Es geht also wieder los. Atomkraftwerke sprießen wie Pilze aus dem Boden. Von Finnland bis China und Indien, über USA und Türkei hallt die Kunde von der Wiederauferstehung einer bereits tot geglaubten Technologie. Doch in Wirklichkeit handelt es sich hier um den Effekt einer langfristigen und teuren Propagandakampagne der Atomindustrie und ihrer Lobby - an deren Effizienz sich unfreiwilligerweise auch die Anti-AKW-Bewegung mit ihrem oft undifferenzierten "es-geht-wieder-los" Geschrei beteiligt hat - eine Kampagne, die sich bereits nach überraschend kurzer Analyse als weißer Elefant herausstellt.
Anfang März 2006 waren weltweit 443 Atomkraftwerke in 31 Ländern in Betrieb. Diese produzieren 16 % des kommerziellen Stroms, 6 % der kommerziellen Primärenergie und etwa 2 % der Endenergie in der Welt, nicht mehr als die Wasserkraft. Die sechs größten Atomstromer, USA, Frankreich, Japan, Deutschland, Russland und Südkorea produzieren alleine drei Viertel des Atomstroms in der Welt. In der EU produziert ein einziges Land, Frankreich, 45 % des Atomstroms. Der unbemerkte Ausstieg hat in der EU schon lange begonnen. Die Höchstzahl an laufenden Anlagen wurde bereits 1989 mit 172 Reaktoren erreicht. Heute sind es nur noch 148 Anlagen. Während man 2005 mit großem Brimborium einen Neubau in Finnland feierte oder beweinte, gingen - ohne viel Medienpräsenz - wieder zwei Anlagen in der EU vom Netz (Barsebäck-2 in Schweden und Obrigheim in Deutschland).
Die Wiener Internationale Atomenergieorganisation listet Anfang März 2006 weltweit 25 Anlagen als "im Bau" auf. Das sind, bei fast gleicher Anzahl von in Betrieb befindlichen Anlagen, etwa 20 Blöcke weniger als noch vor 10 Jahren! Außerdem befinden sich neun dieser Reaktoren bereits seit 18 bis 30 Jahren auf dieser zweifelhaften Liste. Rekordhalter ist übrigens ein Meiler, dessen Bau Siemens 1975 als einen von zwei Blöcken... im Iran startete. Das Kraftwerk soll nun von russischen Fachleuten betriebsfertig gemacht werden. Nur eine der 16 übrigen "im Bau" befindlichen Anlagen steht nicht in Asien, jener Reaktor, der unter dem Namen "EPR", soll heißen "European Pressurized Water Reactor", in Finnland gebaut wird. Eigentlich handelt es sich hier um Etikettenschwindel, denn die Schlüsselkomponenten Reaktordruckbehälter und Dampferzeuger werden in Japan hergestellt. Dabei gibt es offensichtlich bereits Probleme bei der Qualitätskontrolle des Druckbehälters. Derweil hinkt nach einem knappen Jahr Bauzeit in Finnland die Planung bereits neun Monate hinterher. Und die Sorgen fangen gerade erst an, gibt es doch Stimmen, die sagen, dass technische Spezifikationen für den Beton eines drei Meter dicken Fundamentes nicht eingehalten wurden. Warum baut gerade Finnland als erstes und bisher einziges europäisches Land seit Jahrzehnten wieder ein AKW? Finnland hat über die Preispolitik den pro-Kopf Stromverbrauch explodieren lassen, der sich in 20 Jahren verdoppelt hat. Fast jeder dritte Finne heizt heute mit Strom, eine kolossale Energieverschwendung, denn man verbrennt erst den Brennstoff bei hohen Abwärmeverlusten im Kraftwerk, transportiert dann den Strom unter zusätzlichen Netzverlusten zum Verbraucher, der ihn dann wieder in Wärme umwandelt. Dümmer geht's nimmer. Außerdem haben billige Strompreise jeden Anreiz für Effizienz im Industriesektor gekillt und, im Gegenteil, die Ansiedlung von energieverschwenderischer Industrie favorisiert. Wäre der Pro-Kopfverbrauch in Finnland auch nur etwa auf dem deutschen Level, der immer noch über dem EU-Durchschnitt liegt, dann würden die Finnen das Dreifache der erwarteten Produktion des EPR oder gar das Doppelte der Stromproduktion der vier bereits laufenden AKW zusammen einsparen. Nur, es gibt eben keine Effizienzpolitik in Finnland, die diesen Namen verdienen würde. Dort werden Verbrauchskurven in die Zukunft extrapoliert, so als gelte es dem Schicksal hinterherzulaufen, anstatt die Zukunft zu gestalten.
Ja und China? China orderte 1985 sein erstes kommerzielles AKW mit zwei Blöcken von einem britisch-französischen Konsortium. Der Deal galt damals als klassischer Türöffner. Es spielte keine Rolle, dass die französische EDF öffentlich zugab, wenn auch nicht ihr Hemd, doch "goldene Manschettenknöpfe" bei dem Transfer zu verlieren. Schließlich hatte China für das Jahr 2000 bereits eine installierte Nuklearkapazität von 20.000 MW, etwa 20 Einheiten, angekündigt. Die Reaktorbauer versprachen sich ein Milliardengeschäft. Doch zur Jahrhundertwende waren gerade mal 10 % der "geplanten" Kapazität am Netz. Die abenteuerlichen Vorhersagen waren unterdessen weitergegangen. 1996 verkündete die China National Nuclear Corporation (CNNC), nun würden die 20.000 MW zum Jahre 2010 erwartet. Heute sind ganze 7.000 MW in Betrieb, die 2 % des chinesischen Stroms bereitstellen (weniger als die Windkraft in Deutschland) und bis 2010 werden es höchstens 10.000 MW sein. Denn auch wenn in den nächsten Jahren weitere Anlagen in Bau gehen sollten - bestellt sind noch keine ! - so werden in vier Jahren angesichts der langen Vorlaufzeiten bestenfalls zusätzlich die drei heute bereits im Bau befindlichen Anlagen am Netz sein. Und man kann doch tatsächlich in den Zeitungen der Kollegen lesen, dass 2020 bis zu 40.000 MW Atomkraftwerke in China Strom produzieren sollen...
Die chinesischen Industriestrategen kaufen vor allem Technologie. So haben sie denn auch im Atombereich eher breit gefächert Anlagenshopping betrieben: zwei britisch-französische Anlagen, zwei franko-französische, zwei kanadische, zwei russische, und nun wird mit den Amerikanern und einem deutsch-französischen Konsortium verhandelt. Nur so erklärt sich auch das inzwischen abgeebbte Interesse an der abgewrackten Hanauer Plutoniumbrennstofffabrik. Plutonium gibt es nämlich in China auch mittelfristig nicht in Mengen, die den Erwerb einer kommerziellen Brennelementefabrik rechtfertigen würden.
Da war auch noch Indien, das einzige Land, das gegenwärtig eine größere Anzahl, insgesamt acht Blöcke, an Atomkraftwerken im Bau hat. Die 15 laufenden Anlagen decken, wie in China, ganze 2 % des kommerziellen Stromverbrauchs im Lande. Die indischen AKW halten den weltweiten Negativrekord des Lastfaktors (% der Nominalkapazität) und sie sind in der Bevölkerung auch wegen ihrer zum Teil katastrophalen Umweltauswirkungen heftig umstritten. Und auch hier ist keinesfalls eine spektakuläre Entwicklung abzusehen.
Das Durchschnittsalter der Atomkraftwerke in der Welt liegt bei etwa 22 Jahren und nimmt rasch zu. Die 109 bereits abgestellten Reaktoren erreichten übrigens nur ein Durchschnittsalter von 21 Jahren. Ganze 17 Blöcke schafften es auf über 30 Jahre Betrieb, darunter die Hälfte militärische Produktionsanlagen, die sich kaum mit Großkraftwerken vergleichen lassen. Selbst wenn die laufenden AKW ein durchschnittliches Betriebsalter von 40 Jahren erreichten (32 Jahre in Deutschland), und man wollte die Anzahl der gegenwärtig in der Welt laufenden Anlagen nur konstant halten, dann müssten in den nächsten 10 Jahren etwa 80 neue Meiler geplant, gebaut und in Betrieb genommen werden - ein AKW alle anderthalb Monate. In den darauf folgenden 10 Jahren wären es gar 200 zusätzliche Kraftwerke - ein AKW alle 18 Tage.
Weder die weltweiten Atomindustriekapazitäten noch die Planungs- und Genehmigungszeiträume wären ausreichend, ein derartiges Programm umzusetzen. In anderen Worten, nur eine erhebliche Verlängerung der durchschnittlichen Betriebszeiten der laufenden Anlagen auf über 40 Jahre könnte es ermöglichen, die Anzahl der AKW wenigstens auf dem heutigen Niveau zu halten. Doch dafür gibt es wenig Anhaltspunkte.
Von "Renaissance" der Atomenergie keine Spur. Die reale Problematik liegt in einem rapide alternden Kraftwerkspark, dessen Betreiber durch diverse Liberalisierungsmaßnahmen in der Stromwirtschaft nun auch noch unter steigenden Produktionsdruck geraten. Die wirkliche Herausforderung liegt in der zunehmenden Gefahr von Attacken gegen laufende Atomanlagen und Spaltmaterialtransporte. Letztendlich vermag die überaus erfolgreiche Schaumschlägerei der Atomindustrie vor allem eines: die öffentlichen Geldhähne wieder bis zum Anschlag für die Atomtechnologie zu öffnen, und vergessen machen, dass die klassischen Probleme der Atomenergie nach wie vor nach Lösungen schreien. Ein Unfall mit massiver Freisetzung von Radioaktivität ist auch 20 Jahre nach Tschernobyl nicht auszuschließen, der Atommüll ist zum großen Teil nicht einmal konditioniert, geschweige denn "entsorgt". Und das iranische Kapitel illustriert auch für den Laien auf das Eindrücklichste, dass sich das Atom nun einmal nicht in ein friedliches und ein militärisches spalten lässt.
Die Atomenergie hat keine Zukunft. Daran wird auch der eine oder andere Neubau nichts ändern. Eine "Renaissance" findet nicht statt, höchstens eine erstaunliche Renaissance der Propaganda der 70er Jahre. Und diese scheint zwar bei diversen Medien und Politikern zu fruchten, nicht aber bei der Bevölkerung. Selbst eine von der Internationalen Atomenergieorganisation in Auftrag gegebene Umfrage zeigt, dass sich in fast allen untersuchten Ländern (73 % in Deutschland, 66% in Frankreich!) eine große Mehrheit gegen den Neubau von Atomkraftwerken ausspricht.
Mycle Schneider ist unabhängiger Energie- und Atompolitikberater und lebt in Paris. Er wird auf dem IPPNW-Tschernobylkongress zum Thema "Renaissance der Atomenergie" - Mythos und Wirklichkeit referieren.
Zum Weiterlesen: www.greens-fa.org/cms/default/dokbin/102/102943.the_world_nuclear_industry_status_report@en.pdf
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