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Fakten statt Mythen

Wie sicher sind die deutschen Atomkraftwerke?

15.01.2010

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat angekündigt, die Laufzeiten für "sichere" Atomkraftwerke verlängern zu wollen. Das gelte nicht für "unsichere" Atomkraftwerke. Was aber sind sichere, was sind unsichere Atomkraftwerke? Kaum jemand kann diese Frage wirklich beantworten. Statements von Politikern und Lobbyisten erfolgen vielfach ohne tiefgreifende Kenntnisse. Aufsichtsbehörden und Gutachterorganisationen vermeiden es, sich gegenüber der Öffentlichkeit umfassend und differenziert zu äußern. Viele Atomkraftgegner sprechen über nichts anderes mehr als über einen möglichen Flugzeugabsturz. Jahrelange gründliche Recherchen der IPPNW können helfen, das Sicherheitsniveau der deutschen Atomkraftwerke besser zu beurteilen.

Die von manchen Politikern der neuen Bundesregierung herbeigesehnte Einteilung in "sichere" Kernkraftwerke auf der einen Seite und in "unsichere" Kernkraftwerke auf der anderen Seite ist eine Illusion. Alle Fachleute wissen, dass es bei Atomkraftwerken nur mehr oder weniger Sicherheit gibt. Es gibt lediglich relative Sicherheit bzw. Unsicherheit.

 

Unfälle und Beinahe-Unfälle

Es ist einerseits eine Tatsache, dass es glücklicherweise nicht jährlich zu einem Atomunfall kommt. Andererseits belegt der Atomunfall im US-Atomkraftwerk Harrisburg (Three Mile Island) von 1979, dass es nicht nur im osteuropäischen Tschernobyl (1986), sondern auch in einem westlichen Atomkraftwerk bereits zu einem Kernschmelzunfall kam (Teil-Kernschmelze). Der Totalschaden von Block A des Atomkraftwerks Gundremmingen im Jahr 1977 zeigt, dass man diese Technik auch in Deutschland keinesfalls sicher im Griff hat.

Ausgesprochen gefährliche Ereignisse wie etwa 1987 in Biblis A (Deutschland), 1995 in Biblis B (Deutschland), 2001 in Maanshan (Taiwan), 2006 in Forsmark (Schweden) oder 2007 in Krümmel (Deutschland) machen deutlich, dass es trotz der jahrzehntelangen Betriebserfahrung jederzeit wieder zur Atomkatastrophe kommen kann.

In Forsmark stand man 2006 laut Aussage des ehemaligen Konstruktionsleiters des Kraftwerks, Lars-Olov Höglund, kurz vor einem Kernschmelzunfall. 

 

Risikostudien 

Die 1989 veröffentlichte "Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke - Phase B" kam zum Ergebnis, dass es im deutschen Referenz-Atomkraftwerk Biblis B zu einem schweren Kernschmelzunfall kommen kann. Die von der "Gesellschaft für Reaktorsicherheit" (GRS) federführend erstellte, aufwändige Untersuchung bescherte der Fachwelt "erschreckende Ergebnisse": Bei einer Kernschmelze kommt es sehr schnell zu massiven Freisetzungen von Radioaktivität.  

Eine Risikostudie der GRS aus dem Jahr 2001 kam zum Ergebnis, dass es auch in den zuletzt in Deutschland errichteten "Konvoianlagen" (Isar-2, Emsland, Neckarwestheim-2) zum Super-GAU kommen kann (Titel der Untersuchung: "Bewertung des Unfallrisikos fortschrittlicher Druckwasserreaktoren in Deutschland").  

Gutachterorganisationen wie die GRS oder auch die TÜVs halten einen Atomunfall zwar für eher unwahrscheinlich. Hierbei ist aber zu bedenken, dass diese Gutachterorganisation auch im Vorfeld von Harrisburg und Tschernobyl einen Atomunfall als "praktisch ausgeschlossen" ansahen. Tschernobyl war in den Augen der Gutachter ein "sicheres" Atomkraftwerk - bis es schließlich 1986 zur Katstrophe kam.

Die Gutachterorganisationen waren trotz jahrzehntelanger Erfahrung nicht dazu in der Lage, die Geschehensabläufe der oben genannten Beinahe-Unfälle vorherzusehen und die Fehlerquellen rechtzeitig zu beseitigen. Bis heute werden Betreiber, Gutachter und Aufsichtsbehörden immer wieder mit neu erkannten Schwachstellen konfrontiert.

 

Internationaler Vergleich

Ein internationaler Vergleich der OECD kam auf der Grundlage von Risikostudien zu dem Ergebnis, dass die deutsche Referenz-Anlage Biblis B hinsichtlich der "Kernschmelzfestigkeit" katastrophal schlecht abschneidet. Die Untersuchung belegt, dass in Deutschland nicht unbedingt die sichersten Atomkraftwerke der Welt betrieben werden.

Mehr zum Thema:
Die Legende von den sichersten Atomkraftwerken der Welt

 

Biblis B: Mehr als 200 Sicherheitsmängel

Die IPPNW klagt vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof auf Stilllegung des Atomkraftwerksblocks Biblis B. Im Rahmen dieser Klage führte die IPPNW jahrelange gründliche Recherchen durch und hatte Zugang zu einem Teil der Akten bei der hessischen Atomaufsicht. Im Ergebnis dokumentierte die IPPNW - gestützt auf die Bewertungen anerkannter Sichereitsexperten - mehr als 200 schwerwiegende Sicherheitsmängel.

Wer sich ernsthaft mit dem Sicherheitsstandard von Druckwasserreaktoren der zweiten Generation auseinandersetzen möchte, dem sei die Anlage A der Begründung der Biblis-Klage empfohlen:

Anlage A: Schwerwiegende Sicherheitsmängel des Atomkraftwerks Biblis B

 

 

Siedewasserreaktoren der Baureihe 69: Unzureichende Kernschmelzfestigkeit

 

Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) sieht bei den älteren deutschen Siedewasserreaktoren der Baulinie 69 (900 Megawatt-Klasse) erhebliche Sicherheitsprobleme. Referenzanlage einer Untersuchung war das Atomkraftwerk Philippsburg-1. 

Mehr zum Thema:
GRS-Studie
Fehlende Kernschmelzfestigkeit von Philippsburg-1, Isar-1 und Brunsbüttel
 

 

 

Sicherheitsmängel der "neueren" deutschen Atomkraftwerke

Die vierte Druckwasserreaktor-Generation, die so genannten "Konvoianlagen" (Isar-2, Emsland, Neckarwestheim-2) werden vielfach als "sicher" eingeschätzt. Aktuelle Analysen der GRS zeigten allerdings zur Überraschung der Bundesatomaufsicht, dass auch die Konvoianlagen gefährliche Sicherheitsmängel aufweisen.

Mehr zum Thema:
Sicherheitsdefizite der Konvoianlagen 

 

Henrik Paulitz

 

 

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Video: Biblis angeklagt

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