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Die Lüge von Tschernobyl - auf der Waage

Auszug aus der Rede von Alla Jaroshinskaya

Jeder hat seine eigenen Gründe, sich an den April 1986 zu erinnern oder sich nicht zu erinnern. Ich habe diesen Tag für immer im Gedächtnis. Wegen des "reinen Zufalls", dass gerade damals in der Nähe der Stadt, in der wir wohnten, der Atomreaktor in Tschernobyl explodierte.

Obwohl es offiziell keine Informationen über die Explosion in dem AKW von Tschernobyl in den sowjetischen Massenmedien gab, wuchs in den benachbarten Städten und Dörfern von Tag zu Tag die Panik, und die unglaublichsten Gerüchte kursierten. Das Jod verschwand aus den Apotheken. Viele Menschen haben es, um sich vor Strahlung zu schützen, pur getrunken und verbrannten sich dabei den Kehlkopf und das Gedärm.

Die geheime Kanzlei der Macht

Darüber, dass in der UdSSR der Block 4 des AKW von Tschernobyl explodierte und die Strahlungswerte stiegen, erfuhren wir von den "feindlichen" Radiostimmen hinter der verschlossenen Küchentür. Denn unsere führende und lenkende (Partei) berichtete über den Unfall erst am dritten Tag nach dem Unglück - mit zwei Zeilen und mit vorgehaltener Hand.

Die amtliche Medizin hüllte sich heldenhaft fast zwei Wochen in Schweigen. Endlich ließ der Gesundheitsminister der Ukrainischen SSR A.Romanenko die Empfehlungen vom Stapel, man solle die Fenster schließen und die Füße abtreten. Sein jämmerlicher Auftritt provozierte noch größere Panik.

Am ersten Mai erschienen viele Menschen bei der Demonstration. In der Kiewer Hauptstraße Kreschtschatik tanzten die Kinder in nationalen Trachten. Während die Parteibonzen auf den Tribünen das Bild genossen, atmeten sie den radioaktiven Dunst ein. Zur gleichen Zeit wurde ihre "goldene" Nachkommenschaft eilig möglichst weit vom Unglücksort in Sicherheit gebracht. Dabei freute sich die Regierung über die Kinder der betrogenen Menschen, und vor der Weltgemeinschaft wurde die Illusion geschaffen, es sei alles in Ordnung. (Nach dem geheimen Bericht des damaligen Parteijournalisten W. Gubarew, den ich erst in diesem Jahr zu lesen bekam, haben damals Tausende Schlange vor den Sonderkassen des ZK der KPU gestanden, um Fahrkarten zu erwerben!)

Zu diesem Zeitpunkt lief die Höllenmaschine der Partei auf vollen Touren. Einerseits wurden die Lügen für das Land und die Welt produziert - die "Prawda" besang die Havarie unter denr zynischen Überschriften "Die Nachtigalen über Pripjat", "Souvenirs vom Reaktor" usw. Gleichzeitig wurden verbrecherische geheime Verordnungen und Verfügungen erlassen. In meinem Tschernobylarchiv bewahre ich bis heute die geheimen Dokumente der Partei und Regierung auf, die ich beschaffen konnte. Für diese Dokumente wurde bereits bezahlt - mit Zehntausenden von Todesfällen der Katastrophenhelfer und der Opfer der Katastrophe und mit dem Verlust der Gesundheit und der Lebensqualität von neun Millionen Menschen, die immer noch in den verstrahlten Zonen leben müssen.

Hier ist eines der geheimen Dokumente - «Verordnung der dritten Hauptverwaltung des Gesundheitsministeriums der UdSSR vom 27. Juni 1986 „Über die Erhöhung der Geheimhaltungsstufe bei den Arbeiten zur Liquidierung der Folgen des Unfalls auf dem AKW von Tschernobyl” « (…) 4. Informationen über den Unfall sollen geheim gehalten werden. 8. Informationen über die Ergebnisse der medizinischen Behandlung sollen geheim gehalten werden. 9. Informationen über das Ausmaß der radioaktiven Belastung des Personals, das sich an der Liquidierung der Folgen des Unfalls auf dem AKW von Tschernobyl beteiligte, sollen geheim gehalten werden. Leiter der dritten Hauptabteilung des Gesundheitsministeriums der UdSSR Schulzhenko“.

Und noch ein schreckliches Dokument - «Erläuterungen der zentralen militärärztlichen Kommission des Verteidigungsministeriums der UdSSR- vom 8.07.87, No. 205: « (...) 2. Die starken akuten körperlichen Störungen sowie die Merkmale der chronischen Erkrankung bei den Personen, die zur Beseitigung der Folgen der Havarie herangezogen wurden und die nicht an der akuten Strahlenkrankheit leiden, dürfen nicht in die kausale Verbindung mit der Einwirkung der ionisierenden Strahlung gebracht werden. 3. Bei der Ausstellung von Krankheitsscheinen für Personen, die früher zu Arbeiten auf dem AKW von Tschernobyl herangezogen wurden und die keine akute Strahlenkrankheit haben, sollen im Punkt 10 die Tatsache ihrer Einbeziehung in die erwähnten Arbeiten wie auch die summarische Strahlendosis, die den für die Strahlenkrankheit ursächlichen Pegel nicht erreichte, nicht vermerkt werden. Leiter der 10. militärischen Beratungskommission, Oberst im medizinischen Dienst Bakschutow.

Diese verbrecherischen Anweisungen wurden von der Tschernobylregierungskommission selbst ausgestellt - «Verzeichnis der Informationen zu Fragen des Unfalls auf dem AKW von Tschernobyl, die in der öffentlichen Presse, im Radio und Fernsehen nicht veröffentlich werden dürfen“, No. 423 vom 24. September 1987. Darin wird ferner vorgeschrieben, folgende Informationen geheim zu halten: «2. die Informationen über die Daten der Verschlechterung der physischen Arbeitsfähigkeit, über den Verlust der Berufsfähigkeit des tätigen Personals, das unter besonderen Bedingungen auf dem AKW von Tschernobyl tätig ist sowie von Personen, die zur Beseitigung der Folgen der Havarie herangezogen wurden.

Diese Dokumente waren keine belanglosen Papiere. Sie versetzten die Redakteure in Angst und Schrecken. So legte sich ein Schleier des Schweigens über alles, was in und um Tschernobyl herum tatsächlich passierte. Dabei war in Moskau die von Gorbatschow initiierte Glasnost und Perestrojka bereits in vollem Gange!

Viele Jahre gab es keinen Zugang zu den streng geheimen Parteidokumenten. Erst 1991 konnte ich gelang es mir, mir Zutritt zu ihnen zu verschaffen, als ich als Volksabgeordnete der UdSSR in der Kommission des Obersten Sowjets zur Untersuchung der Handlungen von Amtspersonen im Zusammenhang mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl gearbeitet habe. Nach dem Verbot der kommunistischen Partei begann die Übergabe ihres Archivs. So erhielten wir endlich die geheimen Protokolle der operativen Gruppe des Politbüros zu dem Unglück.

An einem der Dezembertage 1991, als die UdSSR sich bereits im Prozess der Selbstauflösung befand und das Parlament seine letzten Monate fristete, kam ich zum Gebäude am Nowyj Arbat, wo unsere Kommission untergebracht war und sah, dass ein Auto mit dem Archiv der Abgeordneten beladen wurde. Mir ging ein Licht auf: Jetzt werden auch die geheimen Parteiprotokolle weggeschafft, und keiner wird sie jemals zu Gesicht bekommen! Wir aber haben es nicht einmal geschafft, sie wenigstens durchzulesen. In diesem Moment beschloss ich, Kopien davon zu machen, koste es was es wolle. Im Arbeitszimmer öffnete ich den Panzerschrank und nahm einen schweren Dokumentenstapel heraus. Ich sah diese Papiere zum ersten Mal, aber, nachdem ich sie durchblätterte, verstand ich, es handelte sich um einen wahren Schatz mit dem Stempel „streng geheim“, mit den Siegeln des Politbüros und den Unterschriften der sowjetischen Regierung. Ich brachte unverzüglich vierzig geheime Protokolle – fast 600 Seiten – in die Kopierabteilung. (Man bedenke, dass es zur damaligen Zeit in der UdSSR kaum Kopiergeräte gab.)

Aber ich erhielt keine Kopien zurück. Ein gewisser Vladimir Pronin aus der zweiten Abteilung des Obersten Sowjets der UdSSR verhinderte dies. Es stellte sich heraus, dass die Abgeordneten in den Wänden des Obersten Sowjets ständig von Sonderdiensten überwacht wurden! Das war ein Schock! Ich ging zum Leiter der Sonderabteilung des Sekretariats des Obersten Sowjets der UdSSR Anatolij Bekro und erklärte ihm wutentbrannt, dass ich immer noch eine Abgeordnete sei und dass ich das Recht habe, Kopien zu machen. Er sagte mir seelenruhig, dass er nicht zulassen dürfe, die Dokumente ohne Genehmigung zu kopieren. Um diese zu erhalten, sollte ich mich an die Organisation wenden, die sie zur Verschlusssache erklärt hatte und erst dann... Zur Erinnerung - das alles spielte sich bereits nach dem Augustputsch 1991 ab. Der Präsident von Russland Boris Jelzin hatte bereits die KPdSU verboten, und einige Mitglieder des Politbüros dieser Partei dachten über ihr Leben im Gefängnis "Matrosenruhe" nach.

Ich nahm die Dokumente mit und rief über Sondertelefon Vadim Bakatin, den neuen KGB-Chef an, den Gorbatschow anstelle des ehemaligen Krjutschkow ernannte. Ich bat Bakatin, mir zu helfen. Seine Antwort war erschütternd: «Ich kann Ihnen nicht helfen. Das sind nicht unsere Kader. Sie unterstehen mir nicht». So erfuhr ich zufällig, dass im Obersten Sowjet der UdSSR eine geheime Organisation existierte, die, wie mir Bakatin sagte, unmittelbar seinem Vorsitzenden unterstand und das "Monitoring" der Tätigkeit der Abgeordneten durchführte.

Mir wurde schlagartig klar, dass mir niemand helfen würde. Zugleich wusste ich, dass ich diesen Schatz nicht einfach in den Panzerschrank zurücklegen und vergessen konnte. Also steckte ich die Protokolle in meine Tasche und ging auf die Straße. Was sollte ich nun machen? Ich beschloss in die Zeitungsredaktion der "Izwestija" zu gehen. Hier fand sich ein Kopiergerät. Wenig später verließ ich die Redaktion mit zwei Taschen - mit Originalen und Kopien.

Ich steckte die Originale in den Panzerschrank zurück und überlegte mir: im Land ist alles so unsicher. Was wenn die Kommunisten morgen wieder an die Macht kommen, was wird aus meiner Familie, wenn ich einen Artikel über diese Protokolle veröffentliche? Sie werden sagen, dass es diese Dokumente niemals gab und dass ich alles erfunden hätte. Und - richtig! - ich werde genau dort landen, wo jetzt die Putschisten sitzen. Ich öffnete den Panzerschrank wieder, nahm das erste Protokoll - das Original - heraus - und legte an seiner Stelle die Kopie hinein. (Herr, vergib mir!)

Als in der "Iswestija" mein Artikel veröffentlicht wurde, rief mich der Direktor des Staatsarchivs Rudolf Pichoja an. Er fragte mich erstaunt, woher ich diese Dokumente hätte. Denn er hatte sie nicht!

Nach fast 20 Jahren, denke ich, während ich das Tschernobylarchiv ordne, dass das wichtigste und schrecklichte Isotop, das aus dem Rachen des Redakteurs kam, eben in der Tabelle von Mendeleew fehlt. Es ist das Isotop der Lüge-86. Die Lüge ist genauso furchtbar, wie die globale Katastrophe selbst.


Auszüge aus der Rede von Alla Jaroschynskaja anlässlich des IPPNW-Tschernobylkongresses am 7. April in Bonn.

Aus dem Russischen übersetzt von Nadja Simon.







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