Berlin- Nach Einschätzung der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW kann bereits ein Kurzschluss, beispielsweise infolge eines Unwetters, in Deutschland jederzeit zum Super-GAU führen. "Der Kurzschluss außerhalb des schwedischen Atomkraftwerks Forsmark hat dazu geführt, dass in der Anlage alles aus dem Ruder lief und nur wenige Minuten bis zum Super-GAU gefehlt haben", so Henrik Paulitz, Atomexperte der IPPNW. In Biblis B habe am 8. Februar 2004 ein wetterbedingter Kurzschluss außerhalb der Anlage dazu geführt, dass es zum gefürchteten "Notstromfall" kam. "Hierbei handelt es sich um eine ganz grundlegende, nicht lösbare Sicherheitslücke."
Selbst die atomenergie-freundliche Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) habe schon 1992 in einer Arbeit für das Bundesumweltministerium (BMU) eindringlich vor "Überspannungen" gewarnt. "Praktisch bedeutet das: Es genügt schon ein Unwetter, ein Blitzschlag, Sturm, ein durch Schneelasten umfallender Strommast oder auch ein Sabotageakt, dass es zum Kurzschluss und infolge dessen in den deutschen Atomkraftwerken zu gefährlichen Situationen kommen kann. Laut GRS ist diese Problematik technisch nicht ausreichend verstanden und ein zuverlässiger Schutz ist schlichtweg nicht möglich", so Paulitz.
Immer wieder müsse man sich die Folgen eines derartigen Versagens vor Augen führen. Ein Super-GAU in einem derart dicht besiedelten Gebiet wie Rhein-Main wäre eine unvorstellbare Katastrophe. Ungleich mehr Menschen als in Tschernobyl würden an den Folgen sterben, Aufräumarbeiten wären faktisch unmöglich, die Deutsche Wirtschaft läge am Boden.
Paulitz hält es vor diesem Hintergrund für unzureichend, dass das BMU angesichts des Beinahe-Unfalls in Schweden lediglich klären möchte, "ob die zugrunde liegenden sicherheitstechnischen Mängel auch in deutschen Atomkraftwerken vorliegen können". Seine Kritik: "Das geht nun schon seit fast 40 Jahren so: Behörden und Gutachter schauen sich an, was geschehen ist und versuchen dann, genau den gleichen oder ähnlichen Störfall-Ablauf in der Zukunft auszuschließen. Das Problem ist aber, dass noch immer ständig neue und überraschende Störfall-Abläufe auftreten, mit denen weder die Atomkraftwerksbetreiber noch die Gutachter noch die Behörden zuvor gerechnet haben." Nach Pannen heiße es in den gutachterlichen Stellungnahmen lapidar, die Steuerung des Kraftwerks habe zwar "konzeptgemäß" gearbeitet, doch aufgrund "der besonderen Konstellation der Störung" sei es zum Ausfall eines sicherheitsrelevanten Systems gekommen.
Darüber hinaus würden Atomindustrie und Atomaufsicht auch immer wieder damit konfrontiert, dass Sicherheitssysteme für eine bestimmte Störfall-Situation zwar richtig konzipiert wurden, diese aufgrund von falsch eingestellten Soll-Größen in der Steuerung aber dennoch versagen. "Da gibt es Fälle, dass Siemens falsch eingestellte elektrotechnische Komponenten geliefert hat. Da gibt es Fälle, dass sich Soll-Größen aus unbekannter Ursache oder aufgrund von Alterungserscheinungen verstellt haben. Und es gibt zahlreiche Fälle von Fehlern bei Wartungsarbeiten ", so Paulitz. "Man kann hier noch nicht einmal den Arbeitern einen Vorwurf machen. Es ist das Management von RWE, E.On, Vattenfall, EnBW und Siemens, das um Kosten zu sparen bei den Wartungsarbeiten einen unglaublichen Zeitdruck ausübt und zum Teil auch nicht hinreichend qualifizierte Mitarbeiter beschäftigt."
Die IPPNW fordert das Bundesumweltministerium vor diesem Hintergrund dazu auf, die deutschen Atomkraftwerke vorsorglich abzuschalten und die Öffentlichkeit uneingeschränkt und umfassend über den Vorfall in Schweden zu informieren. Die bisherigen "dürren" Pressemitteilungen des Ministeriums waren nach Auffassung der IPPNW mehr "Desinformation" als "Information".
Kontakt: Henrik Paulitz, Tel.: 0621 3972668 oder Jörg Welke 030 69 80 74 14
Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW),
Körtestr. 10, 10967 Berlin, Fax: 030-6938166, ippnw@ippnw.de; www.ippnw.de
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03.08.2006