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Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl - 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe

Kurzfassung der Studie

06.04.2006 

Die Katastrophe von Tschernobyl hat die Welt verändert. Millionen Menschen wurden über Nacht zu Opfern. Riesige Territorien wurden unbewohnbar. Die radioaktive Wolke zog um die ganze Erde. In den Köpfen zahlloser Menschen wuchs die Erkenntnis von den Gefahren der Kernenergienutzung. Selbst in Deutschland erkrankten und starben Menschen aufgrund der mit der Nahrung und mit der Atemluft in den Körper aufgenommenen Strahlenquellen.

Die Analyse der Tschernobylfolgen wird durch eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Sachverhalte erschwert: Wesentliche Daten zum Ablauf der Tschernobyl-Katastrophe und zu den gesundheitlichen Folgen sind nicht frei zugänglich. Sie unterliegen in Ost und West der Geheimhaltung. Die Ermittlung der Strahlenbelastungen der Liquidatoren und der Bevölkerung überforderte die zuständigen Strukturen. Es gab erhebliche Wanderungsbewegungen aus den mit Radioaktivität belasteten Gebieten in weniger belastete, die heute nur unvollständig rekonstruierbar sind. Kontaminierte Nahrungsmittel wurden in sauberen Gebieten verteilt und saubere Nahrungsmittel in die kontaminierten Regionen transportiert. Damit werden Vergleiche zwischen belasteten und unbelasteten Regionen fragwürdig. Außerdem hat sich die Altersstruktur der drei hauptsächlich betroffenen Staaten der Tschernobyl-Region stark verändert. Das ist bei Vergleichen in der Krebs- und Erkrankungsstatistik nicht einfach zu berücksichtigen.

Stochastische Strahlenschäden sind methodisch schwer nachzuweisen. Große epidemiologische Untersuchungen sind sehr teuer und nur mit staatlicher Unterstützung möglich. Doch sowohl die Regierungen in Russland, Belorussland (Weißrussland) und der Ukraine als auch die der Atomkraftwerke betreibenden Staaten des Westens und auch die relevanten Organisationen der Vereinten Nationen (Internationale Atomenergie Organisation IAEA und Weltgesundheitsorganisation WHO) haben kein Interesse an einer umfassenden und öffentlich überprüfbaren Erforschung der Tschernobyl-Folgen. Hinzu kommt, dass aufgrund der Sprachbarriere viele wichtige, in russischer Sprache publizierte Studien in der westlichen Fachwelt nicht gelesen und berücksichtigt werden.

In der vorliegenden Arbeit wurden Studien ausgewertet, die plausible Hinweise auf Gesundheitsschäden infolge der Katastrophe von Tschernobyl enthalten. Die Autoren der vorliegenden Arbeit legten Wert auf die Auswahl von methodisch sauberen und prinzipiell nachvollziehbaren Analysen. Aufgrund der genannten methodischen Schwierigkeiten geht es in der vorliegenden Arbeit jedoch nicht darum, den offenkundig falschen Zahlen der Internationalen Atomenergie Organisation die „richtigen“ Zahlen gegenüberzustellen, weil es diese aus methodischen Gründen niemals geben wird. Sie kann nur Anhaltspunkte dafür liefern, mit welcher Vielfalt von Gesundheitsschäden wir uns befassen müssen und mit welchen Größenordnungen man es zu tun hat, wenn man von den gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl spricht.

Russischen Angaben zufolge sind über 90 Prozent der Liquidatoren Invaliden (krank und arbeitsunfähig). Überträgt man das auf die Gesamtzahl der Liquidatoren (600.000 bis 1.000.000), dann muss man mit 540.000 bis 900.000 Invaliden alleine aus dieser Menschengruppe rechnen. Liquidatoren altern vorzeitig. Sie erkranken überdurchschnittlich an verschiedenen Krebserkrankungen, an Leukämie, an somatischen und psychischen Erkrankungen, ein sehr hoher Anteil hat Katarakte. Aufgrund der langen Latenzzeiten wird für die kommenden Jahre noch eine erhebliche Zunahme der Krebserkrankungen erwartet.
Prof. Lengfelder kommt zu der Einschätzung, dass bis zum Jahr 2006 50.000 bis 100.000 Liquidatoren gestorben sind. Die Erbgutveränderungen bei Kindern von Liquidatoren und Menschen, die in belasteten Gebieten leben, werden zu einer Belastung künftiger Generationen führen, deren Umfang man überhaupt noch nicht abschätzen kann.

Die Säuglingssterblichkeit (Perinatalsterblichkeit) hat in mehreren europäischen Ländern nach Tschernobyl zugenommen. Die vorliegenden Studien ergeben für Europa Tschernobyl-bedingte Todesfälle unter Säuglingen in der Größenordnung von 5.000.

Auch genetische und teratogene Schäden (Fehlbildungen) haben in mehreren Ländern Europas signifikant zugenommen. Allein in Bayern kam es nach Tschernobyl zu 1.000 bis 3.000 zusätzlichen Fehlbildungen. Es ist zu befürchten, dass es in Europa strahlenbedingt zu mehr als 10.000 schwerwiegenden Fehlbildungen kam. Die Dunkelziffer ist hoch, wenn man berücksichtigt, dass sogar die IAEA zu der Einschätzung kam, dass es in Westeuropa 100.000 bis 200.000 Abtreibungen wegen der Tschernobylkatastrophe gab.
Das ganze Ausmaß der genetischen Schäden infolge der Tschernobylkatastrophe läßt sich nur vage abschätzen. Unter Bezug auf UNSCEAR kommt man auf 12.000 bis 83.000 mit genetischen Schäden geborene Kinder in der Tschernobylregion und etwa 30.000 bis 207.500 genetisch geschädigte Kinder weltweit. In der ersten Generation findet man nur 10 Prozent der insgesamt zu erwartenden genetischen Schäden.

In Belorussland erkrankten seit der Katastrophe über 10.000 Menschen an Schilddrüsenkrebs. Einer WHO-Prognose zufolge werden allein im belorussischen Gebiet Gomel mehr als 50.000 Kinder im Laufe ihres Lebens Schilddrüsenkrebs bekommen. In allen Altersgruppen zusammengenommen wird man dann mit etwa 100.000 Schilddrüsenkrebsfällen in dem Gebiet Gomel rechnen müssen.
Eine Untersuchung für Tschechien ermittelte über 400 zusätzliche Schilddrüsenkrebs-Erkrankungen. Insgesamt wird die Zahl der bisher durch Tschernobyl bedingten Schilddrüsenkrebsfälle in Europa (außerhalb der Grenzen der früheren Sowjetunion) zwischen 10.000 und 20.000 liegen.

Auch andere Krebserkrankungen und Leukämie haben nach Tschernobyl zugenommen. Besonders betroffen sind die Liquidatoren und die Einwohner höher belasteter Gebiete. Frauen erkranken in Belorussland schon in jüngeren Jahren verstärkt an Brustkrebs. In der Ukraine hat die Zahl der Kinder mit bösartigen und gutartigen Tumoren des Zentralnervensystems beunruhigend zugenommen, besonders stark ist die Zunahme dieser Tumoren bei Kleinkindern. In der Ukraine und in Belorussland gab es auch in verschiedenen Bevölkerungsgruppen eine deutliche Zunahme der Neuerkrankungen an Leukämie.

In höher belasteten Gebieten Süddeutschlands gab es eine signifikante Häufung eines sehr seltenen Tumors bei Kindern, des so genannten Neuroblastoms.
Zu signifikanten Anstiegen der Leukämieerkrankungen kam es in Deutschland, in Griechenland, in Schottland und in Rumänien.
Allein in den Falloutgebieten Nordschweden kam es bis 1996 zu 849 zusätzlichen Krebserkrankungen. Es ist zu befürchten, dass sich die sonstigen Krebs und Leukämieerkrankungen nach Tschernobyl auf mehrere Zehntausend belaufen.

Weitgehend unbeachtet von den offiziellen Stellen im Westen kam es in den besonders stark belasteten Regionen zu einem steilen Anstieg verschiedenster somatischer und psychischer Erkrankungen.
In einer vom Tschernobylministerium der Ukraine publizierten Arbeit wurde in der Ukraine eine Vervielfachung der Erkrankungen des Endokrinen Systems (25fach von 1987 bis 1992), des Nervensystems (6fach), des Kreislaufsystems (44fach), der Verdauungsorgane (60fach), des Haut und Unterhautgewebes (50fach), des Knochen-Muskel-Systems und der Psychischen Störungen (53fach) registriert. Unter den Evakuierten sank der Anteil der gesunden Menschen von 1987 bis 1996 von 59 Prozent auf 18 Prozent, unter den Einwohnern in den belasteten Gebieten von 52 Prozent auf 21 Prozent und unter den Kindern betroffener Eltern sank er von 81 Prozent auf 30 Prozent.
Seit mehreren Jahren wird berichtet, daß Diabetes Typ I (Zuckerkrankheit mit Insulinmangel) bei Kindern und Jugendlichen stark zugenommen hat.
Zahlenmäßig überwiegen diese Erkrankungen die spektakulären Leukämie- und Krebserkrankungen bei weitem.

Bei den im September 2005 vom "Tschernobylforum der Vereinten Nationen" unter Federführung der IAEA und der WHO vorgelegten Arbeitsergebnissen zu den Folgen von Tschernobyl lassen sich gravierende Unstimmigkeiten nachweisen. Ein Beispiel: In den Presseerklärungen von WHO und IAEA wird erklärt, dass künftig höchstens 4.000 zusätzli-che Krebs- und Leukämietote unter den am meisten belasteten Menschengruppen zu be-fürchten wären. Im zugrunde liegenden Bericht der WHO für das Tschernobylforum geht es jedoch tatsächlich um 8.930 künftige Tote, die kommen aber in keinem Zeitungsbericht vor. Überprüft man die im WHO-Bericht zu dieser Frage angegebene Literaturquelle, so ergeben sich aus dieser Quelle sogar 10.000 bis 25.000 zusätzliche Krebs- und Leukämietote.
Vor diesem Hintergrund ist nüchtern festzustellen: Die offiziellen Verlautbarungen der IAEA und der WHO manipulieren sogar die eigenen Daten. Ihre Darstellungen der Folgen von Tschernobyl haben mit der Realität wenig zu tun.

Das Tschernobylforum berücksichtigt auch nicht, dass sogar UNSCEAR die Kollektivdosis (das übliche Maß für Strahlenschäden) für Europa außerhalb des Gebietes der ehemaligen Sowjetunion höher einschätzt als die entsprechenden Daten für die Tschernobylregion. Die Kollektivdosis infolge der Katastrophe verteilt sich zu 53 Prozent auf Europa außerhalb des Gebietes der ehemaligen Sowjetunion, 36 Prozent auf die betroffenen Gebiete der ehemaligen Sowjetunion, 8 Prozent auf Asien, 2 Prozent auf Afrika und 0,3 Prozent auf Amerika. Folgt man den Daten und der Denkweise von UNSCEAR und WHO, so ergeben sich 28.000 bis 69.000 Krebs- und Leukämietote infolge der Tschernobylkatastrophe weltweit. Würde man die Krebserkrankungen zählen, käme man zusätzlich auf deutlich höhere Zahlen.

Bisher gibt es keinen geschlossenen Überblick über die Veränderungen des Gesundheitszustandes der gesamten betroffenen Bevölkerung in der Tschernobylregion und erst recht keinen Überblick über die Folgen der Katastrophe für die Menschen auf der nördlichen Halbkugel. Die erwähnten Zahlen sind einerseits erschreckend hoch, an anderer Stelle scheinbar niedrig. Dabei ist zu bedenken, dass nahezu alle hier zusammengetragenen Studien sich mit relativ kleinen Teilgruppen aus der Bevölkerung befaßt haben. Selbst unscheinbar anmuten-de Veränderungen von Erkrankungsraten können jedoch gravierende Gesundheitsschäden und ein großes Ausmaß an menschlichem Leid bedeuten, wenn sich diese Raten auf eine große Population beziehen.

Von Sebastian Pflugbeil, Henrik Paulitz, Angelika Claußen, Inge Schmitz-Feuerhake