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Siemens lieferte schadhafte AKW-Bauteile

Reaktorsicherheit

Das niedersächsische Umweltministerium hat "vorsorglich" die Staatsanwaltschaft Hannover darüber informiert, dass eine Tochtergesellschaft von Siemens Bauteile für das Atomkraftwerk Unterweser geliefert hat, deren Qualität offenbar nicht den geforderten sicherheitstechnischen Ansprüchen genügt. An drei von vier dieser für die Kühlung des Atomreaktors wichtigen Komponenten wurden kürzlich Risse mit bis zu 26 Zentimeter Länge gefunden.

Alle vier Zwischenkühler waren innerhalb der letzten drei Jahre ausgetauscht und durch neue ersetzt worden. Nach Angaben des Umweltministeriums wichen die Schweißnähte der neuen Zwischenkühler bezüglich der Breite und Stärke von den Angaben in der Dokumentation ab. Weiterhin teilte die Behörde mit, dass bei einer speziellen Schweißnaht offenbar bereits bei dem von der Siemens-Tochter beauftragten Lieferanten umfangreiche Reparaturmaßnahmen vorgenommen wurden.

Eine Sprecherin des Ministeriums sagte, man gehe üblicherweise davon aus, dass die Produkte für Atomkraftwerke neuwertig seien. Daher seien die Bauteile beim Einbau in das dem E.ON-Konzern gehörenden Atomkraftwerk (Werbeslogan "Neue Energie") nicht geprüft worden. Der TÜV Nord attestierte bei zwei Bauteilen "gravierende Qualitätsmängel". Die Staatsanwaltschaft soll prüfen, ob Betrug, Urkundenfälschung oder Untreue vorliegen.

Bereits im Februar 2000 hatte es im Atomkraftwerk Unterweser einen ähnlichen Skandal um mangelnde Qualitätssicherung gegeben. Damals hatte Siemens Brennelemente geliefert, deren Sicherheitsnachweise vom Hersteller British Nuclear Fuels gefälscht worden waren. Das Atomkraftwerk musste abgeschaltet und die Brennelemente aus dem Reaktor genommen werden.

Beim Austausch der Zwischenkühler kam es am 20. März 1999 im Atomkraftwerk Unterweser bereits zu einem bedeutenden Störfall. Für den Wechsel des Bauteils mussten zunächst Rohrleitungen an den geplanten Trennstellen "vereist", abgeschnitten und verschlossen werden. An einem dieser sicherheitstechnisch bedeutenden Kühlmittelrohre löste sich nach einiger Zeit ein "Rohrstopfen", so dass das Kühlwasser den sogenannten "Ringraum des Reaktorgebäudes" überflutete. Es gelang, den Vorgang wieder zu stoppen. Laut amtlicher Störfall-Meldeliste versagte der Rohrverschlussstopfen, weil "entgegen dem Instandhaltungsplan vom Instandhaltungspersonal ein nicht geeigneter Verschlussstopfen eingesetzt worden war."

Menschliches Versagen führte auch schon am 6. Juni 1998 zu einem schwerwiegenden Störfall. Zwei von Hand außer Betrieb genommene Sicherheitsventile versagten infolge Störung in der Turbinenölversorgung. Wären mehr Sicherheitsventile außer Betrieb genommen worden, hätte es zum Super-GAU kommen können.

In seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage gestand Umweltminister Jüttner am 21. November ein, dass selbst Reaktorspezialisten die Risiken offenbar nicht hinreichend einschätzen können: "Denn niemand von den Fachleuten hatte damit gerechnet, dass sich bei dieser Prüfung so deutliche Spuren im Material zeigen würden. Wir müssen also herausfinden, woran liegt das: Liegt es am Material, liegt es an einer besonderen Belastung, liegt es an der Konstruktion?"

Ohne die "Belastung" des Materials einschätzen zu können, war sich der Minister dennoch sicher, dass Schäden, Leckagen oder gar ein Bruch der Rohrleitung nicht zu erwarten gewesen wären. Dies könne man schließen aus den bisherigen Prüfergebnissen, aus den "Kenntnissen zum Materialverhalten und den Belastungen auf den Stutzen". Jüttner erklärte, dass derartige Risse "beherrscht" werden würden, "ohne dass Menschen oder Umwelt gefährdet werden. Auch ist in diesen Fällen immer gewährleistet, dass die Wärme aus dem Primärkreis abgeleitet wird."

Am 4. September diesen Jahres musste Unterweser vorzeitig vom Netz genommen werden, weil der Generator defekt war und ausgetauscht werden musste. Seitdem steht der Reaktor still, weil man die Risse fand. Das Atomkraftwerk soll wieder ans Netz gehen, sobald alles "aufgeklärt" ist.

Von Henrik Paulitz

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