko gering ist, akzeptieren wir, dass es in erheblichen Teilen der Bevölkerung keine Akzeptanz für das verbleibende Risiko gibt. Das Atomkraftwerk Biblis war nur für rund 19 Jahre konzipiert. Wir können daher akzeptieren, die Anlage jetzt nach rund 30 Jahren stillzulegen.
Jenseits der Frage der Atomenergie-Nutzung sehen auch wir die Notwendigkeit, die Blockade in der Energiepolitik zu beenden. Wir wollen weder klimaschädliche, fossile Großkraftwerke
noch neue Kriege um die letzten Rohstoffe dieser Erde."
Von Henrik Paulitz
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